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Replik auf Thomas Schmidingers Artikel vom 01. Jänner 2009

Replik auf Thomas Schmidingers Artikel vom 01. Jänner 2009

Leserbrief, veröffentlicht in „Die Presse“, 03.01.2009 (Originalversion)

In seinem Artikel „Reflexartige Proteste“ gegen die Islamische Glaubensgemeinschaft, gegen muslimische Vereine und gegen unsere Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen fällt Thomas Schmidinger wieder einmal durch mangelnde Recherche und selektive Wahrnehmung durch.

Inzwischen haben über 85 Organisationen und Vereine eine Erklärung unterzeichnet, die einen sofortigen Stopp der israelischen Aggression gegen Gaza und seine Zivilbevölkerung verlangt. Schmidinger erweckt den Eindruck, dass es sich nur um islamische und arabische Gruppen handelt. Bewusst unterschlägt er die Tatsache, dass die Unterzeichner eine multireligiöse und multiethnische Plattform bilden. Die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost wie Frauen in Schwarz sind dabei, zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen ebenfalls.

Kritik in den „eigenen“ Reihen nötig

Auch hier brilliert Thomas Schmidinger nicht durch sachliche Analyse. Solidaritätserklärungen, die in einer Zeit der hagelnden Bomben, wo die Anzahl der zivilen Opfer minutlich steigt, verfasst werden, sind keine politische Analysen, sondern ein Ausdruck der Anteilnahme  mit den Opfern und eine Aufforderung an die Weltgemeinschaft und Weltpolitik sofort für ein Ende zu intervenieren. Aus dieser Erklärung eine Parteinahme für die Hamas herauszulesen, grenzt anhand der tragischen Situation vor Ort an Geschmackslosigkeit.

Hamas wurde auf unserer Hompepage und in diversen Publikationen von mir nicht nur wegen des Hineinziehens von Zivilisten in den Kampf kritisiert, sondern überhaupt politisch. Auch an das will sich Schmidinger offenbar nicht mehr erinnern.

Die Ereignisse in Gaza eignen sich nicht, um politische Streitigkeiten weiterzuführen. Es steht Schmidinger aber frei, mit den unterzeichnenden regierungsnahen irakischen Organisationen einen Diskurs zu führen, da er offenbar dort gute Kontakte hat und sich seit Jahren anbiedert. Es steht ihm auch frei als Vorstandmitglied von “Österreichisch-Irakische Freundschaft, IRAQUNA” sich intern mit seiner Kritik an den arabischen und irakischen Organisationen zu melden. Von solchen Versuchen eines Diskurses ist Schmidinger meilenweit entfernt.

Tarafa Baghajati,
Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Gegossenes Blei - zerbombte Zukunft: Gaza

GASTKOMMENTAR VON CARLA AMINA BAGHAJATI (Die Presse)

Israel hat den Militärschlag im Gazastreifen seit Monaten vorbereitet – in einer Zeit, da die Palästinenser Waffenruhe hielten.

Wer das Neujahr mit Bleigießen begrüßt hat, dem mag sich heuer eine makabre Assoziation auftun. „Gegossenes Blei“ heißt die israelische Militäraktion, der bisher mehrere hundert Menschen zum Opfer fielen, von den überfüllten Spitälern gar nicht zu reden, der zerstörten Infrastruktur und der Panik der wie in einem Gefängnis lebenden Menschen im hermetisch abgeriegelten Gazastreifen. Das Bombardement fällt in die Neujahrszeit – nicht nur für Christen, denn das muslimische Neujahr 1430 lag am 29. Dezember.

Als „ausbalanciert“ möchten sich die politischen Stellungnahmen und Medienberichte zur Situation in Gaza wohl verstehen, wenn sie einen Hauptakzent auf die Gewalt „beider Seiten“ setzen. Aber ist eine Vergleichbarkeit überhaupt gegeben?

Vergleichbar erscheint an der Situation im Gazastreifen und in Israel eigentlich nur ein Aspekt: Beide Seiten stehen vor Wahlen, die Politik sucht Stärke zu demonstrieren. In diesem Kaschieren von Ratlosigkeit haben die Kassamraketen auf Israel und der militärische Großangriff auf Gaza eine einzige Gemeinsamkeit – aber nicht in ihrer Wirkung. So makaber es ist, Opferbilanzen zu vergleichen, so eindeutig muss doch der Befund ausfallen. Dem vergleichsweise geringen Sachschaden an israelischen Gebäuden und einem Todesopfer stehen auf palästinensischer Seite hunderte Tote, darunter viele Frauen und Kinder, ungezählte Verletzte und gewaltige Zerstörung gegenüber. Das „Genug ist genug“ der israelischen Seite erscheint in einem anderen Licht, wird bedacht, dass dieser Militärschlag seit Monaten generalstabsmäßig vorbereitet worden war – in einer Zeit, da die Palästinenser Waffenruhe hielten. Derzeit scheint auch die letzte Gelegenheit vor dem Machtwechsel in den USA, da Präsident Bush noch im Amt ist und wie üblich bedingungslos alles abwinkt.

