Ichner Bernhard

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Muslimische Frauen: "Misstrauen in die Politik ist groß"

Zeynep Elibol, Studentin Feyza Cesur und Carla Amina Baghajati präsentieren die Deklaration am Dienstag.

Muslimische Frauen: "Misstrauen in die Politik ist groß"

In der Deklaration "Musliminnen am Wort" pochen Tausende Frauen auf ihr Selbstbestimmungsrecht - auch punkto Kopftuch.

"Wir müssen lauter werden, denn im Moment werden wir nicht gehört", erklären Carla Amina Baghajati und Zeynep Elibol. Mit "wir" meinen die Leiterin des Schulamts der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) und die Direktorin der islamischen Fachschule für soziale Bildung Musliminnen in Österreich. Diese seien unzufrieden mit der Stimmung im Land, fühlten sich gemobbt, entmündigt und bevormundet. Diskussionen über etwaige Kopftuch-Verbote beschäftigen sie ebenso wie der Kampf für mehr Mitsprache innerhalb der muslimischen Community. Darum will man nun mit der Deklaration "Musliminnen am Wort" - sozusagen dem muslimischen Pendant zum Frauenvolksbegehren - an die Öffentlichkeit treten.

Musliminen wollen für mehr Rechte kämpfen

In der Erklärung, die die Projektleiterinnen Baghajati und Elibol am 12. März präsentieren, pochen die Frauen auf ihr Selbstbestimmungsrecht. Sie sprechen sich gegen "eine Verbotspolitik auf unseren Köpfen" aus. Mit Projektionen auf das Kopftuch müsse endlich Schluss sein, heißt es in Richtung der Bundespoltik: Das Kopftuch bedeute nicht, dass eine Frau bevormundet werde, konservativ, fremd oder integrationsunwillig sei. Und es sei auch kein politisches Symbol oder gar Zeichen des "politischen Islam". Die Behauptung der Politik, Musliminnen vor Bevormundung schützen zu wollen, dürfe nicht zu deren Entmündigung führen. Denn was das Kopftuch ausdrücke, entscheide allein die Trägerin selbst.

Forderungen

Weiters müsse die österreichische Politik "die Erziehungsarbeit muslimischer Eltern anerkennen und mit diesen zum Wohl der Kinder kooperieren anstatt sie zu verunglimpfen". Ein Verbot des Kopftuchs im Volksschulalter wäre kontraproduktiv, meinen die Projektleiterinnen. Denn Eltern agierten heuer "viel reflektierter als früher". Heute wisse man, dass Mädchen Raum zur Entfaltung brauchen, so Baghajati. Den Kindern werde nunmehr vermittelt, dass sie das Kopftuch tagen können, wenn sie das wollen; dass es aber auch ok sei, wenn sie es wieder ablegen. Diese Strategie funktioniere gut. Ein staatlicher Verbot würde "den entspannten Umgang mit der Thematik jedoch zerstören und eine Jetzt-erst-recht-Reaktion auf Seite der Eltern provozieren".

Gefordert wird zudem eine Frauenpolitik, die Musliminnen auf Augenhöhe einbezieht. "Redet mit uns, nicht über uns", lautet das Motto. Und auch die Integration in den Arbeitsmarkt wird thematisiert. So müsse der Fokus auf der Qualifikation einer Frau liegen und nicht auf der Frage, ob sie ein Kopftuch trägt oder ob ihr Name ausländisch klingt.

Innerhalb der muslimischen Community fordern die Unterstützerinnen der Frauen-Deklaration die Verwirklichung der Beschlüsse der Imamekonferenzen von 2003, 2006 und 2010. Also unter anderem mehr Teilhabe und Mitsprache in den Verbänden sowie in den Gremien der IGGÖ. Zudem gelte es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Und Männer zu stärken, die sich für Frauenrechte einsetzen.

"Misstrauen in die Politik ist groß"

Rund 3000 österreichische Musliminnen unterstützen die Deklaration bis dato. Dass nicht noch mehr unterschrieben haben, liege am aktuellen Klima, berichten die beiden Projektleiterinnen. "Viele hatten Angst, dass mit ihrer Unterschrift etwas passieren könnte. Das Misstrauen in die Politik ist groß", erklären Baghajati und Elibol. Nachsatz: "Das müsste eigentlich ein Weckruf sein."

Die Erklärung, die in einem ersten Schritt medial verbreitet und IGGÖ-intern in den Gremien und Verbänden verbreitet werden soll, wurde aber keineswegs von einer kleinen Elite formuliert. "Die Deklaration wird zivilgesellschaftlich getragen", betont Baghajati. An der Formulierung der Forderungen und des eigenen Rollenverständnisses seien über mehrere Monate Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und verschiedenster Ethnien beteiligt gewesen: politisch gebildete Intelektuelle ebenso wie solche, die zurückgezogen leben. Schülerinnen und Studentinnen genau wie Hausfrauen "Misstrauen in die Politik ist groß"(die den Terminus ablehnen und sich selbst als Haushaltsmanagerinnen verstehen) und Seniorinnen. 

Die Deklaration beinhalte daher nicht einen Stereotyp - also das Bild der muslimischen Frau, sondern einen roten Faden, auf den sich alle Teilnehmerinnen einigen konnten, betont Baghajati. So verstehen sich muslimische Schülerinnen und Studentinnen als Zukunftsträgerinnen; Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen sagen, sie seien Akteurinnen im Dienste des sozialen Zusammenhalts; Mütter rücken das Wohl ihrer Kinder in den Mittelpunkt und Lehrerinnen meinen, die Persönlichkeiten ihrer Schülerinnen zu stärken. Es gehe darum, „klare Position in einem säkularen Rechtsstaat zu beziehen“, um einen Prozess in Gang zu setzen.

