Österreich

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Islamischer Friedhof eröffnet am 3. Oktober

20 Jahre dauerte es, bis die Pläne zum islamischen Friedhof in die Tat umgesetzt wurden.

Bestattung nach österreichischem Ritus - Bauprojekt mit langer Entstehungsgeschichte - 3,4 Hektar große Grabstätte mit Gittertor Richtung Mekka

Der erste islamische Friedhof Österreichs, im Süden Wiens gelegen, wird am 3. Oktober, kurz nach Ende des Fastenmonats Ramadan, eröffnet. Bis zu 4.000 Tote sollen hier ihre letzte Ruhe finden, so Omar Al-Rawi, SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IG).

Dies hinge allerdings davon ab, wie eng man die Gräber lege. In jedem Falle werden die Toten nach österreichischer Vorschrift im Sarg bestattet - anders als nach islamischem Ritus üblich, der eine Beerdigung im Leintuch vorsieht. Das Gesicht wird dabei gegen Mekka gedreht. Der Blick in Himmelsrichtung des islamischen Wallfahrtsortes ist dabei offen: In der hohen Mauer wurde hier ein Gittertor eingelassen. Ansonsten hat man auf den Sichtschutz für die Anrainer mittels Wand und Bäumen Wert gelegt.

Die 3,4 Hektar große Gräberstätte samt Einfriedung stellte die Gemeinde zur Verfügung, wobei das Areal mit dem Aushub des nahen Liesingbaches aufgeschüttet wurde, um eine Verunreinigung des Grundwassers zu vermeiden. Die IG zeichnete hingegen für die Bauten verantwortlich.

Hohe Aufbahrungshalle

Dominiert wird der Komplex von einer hohen Aufbahrungshalle, in deren Innerem kalligraphische Schriftzeichen und ein gigantischer Kronleuchter Eleganz ausstrahlen. Deutlich minimalistischer sind die Flachbauten daneben gestaltet. Bereits seit November 2007 finden hier die rituellen Totenwaschungen statt. Auch ein Kühlhaus für die Leichen ist vorhanden.

Direkt daneben findet sich eine kleine Dienstwohnung. Diese wird einem Hausmeister zur Verfügung gestellt, der permanent am Gelände wohnen soll, nicht zuletzt um dessen Sicherheit zu gewährleisten. Von Videoüberwachung oder Polizeischutz habe man bewusst abgesehen, unterstrich Al-Rawi. Man wolle ein offener Ort bleiben.

Der IG-Beauftragte zeigt sich zuversichtlich, eine große Mehrheit der künftigen islamischen Toten Wiens am Areal zu versammeln. Derzeit hätten viele ältere Muslime noch Versicherungen zur Rückführung ihres Leichnams in die alte Heimat, was sich mit nachfolgenden Generationen aber ändere. Die genauen Modalitäten einer Bestattung, also etwa Kosten, ob das Grab in Pacht oder Eigentum übergehe oder ob es einheitliche Grabsteine geben wird, seien derzeit aber noch offen, so Al-Rawi.

Lange Geschichte

Doch diese Unklarheiten scheinen unbedeutend angesichts der langen Geschichte des Projekts: Fast 20 Jahre dauerte es, bis die Gespräche zwischen IG und Stadt 2001 in konkrete Pläne mündeten, wobei die Eröffnung für Herbst 2003 in Aussicht gestellt wurde. Dann verzögerten archäologische Grabungen, die Insolvenz der Baufirma und Geldprobleme den Fortschritt, bis es 2006 auch noch zu einem Brandanschlag auf den Rohbau kam, dessen Wände später überdies mit 53 Kreuzen beschmiert wurde.

Immerhin die Finanzierungsprobleme wurden durch Großspenden des OPEC-Fonds und Katars und Katars behoben. Deren Vertreter werden dementsprechend bei der Eröffnung am 3. Oktober anwesend sein, die mit einem großen Festakt begangen wird. Mit diesem Termin ist es Wien doch noch gelungen, der Konkurrenz aus Vorarlberg zuvorkommen. Dort entsteht in Altach eine Begräbnisstätte mit 300 Plätzen, deren Eröffnung für 2009 anvisiert ist. (APA)

Rechtsruck & Weckruf

Wie auch immer die Verhandlungen zur Regierungsbildung ausgehen mögen: EU-Konsequenzen werden trotz des Rucks in Richtung rechts-rechts kaum ins Haus stehen. Schließlich betätigen sich auch andernorts mit offenem Rassismus spielende Rechtspopulisten.

 
FPÖ und BZÖ hatten strategisch kalkuliert: Politikfrust würde Lust aufs Erteilen von Denkzetteln geben. In einer Gesellschaft, die ob drohender Einschnitte durch Teuerung und wackelnde Sozialsysteme immer mehr zur Ellbogengesellschaft wird, werden all jene Themen, die auch Minderheiten betreffen, zur Nebensache degradiert. Keine Konjunktur für Menschenrechtspolitik. „Heimatpolitik“ zieht da mehr, die ihre Härte mit einem scheinheiligen „Wir-Gefühl“ auf dem Rücken der „Fremden, der anderen“ kaschiert.

 

Angesichts rosiger Aussichten am Wahlabend als Gewinner auftrumpfen zu können, versuchten sich die Rechtsparteien in bewusst staatsmännischer Haltung. Dass zu aggressive Töne Stimmen kosten, hatte der Grazer Wahlkampf gezeigt. Da andererseits beim einschlägigen Publikum die Botschaft von Islamfeindlichkeit und Verweigerung einer aktiven Integrationspolitik längst angekommen war, konnte man sich vor den Fernsehkameras gemäßigt geben.

