Al-Rawi Omar

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Al-Rawi nach Koran-Urteil: "Verkrustete Traditionen", nicht der Islam


Omar Al-Rawi fand scharfe Worte für Gewalt gegen Frauen. "Vorauseilenden Toleranz" westlicher Gesellschaften gegenüber dem Islam sieht er in dem Urteil der deutschen Richterin nicht.Die Standard 23 März 2007

Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft verurteilt Gewalt gegen Frauen mit scharfen Worten

Wien - Omar Al-Rawi, der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IG) Österreichs meint, dass Gewalt gegen Frauen in muslimischen Familien nicht auf die Religion, sondern auf verkrustete Traditionen patriarchalischer Strukturen zurückzuführen ist. Das sagte der Wiener SPÖ-Gemeinderat am Donnerstagabend in der "ZiB 2" zur Debatte um das Urteil einer Frankfurter Richterin, die in einem Scheidungsverfahren eheliche Gewalt unter Verweis auf den Koran gerechtfertigt hatte.

Al-Rawi, der mit einem "White Ribbon" - einem Symbol gegen Gewalt an Frauen - im Studio erschienen war, sagte, "wenn man sich nicht auskennt, dann redet man sich auf die Religion aus". Die muslimische Glaubensgemeinschaft stelle sich gegen jede Gewalt in- und außerhalb der Familie und gegen jede Form des Terrorismus, sagte Al-Rawi. Leider gebe es immer wieder Leute, die glauben, in der Religion eine Rechtfertigung zu finden.

"Abschaum der Gesellschaft"

Diejenigen, die Gewalt gegen ihre Frauen verübten, seien der "Abschaum der Gesellschaft", sparte der Integrationsbeauftragte nicht mit scharfen Worten. Klar sei, dass weder der Prophet Mohammed, noch seine Gefährten je Gewalt angewendet hätten.

Eine "vorauseilenden Toleranz" westlicher Gesellschaften gegenüber dem Islam sieht Al-Rawi in dem Urteil der deutschen Richterin nicht. Zum Freispruch im Pariser Prozess zu den Mohammed-Karikaturen, in welchem der Chefredakteur eines französischen Satire-Magazins am Donnerstag vom Vorwurf der "öffentlichen Beleidigung einer Personengruppe wegen ihrer Religion" entlastet worden war, sagte Al-Rawi, "Mein Gott, wir haben Meinungsfreiheit". Er würde an Stelle der muslimischen Organisationen, die geklagt hatten, auf eine Berufung verzichten. Man müsse den Weg des Diskurses bestreiten. (APA)

Plumpe Unwahrheiten

Replik auf "Islamophobie oder Kritik am politischen Islam", von Thomas Schmidinger, 23. Jänner.

Wer mit plumpen Unwahrheiten politisch operiert, muss sich den Vor wurf "Veschwörungstheoretiker" gefallen lassen.

Sprechen wir Klartext: Thomas Schmidinger hat überhaupt kein Problem mit dem politischen Islam. Seine besten Kontakte zu der von ihm selbst als politische islamistische Bewegung bezeichneten SCIRI (Supreme Council for the Islamic Revolution in Irak) zeigen dies. Auch seine Versuche, sich der Dawaa-Partei anzubiedern, sind der beste Beweis. Sein Problem mit der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen ist die konsequente Antikriegshaltung im Irak und die Solidarität mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern, aber dazu kommen wir später.

Thomas Schmidinger wirft dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Scheich Adnan Ibrahim, Carla Amina Baghajati, Mouddar Khouja, Omar Al-Rawi und dem Autor dieser Zeilen vor, Anhänger der Muslimbruderschaft zu sein. Diese Aussage ist unwahr und rufschädigend. Viel mehr ist die volle Unabhängigkeit dieser Personen von jeglichem Einfluss einer islamischen politischen Bewegung oder einer arabischen oder islamischen Regierung gerade das Markenzeichen einer erfolgreichen Arbeit unter dem Titel "Integration durch Partizipation" in Österreich. Wer mich und meine Arbeit in Österreich kennt, weiß, dass ich innermuslimisch gerade für meine offene Kritik an politischen islamischen Bewegungen, allen voran der Muslimbruderschaft, bekannt bin. Dass wir hier Herrn Schmidinger eine Verschwörungsfantasie vorwerfen, ist wirklich eher eine Untertreibung, steckt doch dahinter offensichtlich das Verlangen, uns bewusst zu schaden.

