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"Ein Verbot bedient die Propaganda der Extremisten"

"Ein Verbot bedient die Propaganda der Extremisten

Carla Amina Baghajati, 50, trat 1989 vom Christentum zum Islam über. Die gebürtige Deutsche, Buchautorin und vierfache Mutter ist die Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Mit dem KURIER sprach sie über die Sinnhaftigkeit eines Burka-Verbots.

KURIER: Was halten Sie von einem "Burka-Verbot", also einem Verbot der Vollverschleierung, wie es in Deutschland und Österreich diskutiert wird?

Carla Amina Baghajati: Ich persönlich habe keine Sympathien für den Gesichtsschleier und auch innermuslimisch wird der Gesichtsschleier von Frauen sehr emotional gesehen. Der Tenor dabei ist eher ablehnend. Es heißt, das bringt uns allen noch mehr Probleme, das löst starke Aversionen aus.

Ein Verbot des Gesichtsschleiers finde ich kontraproduktiv in mehrfacher Hinsicht. Wir haben in Österreich eigentlich keine Burka-Trägerinnen. Bei dem Wort Burka läuft bei jedem der selbe Film ab, auch bei Muslimen: Taliban, Unterdrückung, Benachteiligung. Frauen mit Gesichtsschleier sind eine verschwindende Minderheit, am ehesten sieht man sie bei uns als Touristinnen in der Kärntnerstraße oder in Zell am See und ich frage mich, ob eine Wirtschaftspartei (ÖVP, Anm.) die wirklich vergraulen will.

Was spricht noch gegen ein Verbot?

In der Bevölkerung gibt es Verunsicherung nach jedem Terroranschlag, auch in der muslimischen, und es gibt auch eine gewisse Ratlosigkeit. Bei einem Burka-Verbot geht es darum, gewisse Teile der Bevölkerung zu bedienen, indem man Stärke zeigt, aber es ist eher ein zweifelhafter Katalysator für diffuse Ängste gegen "die Muslime".

Bei einem Verbot gibt es auch immer Solidarisierungseffekte und da erreicht man dann das Gegenteil von dem, was man wollte. Ein Verbot ist zudem gedacht als Ansage gegen islamistisches Gedankengut, bedient aber gerade die Propaganda extremistischer Gruppen: "Seht, wir sind ausgegrenzt, der Westen misst bei der Religionsfreiheit mit zweierlei Maß."In Österreich gibt es durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofes außerdem eine Handhabe. (Der OGH hatte Anfang Juli die Klage einer Muslima abgewiesen, die gekündigt worden war, weil sie bei ihrer Arbeit in einer Notariatskanzlei Gesichtsschleier tragen wollte, Anm.) Der OGH stellte fest, dass die Angestellte zwar nicht wegen eines Kopftuches schikaniert werden durfte, hat dem Arbeitgeber aber recht gegeben, dass ihr Gesichtsschleier einen Kündigungsgrund bilden dürfe. Ein generelles Verbot riecht nach Populismus.

Wie sehen Muslime derartige Debatten?

Die Debatte um ein Verbot des Gesichtsschleiers ist innermuslimisch eine Chance, einen Diskurs zu führen. Das funktioniert besser als Verbote. Es ist dabei aber wichtig, manche Argumente der Befürworter des Gesichtsschleiers entschieden in die Schranken zu weisen, wenn es etwa heißt: "Das Gesicht einer Frau bringt Unruhe in die Gesellschaft, weil sie so schön ist."

In Frankreich, wo es bereits ein Burka-Verbot gibt, gibt es Schätzungen zufolge 2000 voll verschleierte Frauen.

In Österreich gibt es Trägerinnen von Gesichtsschleiern in größeren Städten, es gab eine Zeit, da gab es etwa in Graz mehr als in Wien. Ich kenne persönlich aber mehr Frauen, die den Gesichtsschleier abgelegt haben, als solche, die sich entschieden, ihn aufzusetzen.

Welche Gründe hatten die?

Das waren oft Frauen, die konvertiert waren und aus einem spirituellen Bedürfnis heraus Regeln sehr streng ausgelegt haben. Sie haben dann an den Reaktionen gemerkt, ich tue dem Image des Islam und dem Islam an sich nichts Gutes. Und eine Vollverschleierung ist auch nichts, was unbedingt vorgeschrieben ist. Ich kenne eine Konvertitin, die wurde nach dem Verlassen eines Geschäftes von der Polizei empfangen, weil eine Verkäuferin gedacht hatte, die Frau habe etwas gestohlen. Die Frau verzichtete von da an auf den Gesichtsschleier.

(kurier) Erstellt am 20.08.2016, 07:50

Staatsanwalt ermittelt gegen Rechtspopulist Geert Wilders

Verdacht der Verhetzung

Geert Wilders wetterte in der Hofburg vor FPÖ-Anhängern gegen den Islam. Muslime erstatteten deshalb Anzeige.

Autor: Bernhard Ichner

Im März polterte Geert Wilders in der Hofburg gegen den Islam. FPÖ-Chef Strache hatte ihn eingeladen. - Foto: APA/EPA/GEORG HOCHMUTH

„Europas Bedrohung durch die Islamisierung“ lautete Ende März das Thema von Geert Wilders Vortrag in der Hofburg. Auf Einladung von FPÖ-Chef H. C. Strache war der niederländische Rechtspopulist nach Wien gekommen, um hier seine Islam-feindlichen Thesen unters blaue Volk zu bringen. Jetzt dürfte der Auftritt juristische Konsequenzen haben: Die Staatsanwaltschaft nahm gegen Wilders Ermittlungen wegen des Verdachts der Verhetzung auf.