 

Dass die ÖVP inhaltlich mit Reizwörtern wie „Kulturdelikte“ (BM Fekter) oder „Kopftuchverbote im öffentlichen Dienst“ (BM Hahn) wie nie zuvor im Teich der Blauen und Orangen fischte, musste sich als kontraproduktiv erweisen, wurde doch die Stammwählerschicht dadurch eher verwirrt, während Sympathisanten solcher Statements die noch weiter rechte Partei wählen.

 

Eine harte Lektion für die dramatisch geschrumpften Großparteien. Hoffentlich keine harte Lektion für Österreich, was da an Politik in den kommenden Jahren ansteht. Wenn jene rechten Recken, die sich gern als „Retter des Abendlandes“ aufspielen, gerade Werte wie Toleranz, Chancengleichheit, Frauen- und Menschenrechte Lügen strafen.

 

Carla Amina Baghajati ist Sprecherin der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

 

© SN/SW

Leserbrief: FPÖ Hand in Hand mit Rechtsextremen in Köln: Die Presse

In seiner Video Botschaft http://www.pro-koeln-online.de an den rechtsradikalen bis rechtsextremen islamfeindlichen so genannten „Antiislamisierungskongress“ in Köln beteuert HC Strache mehrmals, dass er nicht gegen den Islam ist und dass er und die FPÖ ja den Islam respektieren, nur ist er gegen Islamismus. Er versuchte sich indirekt von den Rechtsextremen in diesem Punkt abzugrenzen.

Sein scheinheiliger Versuch muss kläglich scheitern, da die rechtsextremen einladenden Gruppen sich eindeutig gegen den Islam als Religion deklarieren.

Bei ihrer später von der Polizei verbotenen Veranstaltung plakatierten sie überall „Stop Islam“. Straches Positionierung in Köln reiht ihn zweifelsohne unter andere rechtsextreme Gruppierungen in Europa.

Tarafa Baghajati

 

Al-Rawi kann Islamisierungs-Vorwürfe "nicht nachvollziehen"

Der Vertreter der muslimischen ÖsterreicherInnen kritisiert die Äußerungen des Innenministeriums zum neuen Verfassungsschutzbericht als "Wahlstrategie"

"Man muss hoffen, dass dieser Bericht die Bedrohungen realistisch darstellt, wenn er von einer Sicherheitsbehörde kommt", sagt Omar Al-Rawi, Sprecher der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und SPÖ-Gemeinderat in Wien, über den jüngst veröffentlichten Verfassungsschutzberichts des Innenministeriums. Allerdings könne er nicht nachvollziehen, warum Peter Gridlinger, Leiter des Bundesamts für Verfassungsschutz, bei der Präsentation von einer "zunehmenden Islamisierung" gesprochen hatte, so Al-Rawi gegenüber derStandard.at. Konkret sprach Gridlinger von einer  "Erhöhung der Gefährdungslage", Innenministerin Maria Fekter sekundierte mit der Warnung, dass die Terrorbedrohung durch Islamisten in Österreich "sehr wohl ein Thema ist".

Keine konkreten Zahlen

Wer den Bericht genauer durchliest, findet allerdings nur wenig Anhaltspunkte für diese Aussagen. Im Kapitel "Extremismus und Terrorismus mit Auslandsbezug" sind jedoch keine Fakten zu finden, die konkrete Bedrohungen belegen würden. Oft wird im Bericht zwar generell die internationale Gefahrenlage beschrieben, auf die Situation in Österreich bezogen heißt es jedoch: "Eine  konkrete  Gefährdung  der öffentlichen Sicherheit war nicht erkennbar".

Auch Gridlinger wollte sich bei der Präsentation des Berichts nicht auf Zahlen festlegen. Es gehe aber jedenfalls nicht um "hunderte" Verdächtige. "Einerseits ist das eine Kalmierung, andererseits fordert die Innenministerin, Hassprediger abzuschieben", wundert sich Al-Rawi im Gespräch mit derStandard.at. Dabei definiere sie nicht klar, wer denn nun ein Hassprediger ist: Wenn Verhetzung damit gemeint ist, "dann wäre doch auch die FPÖ mit ihren Wahlkampfplakaten ein Hassprediger. Aber Fekter beschränkt den Begriff wohl auf Islamisten und Muslime." Im Übrigen komme der Begriff Hassprediger in dem Bericht gar nicht vor.

Ein Medienspiegel mit Wahlkampf-Hintergrund

Der Bericht gebe nichts anderes als Geschehnisse der vergangenen Jahre in der Welt wieder, fasst Al-Rawi zusammen: "Ein Medienspiegel, quasi. Für Österreich befinden sich im Bericht nur vage Annahmen."

Auch wenn er die Aussagen nicht nachvollziehen kann, kann Al-Rawi sich die Motivation der Innenministerin erklären: "Ich habe den Eindruck, dass sie den Termin der Veröffentlichung aus wahlkampftaktischen Gründen gewählt hat." Denn die weiteren Schwerpunkte des Berichts - Links -und Rechtsextremismus und Tierrechtsextremismus - passen in das Sicherheitsthema, dass die ÖVP für den Wahlkampf aufgegriffen hat. Allerdings findet Al-Rawi auch Positives im Bericht: "Ich begrüße, dass in Zukunft der Tatbestand der von Islamophobie motivierten Akte in der Beobachtung aufgenommen wird - ein schon sehr überfälliger Schritt." (lis/derStandard.at, 19. September 2008)

Die Furche:Politischer Islam in Österreich? Ein - umstrittenes - Buch

  • Politischer Islam in Österreich? Ein – umstrittenes – Buch will den heimischen Islamismus aufdecken.
    Von Otto Friedrich
  • Mouhanad Khorchide und Omar Al-Rawi:
    Kritische Anmerkungen zum „Handbuch des politischen Islam“

Beiträge, siehe unten:


Wie politisch ist der Islam? (I)

Politischer Islam bei Österreichs Muslimen? Ein – umstrittenes – Buch will den heimischen Islamismus aufdecken.

von Otto Friedrich

http://www.furche.at/system/showthread.php?t=574

Ramadan ist. Die große Zeit der Einkehr und des Fastens für die Muslime, auch in Österreich. Letzten Sonntag ereignete sich – wenig bemerkt – Bahnbrechendes für die politische Präsenz von Muslimen: Mit Alev Korun auf Platz drei der grünen Bundesliste wird aller Voraussicht nach die erste Muslima in den nächsten Nationalrat einziehen.