Herr Schmidinger will jetzt mit den Antideutschen nichts mehr zu tun haben. Dass er in diesem Dunstkreis enge Kontakte pflegt und mit diesen Leuten politisch verknüpft ist, kann jeder, der halbwegs mit der linken Szene, dem Austrian Social Forum, NGOs des Antirassimus und freien Journalisten vertraut ist, bestätigen. Auch seine Organisation Wadi und sein Chef Thomas von der Osten-Sacken, seine Vorstandskollegin Mary Kreutzer und sein Kollege in Deutschland Thomas Uwer sind klare Träger einer antideutschen Gesinnung. Von der Osten-Sacken tritt sehr oft mit den Antideutschen zusammen auf, ja auch mit der als rassistisch geltenden Organisation Bahamas in Deutschland.

Beleidigt zu spielen ist im politischen Diskurs die schlechteste Lösung. Schaut man den von Thomas Schmidinger und der Wadi-Führung unterzeichneten Text der Philozionisten an, dann erkennt man zwar Ironie, aber auch Hass und Rassismus gegenüber den Palästinensern. Die Namen und Beiträge der anderen Unterzeichner sind leicht im Internet zu finden und in besagte Strömung einzuordnen. Ein kleiner Auszug spricht für sich: "(. . .) Wir Philozionisten haben uns der Erinnerung verschrieben, wir meinen es zwar gut und simplifizieren doch. Ja, wir instrumentalisieren die Shoah. Wir sind unvernünftige Ignoranten und Feinde differenzierten aufklärerischen Denkens. Wir hegen Allmachtsfantasien und spielen Sharons Regierungssprecher. Mal sind wir verständnislos, dann biedern wir uns wieder an einen Staat an, der Staatsterrorismus nationalistische Politik und Apartheid betreibt . . ." Wenn Thomas Schmidinger und die Wadi-Führung sich von diesem Text und der daraus sprechenden Geisteshaltung distanzieren, dann wären wir die ersten, die diesen Schritt begrüßen und anerkennen würden.

Abschließend ist festzuhalten, dass von Thomas Schmidinger bis dato kein einziger Kritikpunkt an der konkreten Arbeit der IMÖ (Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen) geäußert wurde. Mag sein, dass ihm unsere bloße Präsenz in den verschiedenen Plattformen und Medien ein Dorn im Auge ist. Als glühender Anhänger des Irak-Kriegs ließ er keine Gelegenheit aus, jeder Demonstration dagegen die moralische Berechtigung abzusprechen.

Schmidinger wäre gut beraten, seinen politischen Fehler zu analysieren. Während sogar Herr Bush höchstpersönlich von Fehlern spricht, ist es lächerlich, dass eine kleine österreichische NGO noch immer jubelnd von "Befreiung" schwadroniert.

Tarafa Baghajati ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und Vizepräsident von ENAR (European Network against Racism).

Bitterer Preis für einen neuen Irak

Drei Iraker in Österreich im Gespräch über Chaos, Besatzung, Widerstand, Wahlen und Hoffnung in ihrer Heimat.

Die Furche: Was halten Sie von der Abhaltung der irakischen Wahlen zu diesem Zeitpunkt?

Omar Al-Rawi (islamische Glaubensgemeinschaft): In so einer angespannten Situation sind keine fairen Wahlen möglich. Durch die andauernden Anschläge werden sowohl Wahlkommissionen als auch Wähler eingeschüchtert. Im Festhalten an diesem Termin sehe ich das verzweifelte Greifen nach einem Strohhalm. Das Problem ist, dass die  us-Besatzer nicht kapieren, worum es eigentlich geht: Ohne eine konkrete Aussicht auf Beendigung der Besatzung wird es zu keiner Befriedung kommen.

Fuad Khaffaf (Islamic Daawa Party): Man darf sich durch diese Anschläge nicht einschüchtern lassen und muss unbedingt am 30. Jänner als Wahltag  festhalten. Den Termin zu verschieben, bringt nichts. So etwas wäre nur  im Interesse der Terroristen. Ihr Ziel ist es, Unruhe, Chaos und Angst zu verbreiten. Sie wollen, dass sich der Irak nicht normalisiert, sie
wollen erreichen, dass wir der Zeit Saddams nachtrauern. Aber auch wenn wir Millionen Opfer geben müssen, auch wenn das Elend noch größer wird – das akzeptieren wir Iraker, das ist der Preis für die Demokratie, das ist der Preis für die Freiheit, das ist der Preis für einen neuen Irak.