Als der platinblonde Rechte am 27. März im Redoutensaal vor sein großteils ergrautes Publikum trat, war die Stoßrichtung von Anfang an klar: Europa befinde sich im Krieg mit dem Islam; der Koran – den Wilders mit Hitlers „Mein Kampf“ verglich – gehöre verboten und innerhalb der EU müssten wieder Grenzkontrollen eingeführt werden. Die Illustration eines  von Minaretten aufgespießten Österreichs prangte zur Verdeutlichung hinter dem Rednerpult von der Wand.

Sachverhaltsdarstellung

Bei der „Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen“ (IMÖ) ortete man in der Rede strafrechtswidrige Inhalte.

In seiner Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft Wien verdächtigte Obmann Tarafa Baghajati Wilders der Verhetzung, der Herabwürdigung religiöser Lehren sowie des Verstoßes gegen das Verbotsgesetz.

Bei der IMÖ hoffte man auf Strafverfahren – nicht nur gegen Wilders, sondern auch gegen die FPÖ im Allgemeinen und gegen Strache im Besonderen. „Zum einen, weil die Muslime in Wilders Rede generell als Feinde und als Gefahr für Europa hingestellt wurden. Und zum anderen, weil er meint, der Koran würde den Terrorismus fördern“, erklärt Baghajati.

Die FPÖ könne sich da „nicht abputzen“ – schließlich habe sie Wilders eingeladen und Strache habe während der Rede „zustimmend applaudiert“. Die FPÖ trage „die moralische Verantwortung“ für Wilders Aussagen.

Rede nicht mit FPÖ abgestimmt

Für ein Ermittlungsverfahren gegen den FP-Chef reicht das aber nicht. Strache habe Wilders Ansprache zwar „erkennbar zustimmend und oft unter Applaus“ verfolgt, „aber selbst dazu keine Äußerungen gemacht“, begründet man seitens der Staatsanwaltschaft Wien. Zudem bestünden keine Anhaltspunkte dafür, dass der Inhalt der Rede mit FPÖ-Verantwortlichen abgestimmt wurde.

Gegen Wilders wurden nun aber Ermittlungen eingeleitet. „Wir hoffen und erwarten, dass die Verhetzung bestätigt wird – und dass Wilders Derartiges in Österreich nicht mehr wiederholen darf“, sagt Baghajati.

Islam-Sprecherin will Musliminnen Mut machen

In ihrem Buch "Muslimin sein" setzt sich Carla Amina Baghajati mit schwierigen Fragen zur Rolle der Frau im Islam auseinander.

Autor: Bernhard Ichner

Auf schwierige Fragen gibt es oft mehr als nur eine Antwort. Das weiß Carla Amina Baghajati als Pressesprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft nur zu gut. In ihrem neuen Buch „Muslimin sein“ (Tyrolia Verlag, 224 Seiten, 17,95€) stellt sie 25 Fragen deshalb ebenso viele Orientierungen gegenüber – und keine letztgültigen Antworten.

Als Konvertitin kennt sie sowohl die Innen-, als auch die Außenwahrnehmung der Frauen im Islam. Und weiß, dass diese oft weit auseinander liegen. „Gegenseitiges Unverständnis droht sich zu gesellschaftlichen Polarisierungen aufzuschaukeln“, sagt sie.

Anhand von 25 Alltagsthemen – von Kopftuch und Gesichtsschleier, über Zwangsheirat, bis hin zum traditionellen Rollenbild als „Perle im Schatzkästchen“ – will sie daher sowohl die interessierte Öffentlichkeit informieren, als auch einen inner-muslimischen Diskurs bewirken. Dafür stellt Baghajati verschiedene Positionen nebeneinander. Frauenfeindliche Praktiken im Islam werden kritisch hinterfragt.

Mit ihrem Buch will sie "Brücken bauen" und vor allem Musliminnen, die in der deutschsprachigen Literatur bisher eher als Opfer des Patriarchats oder ihrer Religion dargestellt wurden, Mut machen.  Mut, selbstbewusst „eine Identität zu leben, in der sie gleichzeitig muslimisch und europäisch sind“.

Das war ein Angriff auf die Existenz der Muslime in Europa

Charlie-Hebdo-Reaktionen

Muslime verurteilen den Terroranschlag in Paris aufs Schärfste. In den Vereinen bemüht man sich um Deeskalation.

Autor: Bernhard Ichner

Gräueltaten wie diese zielen darauf ab, Angst zu stiften und einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben“, verurteilt Salim Mujkanovic vom Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf den Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo mit 12 Todesopfern. „Sie schaden nicht nur dem friedlichen Zusammenleben“, meint der Imam der größten Moschee Österreichs, „sondern auch der muslimischen Gemeinschaft selbst, indem sie islamfeindliche Ressentiments weiter schüren – wie die zunehmenden Aggressionen gegen Muslime deutlich zeigen.“

Dementsprechend wichtig sei es nun, „sich nicht provozieren zu lassen und gemeinsam gegen Rassismus, Hass und Gewalt aufzutreten“. Mit Betonung auf gemeinsam – „die Muslime allein können da nur wenig ausrichten“. Hier seien auch die österreichischen Politiker und – nicht zuletzt – die Behörden gefragt.