Während also in der alltäglichen Politik Menschen mit muslimischem Hintergrund langsam sichtbar werden, kommt die Frage nach dem Islam und seinem Verhältnis zur Politik auf einer anderen Bühne wieder ins Rampenlicht. Ein „Handbuch des politischen Islam“, so dessen Untertitel, will die politischen Implikationen dieser Religion in Österreich offenlegen und den Islamismus in den Hinterhöfen oder hinter einer sich respektabel gebenden Fassade aufzeigen.

„Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ haben die Herausgeber, die Wiener Politikwissenschafter Dunja Larise und Thomas Schmidinger, den Band genannt, in dem die beiden gemeinsam mit 14 Student/inn/en, die Mehrzahl davon mit muslimischem Hintergrund, den „politischen Islam“ im Lande aufzuspüren suchen.

Kein homogener Islam
Es sei ihnen vor allem um einen Klärungsprozess gegangen, meint Herausgeberin Dunja Larise im Gespräch mit der Furche. Der Islam in Österreich werde homogenisiert wahrgenommen, in Wirklichkeit sei er aber differenziert zu betrachten. Und da ist es den Autor/inn/en darum zu tun, diejenigen Gruppen und Persönlichkeiten zu beleuchten, für die die Religion auch Politik und politisches Engagement bestimmt. Religiöser Integralismus, also der Versuch, einen Primat des Islam über die Gesellschaft aufzuspüren, sei eines dieser Anliegen, so Larise.

So haben die Autor/inn/en ein Jahr lang Internetauftritte, Publikationen und Vereinsstatuten jener Gruppierungen und Persönlichkeiten hergenommen, die unter dem „Verdacht“ stehen, einem „politischen Islam“ anzuhängen. Nur solche Gruppen habe man aufgenommen, denen man diese Ausrichtung dann auch nachweisen konnte, versichert Larise: Das Projekt sei ehrenamtlich abgewickelt worden, es habe keine privaten Sponsoren, kein öffentliches Geld dafür gegeben.

Kein leichtes Unterfangen, denn was politischer Islam ist und für wie gefährlich man diesen einschätzt, das ist die Gretchenfrage, und – siehe den Beitrag von Mouhanad Khorchide auf Seite 3 – schon bei der Definitionsfrage dazu können sich die Geister scheiden.

Die Geister scheiden sich tatsächlich an der Bewertung des Buches: „In Summe ein gelungenes Werk, das erstmals eine umfassende, wenn auch nicht vollständige Darstellung der österreichischen Szene liefert“, resümiert die Wiener Zeitung und erwartet sich gleich einen „ähnlich detaillierten Bericht“ vom Verfassungsschutz. In ein ähnliches Horn stößt der – politisch bekanntlich ganz anderswo beheimatete – Falter, der den Band als „eine Mischung aus Wissenschaft und Journalismus, ein Handbuch eben für Journalisten“ qualifiziert: „Die Autoren ergänzen die großteils bekannten Fakten über den politisierten Islam mit spannenden Details und verorten die einzelnen Gruppen anhand hilfreicher Analysen in ihren jeweiligen Bewegungen.“

Einige der im Buch Beschriebenen können solchem Urteil nichts abgewinnen. Carla Amina Baghajati, Mediensprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, wirft vor allem Ko-Herausgeber Thomas Schmidinger Voreingenommenheit und mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Außerdem habe Schmidinger sich selbst im öffentlichen Diskurs „immer wieder als politischer Gegner“ positioniert.

In der Tat wird die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich sehr kritisch beleuchtet und klar unter „politischer Islam“ subsumiert. Andere muslimische Großorganisationen, wie etwa der vom türkischen Religionsministerium (!) organisierte Verband ATIB (u. a. der Betreiber der Moscheebauten in Telfs und Bad Vöslau) fallen aber nicht unter dieses Verdikt der Autor/inn/en. Herausgeberin Larise argumentiert, man habe nur solche Gruppierungen aufgenommen, wo es in schriftlichen Unterlagen nachprüfbare und dokumentierte Belege gegeben habe.

Kommt somit jemand wie die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“ wegen ihrer öffentlichen Wahrnehmung in die Schublade „politischer Islam“? Dunja Larise konzediert, dass es über medial präsente Gruppen eben das meiste Material gebe, es könne da schon sein, dass „klandestine Gruppen“ nicht im „Handbuch des politischen Islam“ aufscheinen: Man habe sich auf das begrenzen müssen, was öffentlich vorhanden sei.

Omar Al-Rawi, einer der umtriebigsten Muslime im Land, klagt, dass seine Aktivitäten im Buch selektiv und unter dem Blickwinkel, er stünde der Muslimbruderschaft nahe, wahrgenommen würden. Seit Jahren versucht der Wiener SP-Abgeordnete diese Vorwürfe, die ihm Mitherausgeber Schmidinger immer wieder macht, zu entkräften (vgl. Seite 3). Überhaupt ist „Muslimbruder“ die große Chiffre, mit der operiert wird, und die für die „Gefährlichkeit“ des politischen Islam steht.