Mazin Al-delaimi (Irakhilfswerk): Ich bin nicht gegen Wahlen, ich bin für Demokratie und Freiheit im Irak. Aber die derzeitige Situation ist zu unsicher, um korrekte Wahlen abhalten zu können. Ich war vor kurzem mit einer Hilfslieferung im Irak. Die Leute dort wissen nicht, wer zur Wahl steht und für welches Programm diese Kandidaten eintreten. Die Parteien haben keinen richtigen Wahlkampf machen können. Es fehlt an Wahlwerbung, es fehlt an Information.

Khaffaf: Das ist nicht richtig, alle zur Wahl stehenden Personen und Parteien sind im Irak und in der Diaspora bekannt. Die Kandidaten sind schon seit Jahrzehnten in der Politik tätig. Das sind keine Unbekannten, die meisten waren schon während der Saddam-Herrschaft als
Oppositionelle tätig.

Al-Rawi: Insgesamt gibt es 111 Parteien – gut, es mag sein, dass es zu Beginn jeder Demokratie eine solche Vielfalt gibt, aber ich verstehe Herrn Delaimi, wenn er sagt, dass sich keiner mehr auskennt.

Die Furche: Es heißt, die Wahl könnte zur Volkszählung verkommen: Schiiten werden nur Schiiten, Kurden nur Kurden wählen, und die Sunniten werden der Wahl fernbleiben.

Al-Rawi: Tatsache ist, dass die größte sunnitische Partei ihre Kandidatur zurückgezogen hat. Vielerorts gibt es wahltechnische Probleme, vielerorts sind die Wahlkommissionen zurückgetreten. Unter diesen Umständen fürchte ich, dass die Wahl zu einer Farce degradiert wird. Für mich ist es nicht bedenklich, wenn eine kurdische oder schiitische Partei die Wahlen gewinnt, aber bedenklich ist, wenn die Wahl in großen Provinzen nicht stattfinden kann.

Khaffaf: Ich hasse das Auseinanderdividieren zwischen Schiiten und Sunniten. Der Irak besteht schon seit jeher aus dieser Mischung, wir sind ein Volk, die Sunniten sind unsere Brüder. Ich rechne damit, dass viele Iraker zur Wahlen gehen. Und die, die nicht wählen, tun das nicht, weil sie Sunniten oder Schiiten sind, sondern weil sie noch nicht von der neuen Zeit überzeugt sind. Aber die Mehrheit wird zur  Wahl gehen, denn die Mehrheit weiß ganz genau: Das ist der erste Schritt auf dem richtigen Weg. Es gibt keinen anderen Weg. Anders kriegen wir die Amerikaner nicht los. Nur auf diesem Weg bekommen wir unsere Freiheit und Demokratie.

Al-Rawi: Auch für mich ist nie die Tatsache, ob jemand Sunnit, Schiit oder Kurde ist, im Vordergrund gestanden. Aber die politische Landschaft im Irak ist entlang dieser Linien geteilt. Mir hätte es  besser gefallen, wenn sich ein kurdisch-schiitischer Block zur Wahl gestellt hätte. Aber bleiben wir realistisch: Die Iraker werden blockweise nach ethnischer und religiöser Herkunft wählen. Der Krieg hat den Irak auch ethnisiert.

Khaffaf: Man wollte den Irak nach ethnischen und religiösen Linien trennen, aber das ist nicht gelungen. Und heute ist nicht der Islam die maßgebende Kraft im Irak, sondern der Patriotismus.

Al-Rawi: Ein zusätzliches Problem sehe ich darin, dass jeder gebürtige Iraker, auch wenn er keine irakische Staatsbürgerschaft mehr hat und im Ausland lebt, zu dieser Wahl gehen kann. Das finde ich nicht richtig: Die Menschen, die heute im Irak leben, wissen über die Bedürfnisse dieses Landes am besten Bescheid. Allein diese Menschen und nicht die vielen Auslandsiraker haben das Recht, die Geschicke ihres Landes zu bestimmen. Nicht wir, die wir seit 20, 30 Jahren wunderbar und in Saus und Braus in Europa leben.

Khaffaf: Die Millionen Iraker, die im Ausland leben, haben ihr Land in den letzten Jahrzehnten nicht freiwillig verlassen. Diese Leute fühlen sich nach wie vor sehr mit dem Irak verbunden und deswegen bestehen sie darauf, dass sie zur Wahl gehen dürfen.

Al-delaimi: Ich werde nicht zur Wahl gehen. Mir ist auch von der Botschaft kein Informationsmaterial zugesandt worden. Aber zur Situation im Irak: Es fehlt an allem, und wenn das Notwendigste für ein sicheres Leben fehlt, wundert es mich nicht, dass sich viele keine Gedanken über die Wahl machen. Wer darüber nachdenken muss, wie er morgen überleben kann, denkt nicht an Wahlen.
 