Angriff auf Moschee

Mujkanovic will die Freitagspredigt nutzen, um das sensible Thema vor den Gläubigen explizit anzusprechen. „Wir lassen es nicht zu, dass Terroristen im Namen unserer Religion Verbrechen begehen. Hier müssen wir eine ganz deutliche Trennlinie ziehen.“

„Damit die Muslime sehen, dass hier in Österreich jemand hinter ihnen steht“, wünscht sich der Geistliche nach mehreren Vandalenakten in den letzten Wochen einen verstärkten Schutz für Moscheen. „Das wäre ein Zeichen für Muslime, dass sie sich hier sicher fühlen können.“

Bekräftigt wird die Forderung durch einen aktuellen Fall aus Wien-Landstraße, wo Vandalen das Attentat von Paris als Vorwand für rassistische Schmierereien an der Wand der Tuna-Moschee missbrauchten.

Als Reaktion darauf ruft Yakup Gecgel von der Islamischen Föderation zur Deeskalation auf. Ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt  sei nun „wichtiger denn je“. „Hass ist der Kern der Spaltung“, postet er auf Facebook.

Man müsse Angriffe aller Art zwar ernst nehmen, aber einschüchtern dürfe man sich dadurch nicht lassen, sagt dazu Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher. Gefragt sei nun „größtmögliche Gelassenheit und Offenheit, damit wir nicht auf die Falle der Terroristen hereinfallen“.

Baghajati geht es vor allem um „die Klarstellung, dass wir alle in einem Boot sitzen. Das Attentat in Paris war ein Angriff auf alle Muslime, ein Anschlag auf unsere Existenz in Europa, auf unsere Werte und auf die Lehre des Propheten.“

Nun gehe es nicht darum, sich vom „ersten militärischen Angriff des sogenannten IS in Europa“ bloß zu distanzieren – „sondern intern und nach außen klarzustellen, dass wir Gewalt jeder Art aufs Schärfste verurteilen“. Im muslimischen Mainstream sei „diese Ablehnung ganz deutlich spürbar“.

Seitens der Exekutive würde sich Baghajati ebenfalls mehr Sensibilität gegenüber Muslimen wünschen. Er plädiert für spezielle Personal-Schulungen.

Auch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) drückt in einer öffentlichen Erklärung ihr „Entsetzen nach dem Terroranschlag in Paris“ aus. „Mit Abscheu und Entsetzen“ verurteile man das Attentat.

"Wien könnte Schlüsselrolle spielen"

Angesichts der wachsenden Gewalt fordert der prominente Austro-Syrer Tarafa Bagahjati Solidarität - auch von Österreich.

Foto: Austro-Syrer Tarafa Baghajati.

Verwackelte Aufnahmen von einem Soldaten, der einem auf der Straße liegenden Verletzten in den Kopf schießt - Bilder wie diese bezeugen, wie sehr die Gewalt in Syrien derzeit explodiert. Nach sechs Monaten Aufstand und mehr als 2000 Toten gibt es für Syrien keinen Weg zurück mehr, glaubt der gebürtige Syrer Tarafa Baghajati. Ohne Druck und Hilfe von außen droht die Situation vollends zu eskalieren.

KURIER: Militärisches Eingreifen von außen wie in Libyen will in Syrien niemand - nicht einmal die Demonstrierenden. Wie könnte den Syrern also geholfen werden?
Tarafa Baghajati: Europa und die Welt versäumen eine klare Solidaritätshaltung - im Sinne einer physischen Präsenz vor Ort. Etwa als der prominente Karikaturist Ali Ferzat, ein enger Freund meiner Familie, entführt und zusammengeschlagen wurde. Man hat seine beiden Hände verletzt. Diplomaten hätten ihn einfach besuchen müssen. Sie hätten nichts tun müssen, außer Präsenz zu zeigen. Kein Diplomat, der sich in Damaskus bewegt, ist in Gefahr. Auch Österreich, mit seinen historisch guten diplomatischen Beziehungen zu Syrien, könnte auf diese Weise viel mehr Initiative zeigen. Es könnte eine Schlüsselrolle spielen, aber im Wiener Außenministerium wird man immer nur mit Brüssel und der "gemeinsamen Außenpolitik der EU" vertröstet. Aber wo sind die Führungsinitiativen der EU?

Ein Öl-Embargo gegen Syrien ist geplant - immerhin gehen 95 Prozent der Öl-Exporte Syriens in die EU.
Das ist wichtig, denn die Einnahmen aus dem Ölverkauf fließen nicht ins Budget, sondern direkt an den Geheimdienst. Die Sanktionen werden also schmerzen. Aber wir brauchen auch eine glaubwürdige politische Stimme dabei, die Übergangsphase zu planen. In Syrien wird nichts mehr bleiben wie es früher war.

Wer soll planen, wie ein neues Syrien aussehen soll? Die Opposition im Ausland, die Demonstranten?
Mehrere Oppositionsgruppen haben sich außerhalb Syriens getroffen, aber all diese Gruppen sind nicht mit den Revolutionären im Land verankert. Es gibt keine Koordination zwischen ihnen. Einig sind sich alle aber in einem: Gewaltverzicht. Es darf keine militärische Intervention von außen geben, oder durch eine Militäraktion von innen ein Bürgerkrieg riskiert werden. Das Militär spielt eine Schlüsselrolle und viele wünschen sich, dass die Soldaten sich einfach weigern, auf die eigenen Leute zu schießen. Aber die Bedingungen für einen Systemwechsel in Richtung Demokratie und Freiheit müssen jetzt geschaffen werden. Wir müssen jetzt Parteien gründen und uns auf die Grundsätze einigen, die später für alle Religionsgruppen, Ethnien und Minderheiten im Land gelten sollen.