Problematisch finden Kritiker wie Mouhanad Khorchide die Bewertung von religiösem Engagement an sich, wie sie im Buch entgegentritt. Dunja Larise will den religiösen Integralismus, der gegen die Trennung von Staat und Religion arbeite, aufdecken. Eine der Kategorien des politischen Islam wird als „Reformismus“ bezeichnet; gemeint ist, dass dessen Protagonisten ihre Ziele mit legalen Mitteln zu erreichen suchen. Heißt das also, dass religiöse Menschen, die ihre Werte aufgrund ihres Glaubens in den öffentlichen Diskurs demokratischer Gesellschaften einbringen, gleich verkappte Fundamentalisten (konkret also: Islamisten) sind?

„Reformist“ = Islamist?
Dunja Larise meint, es sei ihr und dem Buch darum zu tun, auf die Gefahr des Integralismus auch in diesem Diskurs hinzuweisen. Sie nennt ein Beispiel: Käme etwa die Forderung nach islamischen Krankenhäusern auf, in denen – nach islamischem Recht – Frauen nicht mehr ohne Begleitung von einem Arzt untersucht werden dürften, so würde das zu einer „vertikalen Trennung der Gesellschaft nach Gender“ führen. Das gelte es aufzuzeigen. Sie kritisiert in dieser Hinsicht den muslimischen Star-Denker Tariq Ramadan, eines der liebsten Feindbilder im Buch, dessen Blutsverwandtschaft zum Gründer der Muslimbrüder, Hassan al-Banna, wiederholt betont wird.

Schließlich umfasst die eingeschränkte Wahrnehmung auch Zitate, die dastehen, ohne das Umfeld zu beleuchten. So wird etwa die Kritik des österreichischen Muslim Günther Ahmed Rusznak am Umfeld der Islamischen Glaubensgemeinschaft wiedergegeben, ohne anzuführen, dass es da eine lange Konfliktgeschichte gibt und was die Hintergründe dieser Auseinandersetzungen sind. Auch wird Rusznaks „Islamisches Informations- und Dokumentationszentrum“ kommentarlos angeführt, ohne dass der Leser weiß, worum es sich dabei handelt: um „politischen Islam“ wie bei anderen offenbar nicht, aber warum nicht?

Ideologie des Argwohns
All die angesprochenen und von den Kritikern monierten Defizite lassen die Bewertung dieses „Handbuchs“ durchwachsen erscheinen. Den Autoren ist zu konzedieren, dass sie keinesfalls behaupten, in Österreichs Hinterhöfen würden Selbstmordattentäter herangezogen. In den theoretischen Kapiteln zu Islam und Politik finden sich interessante Zusammenhänge und Querverbindungen, aber der unkundige Leser wird hier mehr mit einer Ideologie des Argwohns, denn mit Nüchternheit und notwendiger Distanz bedient. Zu den Muslimbrüdern oder dem Star des selbstbewussten Euro-Islam Tariq Ramadan ist die Lektüre anderer Publikationen zum Thema nötig.

Das Buch „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ unternimmt aber immerhin den – wie gezeigt wurde: auch fragwürdigen – Versuch, die Heterogenität der muslimischen Milieus in Österreich anzudeuten. Die Einteilung einzelner Organisationen nach dem Migrationshintergrund (arabisch, türkisch, bosnisch etc.) ist ein legitimes Ordnungsprinzip. Die Kategorisierung als „politischer Islam“ hingegen erweist sich als die eigentliche Schwachstelle des Unterfangens. Abgesehen davon, dass dem Buch jede Art von Register fehlt, wäre ein „Handbuch des Islam in Österreich“ ohne das Attribut „politisch“ die sicher lohnendere Lektüre, aber zweifelsohne nicht mehr durch „ehrenamtliche“ Autor/inn/en zu bewältigen.

Natürlich sind auch die Institutionen des „offiziellen“ Islam in Österreich zu hinterfragen und in den öffentlichen Diskurs zu bringen. Allerdings sollten die Prämissen der Kritik weniger fragwürdig sein als im gegenständlichen Buch.

ZWISCHEN GOTTESSTAAT UND DEMOKRATIE
Handbuch des politischen Islam
Hg. Thomas Schmidinger, Dunja Larise
Deuticke Verlag, Wien 2008
320 Seiten, kt., € 20, 50


http://www.furche.at/system/showthread.php?t=575

Wie politisch ist der Islam? (II)

Eine antireligiöse Ideologie? 
Anmerkungen zum „Handbuch des politischen Islam“.

Von Mouhanad Khorchide

Der Begriff „Islamismus“ bzw. „politischer Islam“ ist ein breit gefasster Begriff, der heute oft auf eine inflationäre Weise verwendet wird. Im Buch „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ bezeichnet Thomas Schmidinger Bewegungen und Gruppierungen, die den Islam als Richtschnur politischen Handelns verstehen, als Islamisten. Jeder Muslim, der sein politisches Handeln für sich mit dem Islam begründet, gerät demnach in den Islamismusvorwurf. So wirft Schmidinger allen islamischen Vereinen in Österreich, ausgenommen den beiden nationalistischen (dem türkischen ATIB und dem bosnischen Dachverband), vor, sie würden die Islamisierung der Gesellschaft anstreben. Was den politischen Islam ausmacht, ist jedoch nicht, wie Schmidinger definiert, die islamische Begründung von Handeln, denn welcher gläubige Mensch – Muslim, Christ, Jude usw. – möchte sein Handeln nicht in Einklang mit seinem Glauben bringen und sucht daher sein Handeln durch den Glauben zu begründen?

Falsche Kritik und …
Der politische Islam bzw. Islamismus ist durch die Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gekennzeichnet. Islamisten lehnen es ab, diese Grundordnung mit ihrem Glauben in Harmonie zu bringen, denn sie sehen in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung einen Widerspruch zu ihrer Auffassung vom Islam. Die Grenze zwischen Islam und Islamismus liegt nicht in einer religiösen versus weltlichen Begründung politischen Handelns, sondern in der Anerkennung versus Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufgrund religiöser Überzeugungen. Es entsteht der Eindruck, dass das Buch eine antireligiöse Ideologie verfolgt, die jegliches Handeln, das sich religiös begründet, verurteilt.