Khaffaf: Die Leute sollen durch die Anschläge eingeschüchtert werden. Aber wir geben nicht nach, wir geben nicht auf, wir werden nicht zulassen, dass diese Terroristen ihre Ziele erreichen.

Al-Rawi: Der Chef des irakischen Geheimdienstes schätzt die Zahl der Aufständischen im Irak auf 200.000 Menschen. Es ist unmöglich, dass das alles Terroristen sind. Den ganzen Aufruhr im Irak nur als Terror hinzustellen, geht völlig an den Tatsachen vorbei. Das ist die Sprachregelung der Amerikaner. Im Irak gibt es auch Widerstand aus der Bevölkerung gegen das Besatzungsregime.

Die Furche: Legitimen Widerstand?Al-Rawi:

Laut uno-Charta steht jedem besetzten Volk das Recht auf  Widerstand zu – und die Amerikaner halten den Irak besetzt. Und kein Volk der Welt möchte nicht in Freiheit leben.

Al-delaimi: Mein Leben im Irak ist sehr billig – bei meiner letzten Fahrt bin ich drei Mal von Amerikanern in lebensgefährliche Situationen  gebracht worden. Aber niemand kann die Amerikaner dafür vor Gericht stellen. Die Amerikaner machen im Irak, was sie wollen. Heute sind auch die Iraker, die vor einem Jahr noch für die Amerikaner waren, gegen sie. Warum sollen sie auch noch für die Besatzer sein, sie haben nichts Gutes gesehen: keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon, nur Tote. Unter Saddam war es besser – das habe ich bei meinem letzten Besuch oft gehört.

Khaffaf: Wir waren nie für die Besatzung. Aber wenn vor allem unschuldige Iraker unter den Anschlägen dieser angeblichen Opposition gegen die Besatzer zu leiden haben – dann ist das keine Opposition mehr, dann ist das Terrorismus. Widerstand gegen die Besatzer heißt nicht zuerst und unbedingt mit der Waffe in der Hand. Und warum passieren diese Dinge jetzt? Warum leistet man Widerstand auf Kosten der Iraker? Wo sind diese Leute vorher gewesen?

Al-Rawi: Das ist eine Auslegung, die davon ausgeht, dass diese Anschläge von Terror-Touristen ausgeübt werden. Aber das stimmt nicht, der überwiegende Teil der Anschläge gegen die Besatzungstruppen wird von Irakern ausgeübt. Und wenn als Antwort darauf ganze Städte bombardiert und man die Opfer als Kollateralschäden abtut, wird der Graben noch größer, noch tiefer werden. Ob es gelingt, mit soviel Toten, mit soviel Zerstörung das Land wieder aufzubauen? – Ich kann es mir schwer vorstellen. Ohne dass die Amerikaner sagen, wie souverän, wie frei der Irak einmal sein wird – ohne diese klare Vision ist auch diese Wahl eine Wischi-Waschi-Geschichte. Nur wenn die Wahl ein glaubhafter Anfang für eine Exit-Strategie der usa ist, sehe ich einen Hoffnungsschimmer. Ansonsten wird der Glauben an einen friedlichen Irak noch mehr als bisher verloren gehen.

Das Gespräch moderierte Wolfgang Machreich.

 

Rot-weiß-rote Fahnen und Türken-TV

Wiener Wahlkampf: WZ-Streitgespräch mit SPÖ und FPÖ zum Thema Integration

SPÖ: Mit Zwang geht gar nichts.
FPÖ: Nicht wir, die Zuwanderer müssen sich anpassen.

"Wiener Zeitung": Gibt es in Wien zu viele Ausländer?

Harald Stefan (FP): Ja, definitiv. In den letzten 20 Jahren wurde eine falsche Politik betrieben: Es gab zu viel Zuwanderung ohne Rücksicht auf die daraus entstehenden Probleme für den Arbeitsmarkt oder Schulbereich. Und Kriminalität ist natürlich auch ein Punkt.

Omar Al-Rawi (SP): Österreich hat seit Innenminister Löschnak (SPÖ, 1989-95) das restriktivste Zuwanderungsgesetz. Zuwanderung – abgesehen von der Familienzusammenführung – findet seitdem praktisch nicht mehr statt. Aber zu den Problemen: Wie kann Integration wirklich funktionieren, wenn wir den Arbeitsmarkt nicht für Zuwanderer öffnen? Wie soll Integration möglich sein, wenn wir mit den Studiengebühren ausländischen Jugendlichen die Chance auf sozialen Aufstieg nehmen?