Gibt es Oppositionelle, die mit dem Regime verhandeln?
Das ist schwierig, denn jeder, der jetzt mit dem Regime ins Gespräch tritt, wird von den anderen sofort als Kollaborateur angesehen. Man sieht, wie schwer ein Übergang von der Diktatur in eine neue Ordnung ist, allein schon in Ägypten. Aber in Syrien, wegen seiner ethnischen, geografischen und demografischen Konstellation, ist es noch viel schwieriger.

Wird Diktator Assad aufgeben oder ins Exil gehen?
Ich glaube nicht, dass Bashar Assad die Koffer packen wird. Leider handelt das Regime noch immer so, als ob das Land sein Eigentum wäre. Ich bin aber überzeugt, dass Syrien auch diese Krise überwinden wird.

Zur Person: Tarafa Baghajati

Der heute in Österreich als Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen agierende Tarafa Baghajati, 49, wurde in Damaskus geboren. Nach mehrmonatiger Haft in den Folterkellern des früheren Diktators Hafez el-Assad verließ der Ingenieur Baghajati mit 25 Jahren das Land.

Seine Frau Amina Baghajati ist Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Das Paar hat vier Kinder.

Syrien: Kurier-Interview mit Tarafa Baghajati

"2012 ist es in Syrien für Reformen zu spät"

Ägypten, Libyen und nun Syrien? Auch in Damaskus wackelt das Regime, sagt Austro-Syrer Tarafa Baghajati im KURIER-Gespräch.

Der Austro-Syrer hofft auf einen friedlichen Systemwechsel in seiner alten Heimat

Ein "zweites Libyen wollen alle vermeiden", glaubt Tarafa Baghajati und hält einen friedlichen Wandel Syriens in Richtung Demokratie immer noch für möglich. Nur eines sei undenkbar, sagt der gebürtige Syrer, der seit mehr als 25 Jahren in Österreich lebt, im KURIER-Interview: "Dass das Regime das Rad der Zeit zurückdreht, der ,Point-of-no-return' ist überschritten."

KURIER: Bisher hat Präsident Bashar al-Assad wenig Bereitschaft zu Reformen erkennen lassen. Werden ihn die Proteste, die auch für heute wieder erwartet werden, in die Knie zwingen?
Tarafa Baghajati:
Der Druck der Menschen auf den Straßen darf nicht aufhören. Wobei das Wichtigste ist: Die Proteste müssen friedlich bleiben. Die Demonstranten fordern nicht den Sturz des Präsidenten, denn das würde in Blutvergießen enden. Was sie verlangen, sind Reformen, Freiheit und Demokratie.

Warum sollte Assad seine absolute Macht und die seiner Familie beschneiden?
Der Präsident wäre gut beraten - statt wie die Präsidenten Tunesiens und Ägyptens einen abrupten Sturz zu riskieren -, aus einer Position der Stärke heraus das Land zu öffnen, radikale Änderungen durchzusetzen, die Folter abzuschaffen, Presse- und Meinungsfreiheit zuzulassen und einen Rechtsstaat zu errichten. Er könnte bei Wahlen kandidieren und würde wahrscheinlich sogar mit einer Mehrheit gewählt werden. 2011 ist das Jahr der Reformen. 2012 wird es zu spät sein.

Wer soll Assad das raten?
Das ist ja die Katastrophe, solche Berater gibt es in Syrien nicht. Der Präsident ist umgeben von lauter Nutznießern, Jasagern und seiner allmächtigen Familie. Im Grunde sind in Syrien alle Institutionen irrelevant: Volksvertreter, Regierung, Partei, sogar das Militär. Relevant sind nur der Geheimdienst, der von Assads Bruder Maher und seinem Schwager Asef Shaukat geleitet wird, und die Wirtschaftsführung: Dort läuft wiederum alles über den Cousin des Präsidenten - ohne Arrangement mit dem 41-jährigen Rami Makhlouf geht in Syrien gar nichts.

Was müsste in Syrien sofort geschehen?
Der seit 1963 geltende Ausnahmezustand, der den Staat dazu ermächtigt, jeden Bürger ohne Angabe von Gründen zu verhaften, einzusperren, zu foltern oder verschwinden zu lassen, muss aufgehoben werden. Dieses Dekret könnte binnen fünf Minuten Geschichte sein. Es gibt keinen einzigen Grund dafür, länger ein Polizeistaat zu sein.

Auch Sie wurden verhaftet und gefoltert?
Bisher habe ich in meiner zweiten Heimat Österreich noch nicht darüber öffentlich geredet, aber jetzt ist die Zeit gekommen: Als ich gegen Ende meines Studiums in Rumänien zu Besuch kam, wurde ich festgenommen und über acht Monate, davon drei in das berüchtigte Lager Palmera gesperrt, ohne je einer Oppositionsgruppe angehört zu haben. Dorthin verschwanden Hunderte, Tausende Syrer, von deren Schicksal ihre Familien nichts erfahren. Nie weiß man: Wird man gefoltert, wird man morgen noch leben? Die Gefangenen haben sich die Namen der anderen gemerkt, damit den Familien draußen irgendwann Nachricht gegeben werden kann. Ich kam 1985 frei und bin dann umgehend ausgereist, aber nach mir hat es sieben Jahre gedauert, bis der nächste Insasse die Hölle von Palmera verlassen durfte. Ich verspüre trotzdem keine Rachegefühle.