… berechtigte Kritik
Dennoch weist das Buch berechtigte Kritik an muslimischen Organisationen und Personen auf, die soziale und religiös begründete Probleme in der muslimischen Community in Österreich nicht wahrnehmen wollen und bemüht sind, in der Öffentlichkeit ein heiles Bild zu vermitteln. Die Autor/inn/en übersehen aber, dass es sich hierbei nicht immer um ein Phänomen des politischen Islam handelt, sondern zum Teil um Machtinteressen innerhalb der Community, aber vor allem um das Gefühl vieler Muslime, eine Minderheit zu sein, und die daraus resultierende Verunsicherung und Angst, die eigene Identität zu verlieren. In der Überbetonung mancher Muslime des Eigenen verbirgt sich weniger das Streben nach einer Islamisierung der Gesellschaft, sondern vielmehr die Selbstvergewisserung der eigenen Identität.

Um den Islam als Teil gemeinsamer europäischer Kultur zu erfassen, sind zum einen die Muslime in Europa gefordert, moderne demokratische Werte religiös zu begründen, und zum anderen europäische Gesellschaften, der auch jüngst bei einem Vortrag in Wien formulierten Forderung des Theologen Christian Troll SJ nach Anerkennung der Muslime als in Europa gleichberechtigte Partner nachzukommen.

Der Autor ist Islamwissenschafter und Imam in Wien-Ottakring.


http://www.furche.at/system/showthread.php?t=576

„Wir betreiben keine Islamisierung!“

Von Omar Al-Rawi

Die Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen IMÖ entstand 1999 als Reaktion auf den fremdenfeindlichen Wahlkampf der FPÖ. Wir wollten uns als Muslime Österreichs aus dem Diskurs nicht ausklinken. Am Herzen lag uns, die Partizipation der Muslime zu fördern, um so zur Integration beizutragen. Ein loser Haufen von nichtorganisierten intellektuellen Muslimen bildete dieses Netzwerk, das sich im Lauf der Jahre vieler Projekte annahm. Die Vereinsgründung geschah erst 2008. So gesehen waren wir hochpolitisch im Sinn des gesellschaftspolitischen Diskurses. Aber sicher kein „politischer Islam“ (der lt. Definition Schmidingers die Islamisierung der Gesellschaft anstrebt).

Weder Politik islamisieren …
Wir wollten Brückenbauer sein, mit Nichtmuslimen arbeiten und uns vernetzen. Gemeinsame Projekte begannen, mit „SOS Mitmensch“ oder der Initiative „Land der Menschen“. Durch gemeinsame Erfahrungen und Projekte wie die „Tage der offenen Tür“ in Wiener Moscheen, aber auch durch die Mobilisierung für Demos gegen Rassismus begann die Vernetzung mit muslimischen Vereinen.

Plötzlich vergrößerte sich der Aktionsradius. Humanitäre Projekte waren ein Teil der Arbeit (Kochen für Obdachlose, Spendensammeln für die Hochwasseropfer) wie auch die Übernahme der Verantwortung für die Krankenhausseelsorge, Empowerment für Frauen oder der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Innerislamisch avancierten wir – bedingt durch die mediale Präsenz, aber auch die unabhängige und ausschließlich in deutscher Sprache agierende Gruppe, die nicht als ein in politischer oder auch religiöser Richtung punzierter Verein auftrat – zu einer Art Sprachrohr. Somit wurde von uns erwartet, zu allem und jedem Stellung zu beziehen. Durch diese Aktivitäten bekamen wir auch offizielle Funktionen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Über die IMÖ wurden zum ersten Mal Frauen in den Obersten Rat der IGGiÖ gewählt. Das offizielle Gesicht der IGGiÖ ist mit Amina Baghajati eine Frau. Es gab zum ersten Mal ein Frauenreferat, Menschenrechts- und Integrationsbeauftragte. Es war unserer Initiative zu verdanken, dass die vielbeachteten Imamekonferenzen stattgefunden haben, bei denen klar das Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechten und Pluralismus im Zentrum steht, Wege der Integration besprochen wurden und eine Absage an Terror und Gewalt erfolgte: Darauf sind wir stolz.

Der Versuch, uns als eine Gruppe, die Islamisierung der Politik und der Gesellschaft betreibt, zu bezeichnen, ist wirklich nicht nachvollziehbar. Wir wollen weder die Politik islamisieren noch den Islam politisieren.

… noch Islam politisieren
Hassan Al-Turabi, ein Reformer der Muslimbruderschaft, fordert die Wiederbelebung des Idschtihad, der zeitgemäßen Interpretation des Koran. Auch Tarafa Baghajati tritt dafür ein. Aber die Behauptung, die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“, der Baghajati angehört, sei ein Teil der Muslimbruderschaft, ist ungefähr so viel wert wie die Feststellung, dass Juden und Muslime der gleichen Religion angehören, weil beide kein Schweinefleisch essen und ihre Tiere schächten.

Ich halte viel von Max Webers „Postulat der Zurückhaltung persönlicher Überzeugungen im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit“. Dies ist Thomas Schmidinger in dem von ihm mitherausgegebenen Buch „Gottesstaat und Demokratie“ nicht gelungen.

Der Autor ist Integrationsbeauftragter der Islam. Glaubensgemeinschaft u. SP-Abgeordneter in Wien.

„Wir betreiben keine Islamisierung!“

Die Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen IMÖ entstand 1999 als Reaktion auf den fremdenfeindlichen Wahlkampf der FPÖ. Wir wollten uns als Muslime Österreichs aus dem Diskurs nicht ausklinken. Am Herzen lag uns, die Partizipation der Muslime zu fördern, um so zur Integration beizutragen. Ein loser Haufen von nichtorganisierten intellektuellen Muslimen bildete dieses Netzwerk, das sich im Lauf der Jahre vieler Projekte annahm. Die Vereinsgründung geschah erst 2008. So gesehen waren wir hochpolitisch im Sinn des gesellschaftspolitischen Diskurses. Aber sicher kein „politischer Islam“ (der lt. Definition Schmidingers die Islamisierung der Gesellschaft anstrebt).

