Rache statt Gerechtigkeit?

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Dienstag, 2 Januar, 2007
Rache statt Gerechtigkeit?

Wie die irakische Regierung einen Diktator zum Märtyrer machte - ein Kommentar der anderen aus muslimischer Sicht von Tarafa Baghajati Wie die irakische Regierung einen Diktator zum Märtyrer machte: die Vollstreckung des Todesurteils gegen Saddam Hussein aus muslimischer Sicht.

Die Vollstreckung eines Todesurteils erscheint heute generell - zu Recht - diskussionswürdig. Im Falle Saddam Husseins umso mehr, als hier auch politische Aspekte eine wesentliche Rolle spielen.

Dass er genau in jenen Stunden hingerichtet wurde, in denen weltweit die Muslime zu ihrem höchsten Feiertag Opfertiere schlachten, um so des Propheten Abraham und der an ihn gerichteten Botschaft Gottes "Keine Menschenopfer!" zu gedenken, wirft Fragen auf. Wäre eine Hinrichtung genau zu Weihnachten, Karfreitag oder Ostern in einem mehrheitlich christlichen Land vorstellbar? Gewollt oder ungewollt manifestiert sich hier eine zweifelhafte Symbolik, Attribute wie pietätlos, provokant oder beleidigend drängen sich auf.

Die Bilder von der Verlesung des Gerichtsurteils zeigten, wie die Henker sich wie die Mitglieder einer Bande gebärdeten und immer wieder den Namen des unter Saddams Diktatur getöteten schiitischen Geistlichen Muhammad Baqir al-Sadr riefen, als handelten sie im Zeichen der Rache. Dass das tatsächliche Urteil wegen 148 im Dorf Dujail getöteter Schiiten ausgesprochen worden war, dürfte im Hinrichtungsraum völlig aus dem Blick geraten sein ...

Politischer Prozess

Saddam Hussein wurde, wie von Human Rights Watch und vielen anderen unabhängigen Beobachtern festgestellt, in einem politischen Prozess von seinen Feinden zum Tode verurteilt. Der irakische Premier Nuri al-Maliki musste mit seiner Unterschrift hastig einspringen, weil sich Präsident Talabani geweigert hatte, zu unterzeichnen.

Mit dieser Unterschrift hat al-Maliki die ohnehin geringe Chance, sich mit seiner Führung als glaubhafter Gegner jeder Form politischer Willkür zu profilieren und so als Wahrer der Rechtsstaatlichkeit in die Geschichte einzugehen, vertan. Es muss in Erinnerung gerufen werden, dass Saddam Hussein im Kriegszustand nicht von den Irakern, sondern von Amerikanern inhaftiert wurde und bis zu seiner Hinrichtung in US-Gewahrsam blieb. Der Irak ist bis heute weit davon entfernt, ein freier und unabhängiger Staat zu sein. Die Verantwortung für die Sicherheitspolitik des Landes liegt auch laut der umstrittenen UN-Sicherheitsresolution 1546 vom 8. Juni 2005 weiterhin in den Händen der Besatzungsmächte.

Kontraproduktiv

Die jetzige Regierung hat sich nun endgültig selbst disqualifiziert. Dazu kommt, dass die schnelle Exekution wohl auch vor dem Hintergrund zu sehen ist, dass es den USA gelegen scheint, eine wirkliche Aufarbeitung der irakischen Vergangenheit, vor allem der Kriege gegen den Iran und Kuwait und der damit in Verbindung stehenden eigenen Verflechtung, zu untergraben.

Unfair wäre es hingegen, schlicht von einem Racheakt Schiiten gegen Sunniten auszugehen. Die schiitische Tradition kennt mit den Tugenden Gerechtigkeit, Mut und Größe zur Verzeihung drei wesentliche Elemente, die alle von al-Maliki ignoriert wurden. Die im Fernsehen gezeigten spärlichen "Siegesfeiern" von Schiiten fallen in die gleiche Kategorie wie das "Straßenfest" in Bagdad als Willkommensakt für die US-Soldaten am 9. April 2003.

Mulmiges Gefühl

Nicht minder unangemessen wäre es auch, gegen das Urteil aufgebrachte Bürger als "Anhänger Saddams" oder "Baathisten" abzutun. Man muss kein Anhänger des Ex-Diktators sein, um ein mulmiges Gefühl bei seiner Hinrichtung zu bekommen. Auch jene, die ihn zum Märtyrer erklären, rechtfertigen großteils keinesfalls seine tyrannischen Taten, sondern sehen ihn als Symbol der Ablehnung militärischer US-Übermacht. Wäre eines der vielen versuchten Attentaten gegen ihn während seiner Regierungszeit geglückt, dann wären gewiss keine Tränen geflossen. Erst die amerikanischen Besatzer und der machtlose Premier haben es geschafft, Saddam in den Augen vieler Iraker zum Märtyrer zu erheben.

Nun scheint sich der Irak in Richtung einer Neuauflage eines autoritären Regimes zu bewegen. Die Teilung des Landes ist zumindest in den Köpfen vollzogen, ethnische und religiöse Gewichtungen bestimmen längst das Geschehen. Dabei müssten ganz im Gegenteil politische Kräfte Auftrieb erhalten, die sich nicht als Wasserträger für irgendwelche Lobbys verstehen, sondern ohne ethnische oder religiöse Scheuklappen nur für die übergeordneten Interessen des Landes arbeiten. Alles andere wird den Irak weiter in den Abgrund ziehen. (DER STANDARD, Printausgabe 2.1.2007)

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