Stefan: Nicht die Ausbildung auf Uni-Ebene, sondern die mangelnden Deutschkenntnisse in der Volks- und Hauptschule sind das eigentliche Problem. Es gibt Klassen, wo bis zu 80 Prozent kaum Deutsch sprechen. Und genau hier muss man ansetzen. Deshalb fordert die FPÖ verpflichtende Deutschkenntnisse.

Al-Rawi: Die mangelnden Sprachkenntnisse rühren oft daher, dass aufgrund einer verspäteten Familienzusammenführung viele Kinder erst im Hauptschulalter nach Österreich kommen. Auch die Einsparungen bei Zweitlehrern durch das Bildungsministerium haben sich negativ ausgewirkt.

Wo ist in der Integrationspolitik die richtige Balance zwischen Zwang und Anreiz?

Al-Rawi: Mit Zwang erreicht man gar nichts. Man muss positiv argumentieren, nach dem Muster: ‚Wenn du das und das machst, dann bekommst du einen besseren Job oder wirst früher eingebürgert‘.

Stefan: Der Staat hat die Verantwortung, für ein geregeltes Zusammenleben zu sorgen. Gesetze beinhalten eben immer auch Zwang. Integration bedeutet, dass sich diejenigen anpassen müssen, die zu uns kommen und nicht umgekehrt. Kürzlich etwa beim Fußballmatch Österreich-Türkei, sind viele österreichische Staatsbürger mit türkischen Fahnen herumgelaufen. Das ist zwar menschlich verständlich, aber man sieht, dass diese Menschen zu früh eingebürgert wurden und sich nicht als Österreicher fühlen. Deshalb sind wir für verlängerte Einbürgerungsfristen.

Al-Rawi: Was uns beide unterscheidet, ist das Verständnis von Integration. Die FPÖ meint damit Assimilation: Demnach soll von der Herkunft eines Zuwanderers nichts mehr erkennbar sein, außer vielleicht dem Namen und dem Aussehen. Für mich bedeutet Integration Partizipation – und zwar wirtschaftlich, kulturell und politisch ohne dabei die eigene Kultur aufgeben zu müssen.

Wie soll man mit Parallelgesellschaften umgehen, die isoliert unter sich bleiben?

Al-Rawi: Was Österreich auszeichnet, ist der Weg der Mitte. Wir liegen zwischen dem Modell der völligen Assimilation wie etwa in Frankreich und dem kulturellen Relativismus, so wie in den Niederlanden. Die SP betrachtet dabei Diversität als Bereicherung, gleichzeitig sind gemeinsame Werte sehr wichtig.

Stefan: Natürlich gibt es ein Problem mit Parallelgesellschaften, z.B. im 15. Bezirk. Dort gibt es türkische Shops, TV, usw ... Für Integration ist da kein Anreiz.

Al-Rawi: Gegenbeispiel: Im Restaurant "Kent" am Brunnenmarkt sind sicher 50 Prozent der Gäste gebürtige Österreicher. Was das türkische TV angeht, das schauen die Leute deshalb, weil sie sich vom ORF nicht angesprochen fühlen. Warum gibt es etwa keinen türkisch-stämmigen Moderator in der ZIB?

Stefan: Damit verlangen Sie, dass wir uns anpassen sollen.

Demokratie als Waffe

Die Philosophin und Publizistin Isolde Charim und der Wiener SPÖ-Landtagsabgeordnete und gebürtige Iraker Omar Al-Rawi debattieren über die Zukunft des Irak und das Verhältnis zwischen Islam und westlichem Demokratieverständnis.

Die Furche: Braucht der Irak jetzt westlichen Nachhilfeunterricht in Sachen Demokratie?

Isolde Charim: Allein in der Formulierung Ihrer Frage steckt schon die eigentliche Problematik: Nämlich die vielerorts gängige Meinung, dass Demokratie in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zu Stande kommt. Die Situation, kann aber nicht mit der Deutschlands oder Japans nach 1945 verglichen werden.

Die Furche: Gerade dieser Vergleich wird aber von den USA stets als positives Beispiel angestellt.

Charim: Und er ist falsch. In Deutschland hat das „Tausendjährige Reich“ zwölf Jahre gewährt und davor gab es eine Demokratie. Die Alliierten konnten auf demokratische Institutionen zurückgreifen, die es so im Irak nicht gibt. Dort war die erste Befreiung, die Demonstrationen der Schiiten haben es gezeigt, eine religiöse Befreiung. Die Frage, die sich uns jetzt stellt, lautet: Lässt sich dieser religiöse Aufbruch mit einem säkularen Demokratiemodell vereinbaren?