Weder Politik islamisieren …

Wir wollten Brückenbauer sein, mit Nichtmuslimen arbeiten und uns vernetzen. Gemeinsame Projekte begannen, mit „SOS Mitmensch“ oder der Initiative „Land der Menschen“. Durch gemeinsame Erfahrungen und Projekte wie die „Tage der offenen Tür“ in Wiener Moscheen, aber auch durch die Mobilisierung für Demos gegen Rassismus begann die Vernetzung mit muslimischen Vereinen.

Plötzlich vergrößerte sich der Aktionsradius. Humanitäre Projekte waren ein Teil der Arbeit (Kochen für Obdachlose, Spendensammeln für die Hochwasseropfer) wie auch die Übernahme der Verantwortung für die Krankenhausseelsorge, Empowerment für Frauen oder der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Innerislamisch avancierten wir – bedingt durch die mediale Präsenz, aber auch die unabhängige und ausschließlich in deutscher Sprache agierende Gruppe, die nicht als ein in politischer oder auch religiöser Richtung punzierter Verein auftrat – zu einer Art Sprachrohr. Somit wurde von uns erwartet, zu allem und jedem Stellung zu beziehen. Durch diese Aktivitäten bekamen wir auch offizielle Funktionen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Über die IMÖ wurden zum ersten Mal Frauen in den Obersten Rat der IGGiÖ gewählt. Das offizielle Gesicht der IGGiÖ ist mit Amina Baghajati eine Frau. Es gab zum ersten Mal ein Frauenreferat, Menschenrechts- und Integrationsbeauftragte. Es war unserer Initiative zu verdanken, dass die vielbeachteten Imamekonferenzen stattgefunden haben, bei denen klar das Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechten und Pluralismus im Zentrum steht, Wege der Integration besprochen wurden und eine Absage an Terror und Gewalt erfolgte: Darauf sind wir stolz.

Der Versuch, uns als eine Gruppe, die Islamisierung der Politik und der Gesellschaft betreibt, zu bezeichnen, ist wirklich nicht nachvollziehbar. Wir wollen weder die Politik islamisieren noch den Islam politisieren.Al-Turabi

… noch Islam politisieren

Hassan Al-Turabi, ein Reformer der Muslimbruderschaft, fordert die Wiederbelebung des Idschtihad, der zeitgemäßen Interpretation des Koran. Auch Tarafa Baghajati tritt dafür ein. Aber die Behauptung, die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“, der Baghajati angehört, sei ein Teil der Muslimbruderschaft, ist ungefähr so viel wert wie die Feststellung, dass Juden und Muslime der gleichen Religion angehören, weil beide kein Schweinefleisch essen und ihre Tiere schächten.

Ich halte viel von Max Webers „Postulat der Zurückhaltung persönlicher Überzeugungen im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit“. Dies ist Thomas Schmidinger in dem von ihm mitherausgegebenen Buch „Gottesstaat und Demokratie“ nicht gelungen.

Der Autor ist Integrationsbeauftragter der Islam. Glaubensgemeinschaft u. SP-Abgeordneter in Wien.

 

 

IMÖ: Alev Korun voraussichtlich erste Parlamentsabgeordnete mit Migrationshintergrund

Stellungnahme der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Die IMÖ - Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, freut sich über die Nominierung Alev Koruns an einem sicheren Listenplatz und übermittelt ihr und den Grünen die herzlichsten Glückwünsche. Endlich bekommt Österreich eine Parlamentsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Alev Korun hat sich mit ihren langjährigen Erfahrungen als Spezialistin für Menschenrechtsfragen einen Namen gemacht. Ihre konsequente  Haltung für die Rechte von MigrantInnen und gegen Rassismus hat ihr ganzes politisches Leben begleitet.

Dass die erste migrantische Vertretung im österreichischen Parlament eine Frau sein wird, ist besonders erfreulich. Für die muslimischen Communities in Österreich ist auch ein wichtiges Zeichen, dass sie Muslimin ist. So sieht Integration aus, wie wir sie verstehen als „Integration durch Partizipation“. Das Eintreten gegen Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit wird mit der kultiviert entschiedenen Art Alev Koruns im Parlament einen  wichtigen neuen Impuls erhalten.

Dieser Schritt sollte nur ein Anfang sein. Wir hoffen, dass auch die SPÖ und ÖVP, bzw. die anderen im Parlament vertretenen Parteien diesem Beispiel folgen und kompetente KandidatInnen mit Migrationshintergrund nicht nur zur Zierde an aussichtsloser Stelle reihen. Es sollte zur Normalität werden, dass die Zusammensetzung des österreichischen Parlaments ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Diversität ist.

Wir gratulieren Alev Korun zu ihrem Erfolg und wünschen weiterhin eine gute Zusammenarbeit zum Wohle aller Menschen in Österreich.

Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Tarafa Baghajati

Die Christen in der ZIB 2

Leser Brief von Omar Al-Rawi in "die Presse"

In der ZIB 2 am 03.09.2008 tritt ein Spitzenkandidat der „Christen“ auf, der wie auch seine Anhänger im vorherigen Lokalbericht folgendes von sich gibt: Sie glauben nicht an die Trennung von Kirche und Staat, fordern die Abschaffung der Fristenlösung und Strafen für Abtreibungen. Die EU stört sie mit dem „Gender Mainstreaming“- Grundsatz, der schon wie eine religiöse Ideologie behandelt werde. Der schulische Sexualunterricht sei schuld an der Propagierung von Homosexualität, die Frauen sollten zurück an den Herd, um die „ von Gott gewollte Rollenverteilung“ zu erfüllen und Homosexualität sei eine neurologische Krankheit…

Hätte all dies ein Muslim in der ZIB2 von sich gegeben, wäre das am nächsten Tag das Hauptthema der Nachrichtensendungen und der Massenmedien. Die Islamische Glaubensgemeinschaft würde aufgerufen, trotz Erklärungen in der Imame Konferenzen, dazu Stellung zu beziehen, die ÖVP würde eine neue Wertedebatte für die Migranten und Muslime fordern, die FPÖ würde einen neuen Hassprediger erkennen, und Hannes Missethon würde die sofortige Ausweisung dieser verlangen. Maria Fekter hätte einen neuen „Kulturdelikt“ Strafbestand erkannt, Johannes Hahn sähe sich in seiner Forderung nach Kopftuchverbot im öffentlichen Raum bestätigt, um die Rolle der Frauen doch anders zu fördern und die Imame könnten sich den Mund fusselig reden, um sich den Fragen der Journalisten nach dem Freitagsgebet zu stellen. Die Leitartikel der Zeitungen hätten genau analysiert, wieso die Integration gescheitert sei.

Nach dem aber dies „nur“ die „unseren“ waren, ist die Aufregung nicht groß. Weder die katholische Kirche musste Stellung beziehen, noch die Christdemokratische Partei ÖVP hatte dazu eine Meinung abzugeben. Schließlich handelt es sich nicht um Muslime, und Christen sind ja bekanntlich bei uns „Daham“.

Omar Al-Rawi
Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

"Multikulti" ist nicht tot

Wie VP und SP am "Ausländerthema" vorbeiargumentieren – eine Replik von Tarafa Baghajati

"Multikulti" hat sich neben dem Terminus "Gutmensch" als Diffamierung etabliert, die Leute, die offen für Pluralität und Vielfalt in der Gesellschaft eintreten und diese auch als Bereicherung ansehen und leben, in ein zumindest völlig weltfremdes Eck stellt.

Mir san mir

So können die Gastkommentare des Bundesministers für Wissenschaft, Johannes Hahn, und von Karl Newole ("Gegen rechte Hetzer und linke Träumer", Standard, 2. 8.) nicht unkommentiert stehen bleiben, um Tendenzen des "mir san mir" entgegenzuwirken. Auch die Wiener Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger von der SPÖ schien nicht ganz gefeit und schlug in die gleiche Kerbe, indem sie Multikulti für tot erklärte, eine unglückliche Formulierung, die nach Korrektur verlangt. Es ist nicht primär eine Frage der Begrifflichkeit, sondern eine Frage der dahinter stehenden Geisteshaltung, die gerade im Jahr des interkulturellen Dialogs Aufmerksamkeit verdient.

Beide Gastkommentare zielen darauf, die Kulturdiskussion als eine Angelegenheit unter dem Aspekt Zuwanderer hier, Einheimische dort abzuhandeln. Hier liegt ein gewaltiger Haken. Die österreichische Gesellschaft ist längst multikulturell, ob es sich nun um Alltagskultur wie Kulinarisches, Kleidung und Lifestyle handelt oder Kunst in allen Facetten betrifft. Ja, sie war es auch vor den modernen Migrationsbewegungen, wobei nicht nur an die Zeit als Vielvölkerstaat erinnert sei, sondern an den großen regionalen Reichtum unterschiedlichster kultureller Ausprägungen.

Der Hut brennt

Kindergärten, Schulen, Universitäten und Betriebe sind multiethnisch, multireligiös und multikulturell. Wenn Bundesminister Hahn gesellschaftliche Probleme wie Gewalt in der Familie und mangelnde Chancengleichheit für Frauen fast völlig ausblendet und stattdessen bei Minderheiten Zum Autor: Tarafa Baghajati ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen nach "kulturellen Rückschritten" sucht, dann brennt der Hut. Das ministerielle Tandem Hahn - Fekter zeigt in seinem durch den Anspruch der Intellektualität verbrämten Populismus unübersehbare Kompetenzschwäche und agiert damit auch wahltaktisch unklug.

Minister Hahn sieht "Zwangsbeschneidung" als kulturellen Rückschritt, vorhanden in "kulturell definierten Räumen, in denen es religiös oder kulturell legitimiert ist, Frauen schlechter zu behandeln als Männer". Ein Mindestmaß an Recherche, auch innerhalb der ÖVP, hätte ergeben, dass in Österreich lebende kulturelle Gemeinschaften, seien sie muslimisch, christlich oder ethnisch definiert, nicht nur Zwangsbeschneidung ablehnen, sondern jegliche weibliche Genitalverstümmelung, egal ob unter Zwang oder freiwillig.

Wahlkampfzünder

Dagegen wurde auch mit Unterstützung von ÖVP-Frauen vieles geleistet. Statt dass man versucht, die vorhandenen Initiativen zu fördern, wird das Thema als Wahlkampfzünder verwendet. Mit der Forderung eines Kopftuchverbots im öffentlichen Dienst geht Hahn weiter als Innenministerin Fekter, die derartiges nicht gutheißt. Auch hier ist die "rechte Hetze", gegen die sich verbal abzugrenzen BM Hahn so bemüht ist, in Sichtweite. Während ÖVP-Staatssekretärin Marek junge muslimische Frauen in diversen Projekten (Beispiele: Fatima und MIA) glaubwürdig unterstützt und sich öffentlich in Veranstaltungen gegen jegliche Kopftuchverbote ausspricht, schon allein weil sie den vorhandenen Antidiskriminierungsgesetzen widersprechen würden, kommt Johannes Hahn mit Forderungen, die in diesem Wahlkampf sowohl FPÖ als auch BZÖ in den Schatten stellen.