Die Führung behauptet: "Wir oder das Chaos" - ist das tatsächlich zu befürchten?
Ich bin überzeugt davon, dass radikale Reformen auch ohne Chaos möglich sind. Aber wahr ist, dass das System der Unterdrückung ein politisches Vakuum hat entstehen lassen. Viele Personen, die das Land führen könnten, sind entweder sehr alt oder nach Gefängnis und Folter sehr gebrochen oder im Exil. Auch die Muslimbruderschaft ist schwach und wenig glaubwürdig. Und die anderen religiösen Gruppen sind völlig unpolitisch.

Drohen Racheakte zwischen sunnitischer Mehrheit und alewitischer Minderheit, der die Präsidentenfamilie angehört?
Eine Konfessionierung bzw. Ethnisierung des Konfliktes verträgt Syrien auf keinen Fall. Alle Ethnien und alle Konfessionen, Sunniten, Alawiten, Christen, Ismaeliten, Drusen - sie alle müssen kühlen Kopf bewahren und für Syrien arbeiten.

Zur Person:

Tarafa Baghajati: Brückenbauer zwischen Muslimen und Christen

Leben: In Damaskus geboren, verließ der studierte Ingenieur 25-jährig das Land und lebt seither in Wien. Baghajati (49) ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, Gefängnisseelsorger und Imam.

Familie: Seine Frau Amina Baghajati ist Sprecherin der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, vier Kinder.

Damit Integration funktioniert

Wie schaffen wir es, dass In- und Ausländer nicht neben-, sondern miteinander leben. Ein Maßnahmenkatalog in neun Kapiteln.

vollständiger Artikel: http://kurier.at/nachrichten/2037852.php 

Zusammenfassung:  http://www.kathweb.at/content/site/nachrichten/database/35033.html

In einer umfassenden Serie hat sich die KURIER-Redaktion mit dem Thema Ausländer und Integration auseinandergesetzt. Zur Sprache kam, ob sich auch Österreich abschafft (wie es der umstrittene Banker Thilo Sarrazin für Deutschland formulierte).

Zum Abschluss der Serie erklären neun Persönlichkeiten, welche Maßnahmen Politik und Gesellschaft setzen müssen, damit Integration wirklich funktioniert. Auf Platz eins der Wunschliste steht die Sprachförderung. "Und zwar von Kleinkindalter an", so AMS-Chef Johannes Kopf. "Dazu braucht es auch eine interkulturelle Schulung der Pädagogen", fordert Family-Coach Martina Leibovici-Mühlberger.

Der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz fordert ein "Ende der Schönfärberei", Migrationsforscher Heinz Fassmann eine bessere Ausstattung der Schulen und Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft ein Integrations-Ministerium

Schul-Fachmann: Politik in die Peripherie

Kurt Scholz, ehemaliger Wiener Stadtschulratspräsident und heute Mitglied der Opferschutzkommission: "Es braucht das Ende der Schönfärberei und des leider wohlmeinenden Wegredens von tatsächlich existierenden Problemen. Man muss auch den Sarrazin und sein Buch aufklärerisch und kritisch diskutieren, alles andere ist eine Vogel-Strauß-Politik.

Die Politik muss vor Ort anwesend sein. Es hilft nicht, aus den Parteizentralen heraus Allerwelts-Humanismen zu predigen. Die Politik gehört in die Peripherie und muss sich fragen, was bedeutet das denn für die Pensionistin im Beserlpark oder für den von Arbeitslosigkeit Bedrohten? Nur so kann man den Menschen Ängste nehmen. Und nicht immer nur den provokanten politischen Gegner verteufeln, sondern schauen, dass man mit Argumenten überzeugt. Der Tot-stell-Reflex ist in der Politik tödlich. Dazu müsste man aber auch die besorgniserregende intellektuelle Ausdünnung in den Parteien bekämpfen."

Gewerkschafter: Alle einbeziehen

Erich Foglar ist Zentralsekretär der Gewerkschaft Metall-Textil und ÖGB-Präsident: "Integrationspolitik muss weiter gefasst werden, und dazu müssen alle einbezogen werden, die Menschen, die schon hier leben, und die Menschen, die zu uns kommen. Nur das fördert das Miteinander und verhindert, dass die Parolen der Hetzer auf fruchtbaren Boden fallen.

Wir müssen einander verstehen können: Ab dem Kindergarten muss es verstärkt Förderung in der deutschen Sprache geben, aber auch in der jeweiligen Muttersprache. Das nutzt allen Kin dern und erhöht ihre Chancen auf dem weiteren Bildungsweg. Und es braucht Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Menschen mit Migrationshintergrund müssen in den arbeitsmarktpolitischen Zielen des AMS stärker berücksichtigt werden, dafür sollen auch mehr Berater mit Migrationshintergrund eingesetzt werden. Ausbildungsabschlüsse, die im Ausland gemacht wurden, müssen in Österreich besser anerkannt werden."

Muslima: Ressort für Integration

Carla Amina Baghajati, Islamische Glaubensgemeinschaft: "Ein eigenes Ressort für Integration - damit diese endlich aus dem Fokus des Sicherheitsaspekts kommt. So machen wir die zu Integrierenden zu Akteuren und nicht zu einer misstrauisch beäugten Gruppe, vor der man sich schützen muss.