Omar Al-Rawi: Sowohl Frieden als auch Demokratie sind keine abstrakten Werte, sondern basieren auf gewissen, genau definierbaren Voraussetzungen: soziale Sicherheit, ein gewisser Lebensstandard, Pressefreiheit, die Existenz von politischen Parteien… All diese Voraussetzungen fehlten bislang im Irak und fehlen noch immer. Wie will man Demokratie installieren, ohne vorher diese Voraussetzungen zu schaffen?

Charim: Ich gebe Ihnen Recht, man muss zuerst die Voraussetzungen für Demokratie schaffen. Nur, wer soll dieser „man“ sein? Und ein weiteres Problem sehe ich: Letztlich operieren Sie mit einem nicht neutralen Demokratiebegriff: Respektierung der Menschenrechte, Pressefreiheit und soziale Sicherheit,… Nicht. dass ich nicht alle diese Werte unterstütze. Aber was passiert, wenn es im Irak zu einem Demokratisierungsprozess kommt, der ganz anders ausschaut als wir es uns vorstellen? Wie reagieren wir auf eine Demokratie, die ein ganz anderes als das von uns gewohnte Gesicht hat? Wie reagiert eine Demokratie westlichen Zuschnitts auf eine islamische Demokratie? Das ist es doch, worum jetzt gerungen wird.

Die Furche: Sehen Sie Vorbilder  für eine solche islamische Demokratie?

Charim: Jetzt treffen zwei Kräfte aufeinander: Die Besatzer und die traditionellen irakischen Kräfte. Zweitere artikulieren sich vor allem religiös. Was bei diesem Kräftemessen herauskommt, ist jetzt nicht absehbar. Dass es zwischen diesen beiden Polen aber zu starken Reibungen kommen wird, das lässt sich schon heute prognostizieren. Und ich kann nicht sehen, dass die Amerikaner für diese Auseinandersetzung auch nur irgendwie vorbereitet sind.

Al-Rawi: Es muss im Irak nicht eins zu eins das westliche Demokratiemodell herauskommen. Wichtig ist das Ziel: Fundamentale Menschenrechte und ein Leben in Würde müssen garantiert sein. Die Spezifika, die sich darüber hinaus entwickeln, sind das Recht jedes Volkes, den richtigen Weg für sich zu suchen und zu finden.

Die Furche: Gibt es also doch so  etwas wie demokratische Grundbausteine, die in jeder Art von Demokratie vorkommen müssen? Darüber hinaus kann es jedoch zusätzliche, spezielle, individuelle Ausformungen geben.

Charim: Die Frage ist: Sind diese von Herrn Al-Rawi zurecht genannten Werte neutrale Begriffe? Man hat ja versucht den Demokratiebegriff von allen Essenzen zu befreien und auf ein rein prozedurales Vorgehen zurückzuführen. Aber ist es mit dem Prozedere allein getan? Das ist ja eine Frage, die auch in unserer Gesellschaft immer wieder auftaucht. Und das Beispiel Irak wird erneut zeigen, dass es mit formalen Vorgehensmustern nicht getan ist. Andererseits bezweifle ich, dass es überhaupt möglich ist, einen Konsens darüber zu finden, was demokratische Mindeststandards angeht.

Al-Rawi: Der Schutz des Lebens, des Eigentums, das Nicht-Angst-haben-Müssen… Ich meine auf diese Dinge können sich doch alle Menschen einigen. Demokratie kann nicht von oben verordnet werden, sondern muss von unten zu wachsen beginnen. In den Bezirken, Kommunen, Betrieben, in den Hochschulen muss damit begonnen werden, demokratische Strukturen aufzubauen. Aber was passiert bei einem Wahlausgang im Irak, der dem Westen nicht gefällt? Das ist schon einmal in Algerien passiert. Eine islamistische Partei – in sehr gemäßigter Form – hat die Wahlen gewonnen, und das Militär putschte mit Tolerierung des Westens. Was herausgekommen ist, wissen wir: eine humanitäre Katastrophe.

Charim: Wir operieren hier so euphorisch mit dem Begriff Demokratie. Das ist sozusagen der Lichtblick nach einer dunklen Zeit. Gleichzeitig muss man sagen: Demokratie wird von den USA hier auch als Waffe eingesetzt. Und es ist die Frage zulässig: Kann es im Irak überhaupt zu einer Demokratie kommen, die nicht pro-amerikanisch ist?

Die Furche: Ist es zu spät, dass sich die UNO oder die EU noch als Gegenpol bzw. Korrektiv positionieren?