Zeynep Elibol, Studentin Feyza Cesur und Carla Amina Baghajati präsentieren die Deklaration am Dienstag.

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Tarafa Baghajati: „Der IGGÖ-Präsident muss unabhängig sein“

Tarafa Baghajati

Die Vertretung der österreichischen Muslime steht vor einem umfassenden Reformprozess.

In der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) stehen die Zeichen auf Neuanfang. Nachdem der Schurarat Neuwahlen beschloss und nach 2,5 Jahren Amtszeit das vorzeitige Ende der Ära von Präsident Ibrahim Olgun einläutete, soll nun ein Reformprozess stattfinden. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt Tarafa Baghajati, Imam und Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher (IMÖ), vor welchen Herausforderungen der künftige Präsident steht.

Wer auch immer am 8. Dezember zu Olguns Nachfolger gewählt wird, müsse die Bedeutung der Glaubensgemeinschaft erhöhen – bzw. wieder herstellen. „Die IGGÖ muss wieder ein Faktor im Diskurs um Islam und Muslime werden“, meint Baghajati. „Zurzeit sind wir nur mehr Zuschauer.“ So sei die offizielle Vertretung der Muslime in Österreich etwa vor der 15a-Vereinbarung zum Kopftuchverbot im Kindergarten von der Bundesregierung nicht einmal zu Gesprächen eingeladen worden. Olgun sei in der aktuellen politischen Situation „zum Teil überfordert“ gewesen.

Wer immer ihm nachfolgt, habe drei Voraussetzungen zu erfüllen, sagt Baghajati: „Es muss indiskutable Bedingung sein, dass der Präsident und alle Funktionäre an Schlüsselstellen nicht nur kompetent, sondern auch unabhängig sind. Und dass sie strikt die Politik des Verbandes, aus dem sie kommen, von jener der IGGÖ trennen.“ Unabhängigkeit bedeute, dass Entscheidungsträger „ausschließlich im Dienst der österreichischen Muslime stehen und keinen Einfluss aus dem Ausland zulassen“. Die ethnische Zugehörigkeit sei den allgemeinen Bedürfnissen unterzuordnen.

Emanzipation

Dieses Amtsverständnis war bisher nicht klar festgelegt, im Zuge des Reformprozesses gebe es aber Bestrebungen in diese Richtung. „In unserem eigenen Interesse“, wie Baghajati betont. Um für alle Muslime gleichermaßen glaubwürdig zu sein, empfiehlt er dem künftigen Präsidenten, aus dessen Verband austreten.

Es ist durchaus möglich, dass das die der Milli-Görüs-Bewegung nahestehende Islamische Föderation betreffen wird. Denn obwohl bis dato niemand für Olguns Nachfolge kandidiert hat, werden dem Vorsitzenden des Schurarats, Ümit Vural, gute Chancen nachgesagt. Er selbst will das nicht kommentieren.

Vurals Zugehörigkeit zur Islamischen Föderation könnte zwar eine Steilvorlage für externe Kritiker sein. Dass die IGGÖ Schaden nehmen könnte, glaubt Baghajati aber nicht. Mit seiner Emanzipation vom Heimat-Verein würde der künftige Präsident beweisen, dass er kein Befehlsempfänger sei.

Davon abgesehen stellt der IGGÖ-Experte aber klar: „Wir wählen unsere Vertreter nicht auf Bestellung der österreichischen Politik oder der Medien. Das ist unsere interne Angelegenheit.“ Vural, der Reformbereitschaft mitbringe und sich punkto Krisenmanagement ausgezeichnet habe, habe seine volle Unterstützung. Andere ernst zu nehmende Namen hätten sich nicht herauskristallisiert.

Teamarbeit

Geht es nach den Reformwilligen in der IGGÖ könnte sich auch die Arbeitsweise des Präsidenten ändern. „Die Zeiten, in denen einer als alleiniger ‚Führer‘ handelt, müssen vorbei sein“, meint Baghajati. Der nächste Präsident sei gut beraten, sich ein unabhängiges Team der besten Köpfe zusammenzustellen, dass die Themenbereiche Bildung, Integration, Frauen, humanitäre Einsätze und Medien abdeckt.

Und noch mehr sei nicht in Stein gemeißelt, erklärt der IMÖ-Obmann. Etwa könne die IGGÖ „nicht ewig einen Mufti (einen islamischen Rechtsgelehrten; Anm.) beschäftigen, der nicht Deutsch kann“.

Baghajati plädiert weiters für ein freiwilliges Bekenntnis dazu, dass keine Ethnie mehr als 50 Prozent in einem IGGÖ-Gremium hat (Zurzeit sind zirka 60 Prozent des Schurarats türkischstämmig.) und für eine Mindestfrauenquote von 20 und später 30 Prozent. Zudem sollten Muslime, die keinem Verband angehören, die Möglichkeit zur Mitarbeit in der IGGÖ bekommen.

(kurier.at) | Stand: ‎15‎.‎11‎.‎2018, 6:00 | Autor: Bernhard Ichner

https://kurier.at/chronik/wien/neuwahlen-der-iggoe-praesident-muss-unabhaengig-sein/400324362

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