Sich als EU-Partei zu präsentieren und zugleich im EU-Jahr des interkulturellen Dialogs solchen Populismus zu verbreiten, ist bedauerlich und mehr als bedenklich. Ob sich diese Doppelstrategie der ÖVP auszahlt, wird spätestens der 28. September zeigen. Doch ist davon auszugehen, dass die konsequente Verwirrung der Wähler in dieser Frage teuer bezahlt wird. In diesem Fall wird die ÖVP ab dem 29. September eine neue und ehrliche Linie definieren und einschlagen müssen. Die Verantwortung für eine drohende Wahlniederlage würde in diesem Fall im Bereich der Minister Hahn und Fekter und Generalsekretär Missethons liegen.(DER STANDARD Printausgabe, 5.9.2008)

Zum Autor: Tarafa Baghajati ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

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„Liebe Maria, es reicht!“

Die Äußerungen der Innenministerin über „Kulturdelikte“ sind auch wahltaktisch alles andere als klug: Replik auf das „Presse“-Interview mit Maria Fekter vom 21.August.

Liebe Maria, es reicht, mit Deinen Kulturdelikten möchte ich Dich bitten, sofort aufzuhören. Alles andere besprechen wir nach dem 28. September. Dein "Willi" Wilhelm Molterer wäre bestens beraten, seiner Innenministerin so oder ähnlich schleunigst zu mailen. Was Maria Fekter hier verzapft, ist nicht nur menschlich und angesichts christlich sozialer Werte untragbar, sondern auch wahltaktisch alles andere als klug. Wilhelm Molterer versucht sichtlich bemüht, ein eigenes Profil zu entwickeln, um sich gegen Werner Faymann zu behaupten – hier kommt die eigene Ministerin und stiehlt nicht nur die Show, sondern diktiert eine eigene Agenda, die aber eigentlich nicht der ÖVP, sondern der FPÖ Stimmen bringen wird.

Ein einziger Ehrenmord in Jahrzehnten

Eine Innenministerin als Wahlhelferin einer anderen Partei ist zwar befremdlich, aber nicht einmalig, das haben vor ihr Löschnak und Schlögl mit Jörg Haider erfolgreich praktiziert. Mit ihrem restriktiven Kurs haben beide Ex-Minister ihrer SPÖ einen Bärendienst erwiesen und kein Deut an Stimmen gewonnen, sondern nur den Kurs Haider „bestätigt“.

Die ÖVP spielt ein gefährliches Spiel und ist dabei, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Einerseits präsentiert sie sich als die Europa-Partei mit großen Visionen, andererseits agiert sie in Sachen Migration und Integration kleinkariert und inkompetent. Nehmen wir die drei „Kulturdelikte“, die Fekter am Herzen liegen: Da sind die Ehrenmorde, und es ist wirklich unglaublich, wie eine Bundesministerin ein Verbrechen, das sich in Österreich in den letzten Jahrzehnten ein einziges Mal ereignete, behandelt, als sei es der Dreh- und Angelpunkt der Kriminalitätsstatistik.

Der Mord an der 20-jährigen, aus dem Libanon stammenden Layal wurde 2005 von ihrem Bruder begangen. Ihn als „Kulturdelikt“ zu bezeichnen ist eine glatte Verharmlosung, denn Mord ist schließlich Mord. Zudem ist es eine Beleidigung von tausenden hier lebenden Bürgerinnen und Bürgern, ihnen und ihrer Kultur Mord als Teil ihrer Tradition zuzuschieben. Dann spricht sie von Genitalverstümmelung.

Die Bundesministerin sollte sich, bevor sie ihre Pressereferenten mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehen lässt, in der eigenen Partei zuerst über die geleistete Arbeit gegen FGM, weibliche Genitalverstümmelung, informieren. Es gibt keine Kulturgemeinschaft in Österreich, die FGM gutheißt. Benita Ferrero-Waldner hat in Brüssel stolz von der Arbeit in Österreich berichtet. Maria Rauch-Kallat verkündete ebenfalls am Tag der Menschenrechte im Jahr 2006 die Rolle der österreichischen muslimischen Vertretung bei der Azhar-Konferenz in Kairo. Damals positionierte man sich eindeutig gegen FGM ohne Wenn und Aber.

Dies alles während des Wahlkampfs zu vergessen oder, noch schlimmer, gar nicht zu wissen ist fatal. Drittes von der Ministerin angeschnittenes Thema: die Zwangsehe. Daraus kann in der Tat sogar ein Wahlkampfthema werden. Im Einsatz für Frauenrechte und gegen familiäre Gewalt bei In- und Ausländern ist eine zu bekämpfende Form der Unterdrückung tatsächlich die Zwangsehe.

Fremdenrecht benachteiligt Frauen

In diesem Zusammenhang wären zwei Maßnahmen wichtig. Zum einen ein eigener Aufenthaltstitel für die betroffenen Frauen, damit sie die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Hier stünde eine Änderung des Fremdenrechts an, das noch immer den Frauen Aufenthaltstitel in Abhängigkeit von Männern (Ehemännern oder Vätern) gibt. Zum anderen Chancengleichheit am Arbeitsplatz und eine Umsetzung des Anti-Diskriminierungsschutzes. Im Gegensatz dazu fordert Bundesminister Hahn (wieder auf Überholspur mit der FPÖ) ein Aufnahmeverbot von Kopftuch tragenden Frauen in den öffentlichen Dienst. Dies verdeutlicht, dass das Ziel dieses unwürdigen Spiels nicht das Wohl von Frauen ist, sondern billiger Stimmenfang, der angesichts der bestehenden allgemeinen Gewaltproblematik doppelt heuchlerisch ist.

Auch Herrn Faymann muss angesichts dieser Situation gesagt werden: Wieso „genug gestritten“? Angesichts solcher Augenauswischerei im populistischen Sündenbockstil braucht es eine Streitkultur, die offenen Widerspruch nicht scheut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)

 

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