Charim: Wir erleben mit großem Bedauern, das die UNO weder im Vorfeld noch in der derzeitigen Situation die ihr einmal zugedachte Rolle wahrnehmen kann. Und ein noch größeres Problem scheint mir zu sein, dass die Spaltung, die es in Europa gibt, durch die teilweise Einbindung Polens in die irakische Nachkriegsordnung noch in die Zukunft hinein aufrecht erhalten bleibt. Für eine Einigung auf eine gemeinsame europäische Außen- , Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist eine solche Entwicklung natürlich fatal.

Die Furche: Im Irak ist es jetzt vor allem die Religion, die dazu imstande ist, die auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Kräfte zu bündeln.

Al-Rawi: Die Demonstrationen, die in den Moscheen ihren Ausgang nehmen und hier in Europa als Geburtsstunde des Fundamentalismus interpretiert werden, sind für mich viel eher die Geburtsstunde der irakischen Zivilgesellschaft. Im politischen Vakuum nach Saddam Hussein rufen  die religiösen Führer zur nationalen Einheit und zum zivilen Ungehorsam gegen die Besatzer auf. Gleichzeitig wird in den Predigten appelliert, doch keinen Keil zwischen Muslimen und Christen, Sunniten und Schiiten, zwischen Arabern und Kurden treiben zu lassen. Die Religion übernehmen eine Rolle, die niemand anderer im Moment erfüllen kann. Diese Predigten in den Moscheen sind ein unschätzbar wichtiges Sprachrohr für die Menschen, um sich an irgendetwas halten zu können.

Die Furche: Wenn sich die religiösen Führer als Kitt für die irakische Gesellschaft profilieren, werden damit im Westen doch auch Befürchtungen einer Iranisierung des Iraks geweckt.

Al-Rawi: Für mich, als einen der die Situation kennt, ist das keine Befürchtung. Die Bilder von den schiitischen Prozessionen haben mich nicht schockiert. Das war eine natürliche Reaktion auf das jahrelange Verbot dieser religiösen Rituale. Anderswo im arabischen Raum findet man keine Prozessionen in dieser Form mehr. Selbst im Iran sind diese blutigen Rituale und Selbstgeißelungen nicht mehr gern gesehen.

Die Furche: Weniger diese martialischen Rituale machen den USA Sorge als vielmehr eine Annäherung des Iraks an das Regime in Teheran.

Al-Rawi: Das ist etwas, was auch der Westen wahrnehmen muss. Würde es heute freie Wahlen in all diesen arabischen Ländern geben, wären die islamischen Parteien die Wahlsieger. Das ist eine normale Entwicklung, ein verständlicher Pendelschlag. So wie in Osteuropa nach dem Fall des Kommunismus überall die Christdemokraten an die Macht gekommen sind.

Die Furche: Alle Ihre Wortmeldungen deuten auf ein islamisches Regime im Irak. Ein solches werden die Amerikaner aber wohl kaum akzeptieren. Zeichnet sich vor diesem Hintergrund schon der nächste Konflikt ab?

Charim: Was die Amerikaner wollen, ist zunächst eine pro-amerikanische Regierung. Ich meine, sie würden dafür sogar eine islamische in Kauf nehmen. Aber die Chancen dafür stehen schlecht. Das einzige Wort, das mir Hoffnung auf einen guten Ausgang im Irak gibt, ist das Wort Vielfalt. Dass es eine Vielzahl an Bewegungen in diesem Land gibt, . das scheint mir noch am ehesten in Richtung einer Demokratisierung zu weisen.

Die Furche: Wie sehr können die zurückkehrenden Exilanten ihre Heimat auf dem Weg in Richtung Demokratie unterstützen?

Al-Rawi: Es ist keine Lösung, Leute, die seit vierzig Jahren nicht mehr im Irak gelebt haben, jetzt einfach in das Land einzufliegen. Die  haben null Ahnung von den Sehnsüchten, Bedürfnissen und Vorstellungen dieses Volkes. Ich merke es bei mir selbst. Ich bin seit 24 Jahren fort aus dem Irak. Ich spreche perfekt Arabisch, trotzdem merke ich, dass meine Sprache auf dem damaligen Stand stehen geblieben ist. Wenn ich heute Iraker treffe, sagen sie mir, ich spreche altmodisch. Und diese Diskrepanz zwischen heute und damals betrifft nicht nur die Sprache. Und das gilt für alle Exiliraker, die ihre Heimat seit Jahrzehnten nur mehr vom Hörensagen und aus den Medien kennen.