Integration der Integration - damit ein Paradigmenwechsel Integration zu unser aller Thema macht und nicht länger als Problem der ,anderen' ausgelagert wird. Das würde uns wegbringen von kontraproduktiver Feindbildpolitik, die seit der Wirtschaftskrise immer mehr in den Mainstream schwappt. Vernetztes Denken und Handeln ist angesagt. Dann wird ,Bereicherung' durch Vielfalt nicht als Gutmenschsprech abgetan, sondern spürbar. Bildung - und zwar für alle am Rande der Gesellschaft, damit sozialer Aufstieg gelingt. Bildung fördert Kommunikationsvermögen und Austausch. So kann ein Wir-Gefühl entstehen, dessen Mangel derzeit mit ausgrenzender Hasspropaganda gefüllt wird."

Forscher: Neue Weichen stellen

Heinz Fassmann, Migrationsforscher: "Die weitere Harmonisierung des Aufenthalts- und Arbeitsrechts - insbesondere bei nachgezogenen Familienangehörigen - soll jenen, die legal anwesend sind, auch den Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnen. Eine Wohnungspolitik in den Städten, die den sozialen und ethnischen Mix der Bevölkerung vor Ort sicherstellt, soll Lernräume ermöglichen und den Zusammenhalt fördern.

Und: Eine verbesserte Ausstattung der Schulen mit einem hohen Ausländeranteil, soll die Attraktivität erhöhen und die Abwanderung der einheimischen Kinder verhindern (Quartiers- und Magnetschulen). Viel wichtiger aber als das: Politik muss verstehen, dass eine langfristig konzipierte Zuwanderungs- und Integrationspolitik für die Zukunftsfähigkeit des Landes wichtig ist. Die Zugewanderten sollen einen aktiven Schritt in die aufnehmende Gesellschaft tätigen und sich auf Österreich einlassen. Und wir alle sollten nicht zu schnell ungeduldig werden: Integration braucht Zeit."

Musiker: Klare Kompetenzen

Slavko Ninic ist Bandleader der legendären Wiener Tschuschenkapelle: "Meiner Meinung nach braucht es dringend ein Integrations-Ministerium, das sich um die Anliegen der Eingewanderten kümmert und die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft, damit Integration auch wirklich stattfinden kann. Das müsste dann auch dazu genutzt werden, klar die Kompetenzen zu verteilen und klar zu definieren, was denn Migrationspolitik überhaupt sein soll, sein kann und was konkret zu tun ist.

Dann wünsche ich mir wesentlich mehr interkulturelle Veranstaltungen in Österreich. Man wohnt ja oft nebeneinander und nicht miteinander. Die Leute müssten einfach mehr aufeinander zugehen. Sowohl die Eingewanderten als auch die Einheimischen. Dafür sind Events und Veranstaltungen verschiedener Kulturen ideal. Sie bringen die Menschen zusammen und können helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen. Das Fremde ist ja nur solange verdächtig, solange es fremd ist."

Kinder-Expertin: Interkulturelle Schulung

Martina Leibovici-Mühlberger, Psychotherapeutin und KURIER-Family-Coach: "Eine Aufschulung aller Kindergartenpädagogen im Hinblick auf interkulturelles Management. Integration fängt im Kindergarten an. Kleine Kinder haben keine Grenzen und Schwellen. Die geschulten Pädagogen wissen dann, welche Spiele und Projekte zielführend sind, und wie man Eltern reinholen kann.

Family mit Family: Eine einfache Maßnahme, bei der Familien über eine Internet-Plattform interkulturellen Austausch pflegen und Freundschaften knüpfen können. Elternvereine sollten interkulturelle Elternbildung anbieten. Gleichgültig aus welchem Kulturkreis, das Thema Pubertät beispielsweise beschäftigt jede Familie. In dieser Zeit haben alle die gleichen Probleme mit ihren Kindern. Das vereint, verbindet und ermöglicht auch andere Zugänge. Dabei wird wechselseitig das Verständnis erhöht, man kann profitieren und etwas lernen. Auch österreichische Eltern sollten sich um Kontakte bemühen."

Arbeitsmarkt-Chef: Aufgabe von uns allen

Johannes Kopf, AMS-Vorstand: "Sprachförderung vom Kleinkindalter an. Wir brauchen innovative Konzepte, die Anreiz schaffen und motivieren. Erwachsene lernen die Sprache oft leichter, wenn sie in Verbindung mit Fachinhalten steht. Also kein reiner Deutschkurs, sondern mit einer anderen Ausbildung kombiniert.

Förderung und Maßnahmen zur Qualifizierung von Personen mit Migrationshintergrund, damit sie die gleichen Chancen haben. Nur so können wir die Potenziale, die ja vorhanden sind, nützen. Qualifizierte Arbeit ist die beste Methode zur Integration. Integration darf nicht als Verpflichtung des Migranten allein definiert werden, sondern als Aufgabe der Gesellschaft. Natürlich ist es auch eine Verpflichtung der Person, aber es ist auch eine Aufgabe von uns allen. Wir verlangen von den Leuten etwas, aber wir müssen ihnen auch etwas bieten, weil Integration auch in unserem Interesse ist. Da geht es um soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Sicherheit."