Unerträgliche humanitäre Situation

Israel hat den Militärschlag im Gazastreifen seit Monaten vorbereitet – in einer Zeit, da die Palästinenser Waffenruhe hielten.Wer das Neujahr mit Bleigießen begrüßt hat, dem mag sich heuer eine makabre Assoziation auftun. „Gegossenes Blei“ heißt die israelische Militäraktion, der bisher mehrere hundert Menschen zum Opfer fielen, von den überfüllten Spitälern gar nicht zu reden, der zerstörten Infrastruktur und der Panik der wie in einem Gefängnis lebenden Menschen im hermetisch abgeriegelten Gazastreifen. Das Bombardement fällt in die Neujahrszeit – nicht nur für Christen, denn das muslimische Neujahr 1430 lag am 29. Dezember.Als „ausbalanciert“ möchten sich die politischen Stellungnahmen und Medienberichte zur Situation in Gaza wohl verstehen, wenn sie einen Hauptakzent auf die Gewalt „beider Seiten“ setzen. Aber ist eine Vergleichbarkeit überhaupt gegeben?Vergleichbar erscheint an der Situation im Gazastreifen und in Israel eigentlich nur ein Aspekt: Beide Seiten stehen vor Wahlen, die Politik sucht Stärke zu demonstrieren. In diesem Kaschieren von Ratlosigkeit haben die Kassamraketen auf Israel und der militärische Großangriff auf Gaza eine einzige Gemeinsamkeit – aber nicht in ihrer Wirkung. So makaber es ist, Opferbilanzen zu vergleichen, so eindeutig muss doch der Befund ausfallen. Dem vergleichsweise geringen Sachschaden an israelischen Gebäuden und einem Todesopfer stehen auf palästinensischer Seite hunderte Tote, darunter viele Frauen und Kinder, ungezählte Verletzte und gewaltige Zerstörung gegenüber. Das „Genug ist genug“ der israelischen Seite erscheint in einem anderen Licht, wird bedacht, dass dieser Militärschlag seit Monaten generalstabsmäßig vorbereitet worden war – in einer Zeit, da die Palästinenser Waffenruhe hielten. Derzeit scheint auch die letzte Gelegenheit vor dem Machtwechsel in den USA, da Präsident Bush noch im Amt ist und wie üblich bedingungslos alles abwinkt.Unerträgliche humanitäre Situation

Viel zu wenig berücksichtigt werden auch die Opfer, die auf die seit mehr als 18 Monaten andauernde Blockade in Gaza zurückgehen. 546 Tote sind dokumentiert, vor allem Personen, deren medizinische Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Zuletzt aber herrschten in Gaza nicht nur Wasser- und Energiemangel, sondern wurden auch die Lebensmittel knapp.

Warum ist dieser Aspekt der unerträglichen humanitären Situation ein so vernachlässigter in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit? Zum 60.Jahrestag der Menschenrechtserklärung verurteilte der UN-Sonderberichterstatter Richard Falk die Blockade „als Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – ohne jedes politische Echo. Wenn viele Palästinenser resignierend feststellen, dass die Welt sie ohnehin kollektiv als Terroristen sehen wolle, liegt darin wohl der Knackpunkt mangelnder Solidarität. Hand aufs Herz, mit wem würden Sie sich emotional stärker identifizieren: mit dem gebildeten, kultivierten Israeli, der in seinem gepflegten Wohnzimmer von der psychischen Belastung ständiger Bedrohung redet, oder mit dem in einer Menge aufgebrachter Demonstranten in einer Kulisse des Elends seinen Zorn herausschreienden Palästinenser?