Charim: Die erste Bewegung, die nach dem Sturz Saddam Husseins aus dem irakischen Volk hervorgegangen ist, waren die Plünderungen. Damit sind die Iraker mit dem Ende dieser Diktatur an einem absoluten gesellschaftlichen Nullpunkt angelangt, und es hat als trauriger Schlusspunkt des Saddam-Regimes noch eine völlige Auflösung jedes Gesellschaftsvertrages stattgefunden. Die Geburtsstunde dieser Demokratie war somit nicht der Aufstand, das gemeinsame Vorgehen, sondern das Plündern. Und von da weg ist es ein sehr weiter Weg bis zu einer demokratischen Gesellschaft.

Al-Rawi: Es haben aber auch sofort Gegenreaktionen eingesetzt: Bürgerwehren wurden gebildet, die diese Plünderungen nicht akzeptiert haben. Und allein das gibt mir auch wieder Zuversicht.

Das Gespräch moderierte Wolfgang Machreich.

Abschluss-Auftritt Cindy Sheehans in Wien:

Berührendes Treffen mit der muslimischen Gemeinde in der Schura Moschee

Kurzbericht der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Trotz Erschöpfung nach der langen und erfolgreichen Demo – siehe http://www.stopbush.at nahm Cindy Sheen gerne den Vorschlag Omar Al Rawis und Ahmad Hameeds (Irakhilfswerk) an, in der Schura-Moschee den über die Grenzen Österreichs hinaus bekannten Imam Scheich Adnan Ibrahim und viele andere MuslimInnen zu treffen. Dies bot sich auch darum an, weil die Schura Moschee am Mittwochabend, ergänzend nach der Demo, zu einer interreligiösen Begegnung mit seiner Eminenz Vater Athala Hana, Archimandrite der Orthodoxen Kirche Jerusalems, eingeladen hatte.

Der Empfang war überaus herzlich. Scheich Adnan Ibrahim berichtete für die Gemeinde die Geschichte von Cindy Sheehan, der amerikanischen Mutter eines im Irak gestorbenen Soldaten im Detail. Voller Bewunderung erzählte er, wie sie zum Symbol der Antikriegsbewegung wurde , ja der Friedensbewegung, nicht nur in den USA.

Tarafa Baghajati (Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen) gab einen kurzen Gesamtüberblick über den Verlauf der Demonstration: „Wien kann stolz auf diesen Tag sein. Die mehr als 20.000 DemonstrantInnen haben gezeigt, dass die Haltung gegen Krieg, Ausbeutung, Besatzung und Unterdrückung und die Solidarität mit den unterdrückten Völkern, allen voran das palästinensische und das irakische Volk, kein Minderheitenprogramm in dieser Stadt ist. Man kann nur hoffen, dass diese solidarische Haltung der Bevölkerung auch ein Echo in der Politik Österreichs und der EU findet"

Cindy Sheehan brachte ihre Freude über diese Stunde zum Ausdruck. Mit Tränen in den Augen ließ sie die Menschen teilhaben an ihrer Geschichte. Das muslimische Publikum konnte die Tränen auch nicht mehr zu unterdrücken. Vater Athala Hana bekundete die Wichtigkeit, das andere Gesicht Amerika zu kennen und äußerte sein Wunsch, Persönlichkeiten wie Cindy bald in Palästina begrüßen zu dürfen. Denn das palästinensische Volk sollte sehen und spüren, nicht allein gelassen zu sein: „Ihr Sohn ist unsere Sohn und wir möchten hiermit unser Beileid bekunden". Alle empfanden die kaum zu beschreibende Stimmung von Spiritualität sehr stark. Mit Rücksicht auf die Müdigkeit von Cindy wurde die Begegnung möglichst kurz gehalten. Doch dauerten der Abschied und die Aufnahmen mit den BesucherInnen der Moschee genauso lange. Die VertreterInnen der MJÖ, Muslimische Jugend Österreichs wie viele andere nutzten die Gelegenheit intensiv, ganz direkt und unverkrampft mit Cindy über alles Mögliche zu sprechen. Ahmed Al Taher, Vorstandmitglied der Schura Moschee versicherte Cindy detailliert alle am Abend nicht anwesenden ca. 1200 regelmäßige MoscheebesucherInnen über dieses Ereignis zu informieren.

„Wir sind alle deine Familie" waren seine Abschiedsworte.

Cindy meinte zum Schluss den Höhepunkt ihres Besuchs in Wien erlebt zu haben. Auf die Anfrage, ob dies der erste Aufenthalt in Wien gewesen sei, sagte sie: „ Ja, aber sicherlich nicht das letzte Mal".

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