Bildungs-Experte: Ende der Negativspirale

Andreas Salcher, KURIER-Schüleranwalt: "Bildung, Bildung, Bildung. Der Schwerpunkt der Integration ist im Kindergarten und in der Volksschule zu leisten. Das reduziert alle Probleme, die danach kommen, enorm. In der Volksschule kann man mit Unterstützungslehrern viel leisten. Die Kinder lernen die Sprache und die Spielregeln unserer Gesellschaft. Das Schul- und Sprachproblem kann nicht auf Integration reduziert werden. Es ist ein Problem bildungsferner Schichten - und die gibt es auch unter Österreichern.

Daher muss Bildung integriert werden - und dafür muss der Staat massiv investieren. Was hier an Betreuungsaufwand und Kompensation notwendig ist, kann Schule allein nicht leisten. Aber Schule ist die einzige Chance für Kinder, die von ihren Eltern nicht gefördert werden. Nur so können sie der Negativspirale entkommen. Dazu braucht man aber Psychologen und Sozialarbeiter, die stärkend wirken, damit die Schule ihre positive Wirkung erfüllen kann."

Caritas-Leiter: Keine Ängste schüren

Michael Landau, Direktor der Caritas-Wien: "Ich wünsche mir von den verantwortlichen Politikern eine Versachlichung der Debatte. Wir müssen die Sorgen der Menschen in unserem Land hören und ernst nehmen. Gleichzeitig verwehre ich mich gegen jede Form der Hetze und das Schüren von Ängsten. Das Ausländerthema darf nicht länger zur Wählerstimmenmaximierung missbraucht werden.

Sprache und Bildung sind der Schlüssel zur Förderung der Integration und Teilhabe. Es geht um faire Chancen für alle Kinder in unserem Land, davon sind wir heute leider weit entfernt. Wir brauchen etwa ein ausreichendes Angebot an Frühförderung und Deutschkursen, die leistbar, erreichbar und zugänglich sein müssen. Und Integration braucht mehr Räume der Begegnung. Aus unseren Projekten wie ,Tanz die Toleranz', ,youngCaritas käfigleague' oder ,Brunnenpassage' wissen wir, dass Gespräche und gemeinsames Tun wesentliche Mittel sind, um Ängste und Vorurteile zu überwinden."

kurier.at  Letztes Update am 02.10.2010, 15:30

Bundesheer - Integration mit Ordnung

Habt Acht! Beim Bundesheer wird punkto Herkunft auf Ausgewogenheit Wert gelegt und siehe da - es funktioniert.

Im Hintergrund hört man das Donnern von Jagdbombern. Im Nachbarort werden Panzer von der Bahn entladen. Mehmet Sivas hat Kevlar-Helm & Sturmgewehr lässig umgehängt und bewacht ein Militärfahrzeug. Das ist keine Szene vom Hindukusch, sondern aus Allentsteig, wo bei der Bundesheerübung "EURAD 2010" der Einsatz im internationalen Terrain geübt wird.Sivas ist einer jener Rekruten des Wiener Gardebataillons, die einen "Migrationshintergrund" haben. Bereits ein Drittel aller Wiener Rekruten hat eine andere Muttersprache. Gut zehn Sprachen werden bei der Garde in der Maria Theresien-Kaserne gesprochen.

Sivas ist stolz, dem Bundesheer dienen zu dürfen: "Mein Vater fühlt sich als Türke, er diente bei der türkischen Armee. Ich bin Österreicher und diene natürlich beim Bundesheer. Jeder sollte sein Land verteidigen." Probleme wegen seiner Herkunft hat Sivas beim Heer noch nie verspürt. Der Kompaniekommandant, Leutnant Benjamin Jäger, hat seinen "Vielvölkertrupp" voll im Griff. Sivas: "Der sagt immer, wir sind alle gleich und sitzen in einem Boot."

KURIER-Lokalaugenschein beim Militärkommando Wien: Militärkommandant Generalmajor Karl Schmidseder schaut wie so oft im Soldatenheim auf eine Runde Tischfußball vorbei. Die Besetzung ist meist multikulturell. Diesmal kämpfen Semi Pripi (tunesische Wurzeln), der Philippino Marc Escalante und der Syrer Adnan Baghajati mit dem General um "Wuzel"-Punkte. Sie alle fühlen sich bestens aufgehoben beim Heer. Der strenggläubige Syrer kann seine Gebete verrichten, die Herkunft war für alle noch nie ein Thema.

Gezielte Durchmischung

Das "Multikulti-Paradies Bundesheer" begann durchaus problematisch. Als es bei der Garde noch einen hohen Immigrantenanteil gab, kam es vermehrt zu
Suchtgiftvorfällen. Und durchs Internet geistert eine Geschichte von einem Zug (etwa 40 Mann), wo angeblich die türkische Mehrheit die restlichen fünf Österreicher zum Latrinenputzen nötigt.

Alles vorbei, erklärt Schmidseder. Was auch Walter Seledec, Vorsitzender der parlamentarischen Bundesheerbeschwerdekommission, bestätigt: "Die Zahl der Vorfälle liegt jetzt auf normalem Niveau."

Das Zauberwort heißt "Durchmischung". Früher durften nur Rekruten aus dem Ostraum zur Garde einrücken, was eine hohe Migrantenkonzentration ergab. Jetzt werden auch Vorarlberger geholt - mit einem Migrantenanteil von 30 Prozent lässt es sich gut leben. "Das Bundesheer zeigt vor, dass Integration mit Ordnung und klaren Regeln tatsächlich funktioniert", sagt Verteidigungsminister Norbert Darabos.

