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Tarafa Baghajati: „Der IGGÖ-Präsident muss unabhängig sein“

Tarafa Baghajati

Die Vertretung der österreichischen Muslime steht vor einem umfassenden Reformprozess.

In der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) stehen die Zeichen auf Neuanfang. Nachdem der Schurarat Neuwahlen beschloss und nach 2,5 Jahren Amtszeit das vorzeitige Ende der Ära von Präsident Ibrahim Olgun einläutete, soll nun ein Reformprozess stattfinden. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt Tarafa Baghajati, Imam und Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher (IMÖ), vor welchen Herausforderungen der künftige Präsident steht.

Wer auch immer am 8. Dezember zu Olguns Nachfolger gewählt wird, müsse die Bedeutung der Glaubensgemeinschaft erhöhen – bzw. wieder herstellen. „Die IGGÖ muss wieder ein Faktor im Diskurs um Islam und Muslime werden“, meint Baghajati. „Zurzeit sind wir nur mehr Zuschauer.“ So sei die offizielle Vertretung der Muslime in Österreich etwa vor der 15a-Vereinbarung zum Kopftuchverbot im Kindergarten von der Bundesregierung nicht einmal zu Gesprächen eingeladen worden. Olgun sei in der aktuellen politischen Situation „zum Teil überfordert“ gewesen.

Wer immer ihm nachfolgt, habe drei Voraussetzungen zu erfüllen, sagt Baghajati: „Es muss indiskutable Bedingung sein, dass der Präsident und alle Funktionäre an Schlüsselstellen nicht nur kompetent, sondern auch unabhängig sind. Und dass sie strikt die Politik des Verbandes, aus dem sie kommen, von jener der IGGÖ trennen.“ Unabhängigkeit bedeute, dass Entscheidungsträger „ausschließlich im Dienst der österreichischen Muslime stehen und keinen Einfluss aus dem Ausland zulassen“. Die ethnische Zugehörigkeit sei den allgemeinen Bedürfnissen unterzuordnen.

Emanzipation

Dieses Amtsverständnis war bisher nicht klar festgelegt, im Zuge des Reformprozesses gebe es aber Bestrebungen in diese Richtung. „In unserem eigenen Interesse“, wie Baghajati betont. Um für alle Muslime gleichermaßen glaubwürdig zu sein, empfiehlt er dem künftigen Präsidenten, aus dessen Verband austreten.

Es ist durchaus möglich, dass das die der Milli-Görüs-Bewegung nahestehende Islamische Föderation betreffen wird. Denn obwohl bis dato niemand für Olguns Nachfolge kandidiert hat, werden dem Vorsitzenden des Schurarats, Ümit Vural, gute Chancen nachgesagt. Er selbst will das nicht kommentieren.

Vurals Zugehörigkeit zur Islamischen Föderation könnte zwar eine Steilvorlage für externe Kritiker sein. Dass die IGGÖ Schaden nehmen könnte, glaubt Baghajati aber nicht. Mit seiner Emanzipation vom Heimat-Verein würde der künftige Präsident beweisen, dass er kein Befehlsempfänger sei.

Davon abgesehen stellt der IGGÖ-Experte aber klar: „Wir wählen unsere Vertreter nicht auf Bestellung der österreichischen Politik oder der Medien. Das ist unsere interne Angelegenheit.“ Vural, der Reformbereitschaft mitbringe und sich punkto Krisenmanagement ausgezeichnet habe, habe seine volle Unterstützung. Andere ernst zu nehmende Namen hätten sich nicht herauskristallisiert.

Teamarbeit

Geht es nach den Reformwilligen in der IGGÖ könnte sich auch die Arbeitsweise des Präsidenten ändern. „Die Zeiten, in denen einer als alleiniger ‚Führer‘ handelt, müssen vorbei sein“, meint Baghajati. Der nächste Präsident sei gut beraten, sich ein unabhängiges Team der besten Köpfe zusammenzustellen, dass die Themenbereiche Bildung, Integration, Frauen, humanitäre Einsätze und Medien abdeckt.

Und noch mehr sei nicht in Stein gemeißelt, erklärt der IMÖ-Obmann. Etwa könne die IGGÖ „nicht ewig einen Mufti (einen islamischen Rechtsgelehrten; Anm.) beschäftigen, der nicht Deutsch kann“.

Baghajati plädiert weiters für ein freiwilliges Bekenntnis dazu, dass keine Ethnie mehr als 50 Prozent in einem IGGÖ-Gremium hat (Zurzeit sind zirka 60 Prozent des Schurarats türkischstämmig.) und für eine Mindestfrauenquote von 20 und später 30 Prozent. Zudem sollten Muslime, die keinem Verband angehören, die Möglichkeit zur Mitarbeit in der IGGÖ bekommen.