Fürs Bundesheer sind die Neo-Österreicher eine wertvolle Unterstützung, weil sie im Gegensatz zu den alteingesessenen mit Feuereifer dabei sind. Rekrut Sivas: "Wenn ein Sohn zum Heer geht, ist es für die Familie so, als ob er er heiraten würde. Zur Angelobung kommen dann alle - bis hin zu den Freunden der Geschwister."

Artikel vom 22.09.2010 17:00 | KURIER | Wilhelm Theuretsbacher

Brüderliche Hilfe ohne Anerkennung im Westen

Saudi-Arabien und der Iran, aber auch andere Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate sind in der Pakistan-Hilfe aktiv.

Ramadan, genannt der "Sultan der Monate", ist nicht nur der islamische Fastenmonat, sondern auch eine Zeit der erhöhten Spendenbereitschaft unter den Muslimen, weiß man bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Wien zu berichten. Aber: Stimmt das auch im Fall der Flutkatastrophe in Pakistan?

"Ja", sagt Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer Österreicher. Saudi-Arabien und der Iran, aber auch andere Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate seien in der Pakistan-Hilfe aktiv. Diese Länder schicken Notfall-Experten, haben Luftbrücken eingerichtet und organisieren Hilfstransporte. Baghajati hat Erfahrung mit Wiederaufbau, er war als Bauingenieur nach dem Jugoslawien-Krieg in Bosnien im Einsatz.

Aus Saudi-Arabien seien bisher 16 Großraumflugzeuge mit Tausenden Tonnen an Hilfsgütern in Lahore und Multan, Provinz Punjab, gelandet. Von Ägypten und Syrien seien Flugzeuge mit Hilfsgütern abgehoben.

Jordanien hat ein Ärzteteam geschickt mit 3,5 Tonnen Medikamenten und 20.000 Impfungen gegen Cholera, Typhus und anderen Infektionskrankheiten im Gepäck. Iran habe auf den Landweg 440.000 Tonnen Hilfsgüter in Bewegung gesetzt. Auf der Spenderliste bei Naturkatastrophen würden nur arme Staaten wie der Jemen fehlen.

Warum nimmt man die Hilfsbemühungen islamischer Länder im Westen dennoch kaum zur Kenntnis? Die Medien würden das Thema ignorieren, sagt Baghajati. Es gibt aber auch andere, handfeste Gründe: Zum einen stemmen die USA die Hauptlast der Hilfe. Laut UNO Generalsekreätr Ban Ki-Moon ist erst ein Viertel der erforderlichen Soforthilfe für Pakistan geflossen, das sind umgerechnet rund 90 Millionen Euro.

Die USA, die auch Militärhubschrauber zur Verfügung stellen, stemmten davon rund 55 Millionen Euro, wie auch Al-Jazeera berichtet. Schwerer wiegt laut Baghajati die fehlende Koordination unter den islamischen Helfer-Ländern. "Das wäre ein wichtiges Betätigungsfeld für die Arabische Liga oder die Islamische Konferenz." Aufruf

Die Islamische Glaubensgemeinschaft ruft zum Spenden auf und empfiehlt neben den heimischen folgende muslimische Hilfsorganisationen: "Muslim Aid" (gegründet von Cat Stevens), "Islamic Relief" und "Muslime helfen".

Artikel vom 20.08.2010 00:23 | KURIER | Martin Burger

Zum Hauptartikel: http://kurier.at/nachrichten/2025240.php

Moslem-Vertreter: ÖVP spielt gefährliches Spiel

Integration

Die harte Wahlkampflinie der ÖVP in der Ausländerfrage sorgt für Unmut bei Migrantenvertretern. "Die ÖVP spielt hier ein gefährliches Spiel und ist dabei, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren", kritisiert Tarafa Baghajati von der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen im KURIER-Gespräch.

"Einerseits präsentiert sich die ÖVP als die Europapartei mit den großen Visionen, andererseits agiert sie in Sachen Migration und Integration kleinkariert und inkompetent." Baghajati stört sich vor allem am jüngsten Vorstoß von Innenministerin Maria Fekter, den Begriff "Kulturdelikte" einzuführen. Damit will sie Taten bezeichnen, die nach österreichischem Recht zwar illegal sind, aber für Menschen aus dem Ausland Teil der Tradition sein könnten.

Eines dieser "Kulturdelikte" ist für Fekter Ehrenmord. Baghajati: "Es ist wirklich unglaublich, wie eine Ministerin ein Verbrechen, das sich in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten ein einziges Mal ereignet hat, behandelt, als sei es der Dreh- und Angelpunkt der Kriminalstatistik." Zudem sei es eine Beleidigung von tausenden in Österreich lebenden Bürgern, ihnen und ihrer Kultur zu unterstellen, Mord sei Teil ihrer Tradition.

Schlechtes Beispiel

Dass Fekter Genitalverstümmelung als Beispiel für "Kulturdelikte" genannt hat, hält der Moslem-Vertreter für unangebracht: "Es gibt keine Kulturgemeinschaft in Österreich, die das gut heißt." 2006 habe ÖVP-Ministerin Rauch-Kallat die Rolle der muslimischen Vertreter in dieser Frage gewürdigt.

"Das alles im Wahlkampf zu vergessen oder – noch schlimmer – gar nicht zu wissen, ist fatal."

 

 

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