(kurier.at) | Stand: ‎15‎.‎11‎.‎2018, 6:00 | Autor: Bernhard Ichner

https://kurier.at/chronik/wien/neuwahlen-der-iggoe-praesident-muss-unabhaengig-sein/400324362

"Es ist Feuer am Dach"

Erst verschweigen, dann lavieren: Auch Muslime üben am Krisenmanagement ihres Oberhaupts Anas Schakfeh in der jüngsten Islamdebatte Kritik

In der islamischen Community brechen unterschwellige Konflikte auf

Wien - "Das ist ein Armutszeugnis für die Glaubensgemeinschaft" : Omar Al-Rawi geht mit seinen Glaubensbrüdern hart ins Gericht. "Sie hätte selbst an die Öffentlichkeit gehen müssen, statt hinterher zu hinken" , sagt er. Und zu "beschönigen" gebe es schon gar nichts: "Die Ergebnisse sind schockierend. Es ist Feuer am Dach."

Al-Rawi ist kein wadlbeißender Außenseiter, sondern Integrationssprecher der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ). Worüber er sich echauffiert, ist der Umgang mit jener Studie, laut der ein rundes Viertel der muslimischen Religionslehrer Demokratie und Menschenrechte ablehnt. Obwohl die Resultate ihnen schon länger bekannt sein müssen, haben die Verantwortlichen geschwiegen. Als sie doch noch publik wurden, lavierte Präsident Anas Schakfeh herum. Folge: In der Community scheinen nun unterschwellige Konflikte aufzubrechen. Es geht um Kritikfähigkeit, Machtkämpfe und demokratische Reformen.

Mittwochabend im Kunstzentrum Depot in Wien-Neubau. Die Präsentation eines Buches der über die Glaubensgemeinschaft erfreut sich über unerhofften Zulauf. Während Al-Rawi auf dem Podium seine Kritik loswird, lauschen andere muslimische Vertreter im Publikum mit skeptischem Blick. Mouddar Khouja, Referent Schakfehs, meldet sich zu Wort. "Manche sind in Österreich nicht angekommen" , räumt er ein, um im nächsten Atemzug aber die Wissenschaftlichkeit der Studie in Zweifel zu ziehen. Tarafa Baghajati, ein anderer prominenter Repräsentant der Gemeinde, ergänzt nach einleitender Klage über den "Skandaljournalismus" : "Die Fragen in der Studien suggerieren die Antworten." Da schaltet sich die Politologin Sieglinde Rosenberger ein - und attestiert der umstrittenen Arbeit einwandfreie Qualität.

Kaum ein Muslim zahlt

Die Enthüllungen sind für die Glaubensgemeinschaft auch deshalb unangenehm, weil der Religionsunterricht zu den wenigen Bereichen zählt, wo sie direkt Einfluss ausüben kann. Alle Gläubigen vertritt die IGGiÖ nur in den Augen des Gesetzes. Tatsächlich haben viele der 400.000 Muslime mit ihr wohl noch nie Kontakt gehabt. Wer Muslim werden will, muss sich nirgends registrieren lassen, sondern "nur" ein Bekenntnis ablegen. Lediglich ein Bruchteil zahlt Mitgliedsbeiträge an die IGGiÖ. Buchautorin Maja Sticker ("Sondermodell Österreich?" , Verlag dravaDiskurs) kam bei ihrer Recherche auf die Zahl 1000.

Für Kritiker ein Beleg, dass die IGGiÖ die Muslime eigentlich nicht wirklich vertrete. Sprecherin Amina Baghajati hält entgegen: "Wir erreichen viele Menschen auch über die Kooperation mit den Dachverbänden." Die großen Verbände, die die meisten Moscheen betreiben, schnapsen sich in der Regel auch die Einheitsliste für die Wahlen aus, an deren Spitze 2001 Schakfeh stand. Votieren darf dann die Handvoll zahlende Mitglieder.

Eine neue Verfassung soll nun ein offeneres, föderaleres System bringen - wenn sie jemals kommt. Verschiedene Gruppen - von den Türken bis zu den Schiiten - ringen um Einfluss, auch juristische Schnitzer verzögern das Projekt. Das Unterrichtsministerium erhob Einspruch, weil Entwürfe schlicht und einfach der österreichischen Verfassung widersprochen hätten.

Eigentlich ist Schakfehs Amtszeit längst abgelaufen, doch ohne neue Verfassung keine Wahl. Günther Ahmed Rusznak, Leiter des Islamischen Informationszentrums in Linz, hält das für Verzögerungstaktik des Präsidenten und hat die IGGiÖ verklagt, auf dass die Republik diese unter Kuratel stelle. Allerdings gilt Rusznak als Einzelkämpfer ohne großes Standing bei den Muslimen. Ein Insider: "Bei drei Viertel der Konflikte geht es in Wahrheit um gekränkte Eitelkeit."

Emotional entwickelt sich auch die abendliche Debatte im Depot. Tarafa Baghajati ärgert sich, dass Religionslehrer wegen fehlender Ausbildung angegriffen werden: "Die drei angesehensten Koranlehrer von Damaskus sind ein Apotheker, ein Mediziner und ein Falafelverkäufer." Der grünen Abgeordneten Alev Korun sträuben sich die Haare: "Wer auf unsere Kinder losgelassen wird, muss wohl eine Qualifikation vorweisen."

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