Auf ein „Selber schuld“ scheint die Wahrnehmung im Westen vielfach hinauszulaufen und mit zu bedingen, dass die Menschenwürde eines Palästinensers nicht mit dem gleichen Maßstab bemessen wird. Oder wie es der palästinensische Expräsidentschaftskandidat Mustafa Barghouti in einer anklagenden Frage formuliert: „Ist palästinensisches Blut nicht so viel wert wie jüdisches?“ Und darin liegt ein ungeheuerlicher Zynismus: Denn das bedeutet nichts anderes, als dass im Jahr, da wir die Menschenrechtserklärung feiern, schon deren erster Grundsatz nicht verinnerlicht wird. Wird einem Menschen systematisch jede Würde genommen, bis seine Verfassung auch keinen Anblick von Würde mehr bietet – sollen ihm dann die Menschenrechte abgesprochen werden?

In unserem Informationszeitalter liegt darin auch eine Herausforderung für die Kommunikation. Wie viele Wörter sind als Schlüsselbegriffe der Berichterstattung zu Platzhaltern für diese Haltung des „Selber schuld“ geworden: „radikal-islamisch“, „extremistisch“, „militant“. Dabei sei der Hinweis auf dieses zu wenig differenzierende Vokabular keinesfalls als Rechtfertigung für die Hamas verstanden. Die Reaktion von Chaled Maschal, in der er mit Selbstmordanschlägen drohte, passt geradezu ins Drehbuch all jener, die am liebsten alle Palästinenser als Aggressoren und auszuschaltende Bedrohung festschreiben würden. Und es fügt sich auch ins Bild derer, die behaupten, die Palästinenser würden sich den Tod ja geradezu wünschen. Dagegen ist im Islam eine Kultur des Lebens und nicht der Todessehnsucht begründet. Der Diskurs darüber wird in der muslimischen Welt gerade angesichts des Themas „Terror“ sehr intensiv geführt.

Es müssen klare Worte fallen

Es sind nicht nur die Stimmen all jener, die auf friedlichem Wege eine Konfliktlösung suchen, die untergehen, sondern vor allem jene der völlig unbeteiligten Zivilisten. Wenn eine Universität mit der Begründung bombardiert wird, dass dort „radikal-islamische Auslegungen“ verbreitet werden, dann sollte man dahinter auch die Propaganda wittern. Als Nächstes werden dann Bäckereien beschossen, weil deren Brot radikale Islamisten ernährt? Wer Israels Außenministerin zugehört hat, „alle Anhänger der Hamas“ attackieren zu wollen, also alle Menschen, die bei einer demokratischen Wahl einer bestimmten Partei ihre Stimme gegeben haben, der muss sehen, wie hier noch radikalere militärische Angriffe – ein Einmarsch – propagandistisch vorbereitet werden. Wenn die diversen internationalen Gremien zusammentreten, dann darf angesichts der Dramatik der Lage kein unverbindliches Deuteln wie beim Bleigießen daraus werden, sondern müssen klare Worte fallen.

Carla Amina Baghajati ist Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Christenverfolgung im Irak: Massenauswanderung ist keine Lösung

Der Asyl-Streit zwischen Kardinal und Innenministerium aus muslimischer Sicht - Ein Kommentar der anderen von TARAFA BAGHAJATI

Die Debatte um die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak ließ vor mir die Bilder von bosnischen Flüchtlingen bei der Rückkehr in ihre Heimatstädte wiedererstehen. Es gehört zu meinen schönsten Erinnerungen, durch meine damalige Tätigkeit in einem Evaluierungsteam des Bundeskanzleramtes miterlebt zu haben, wie jene Vertriebenen voll Freude in durch österreichische Hilfe renovierte oder neuerrichtete Häuser einziehen konnten. 

Nun diskutieren wir über die Aufnahme christlicher irakischer Flüchtlinge in Österreich und der EU. Wie problematisch die Selektierung von Flüchtlingen nach Religionszugehörigkeit ist, hat der Standard angesichts der diesbezüglichen Differenzen zwischen Kardinal Schönborn und Innenministerin Fekter in der Weihnachtsausgabe profund analysiert. Keine Frage: Ein Bekenntnis zur Aufnahme von Flüchtlingen bleibt auch in schwierigen Zeiten ein Gebot der Stunde. Ein Aspekt allerdings darf in der aktuellen Debatte nicht vernachlässigt werden: So verständlich die Forderung nach zügiger Asyl-Gewährung für diese Flüchtlinge erscheinen mag, so problematisch kann sich diese Art der Solidarität mit christlichen Glaubensgeschwistern auf deren Präsenz in der Region auswirken.

Erfahrungen der Vergangenheit zeigen: Überall wo eine Bevorzugung der christlichen Migration und Auswanderung stattfand, zum Beispiel aus Syrien, Ägypten oder Palästina, wurde damit ein Stück christliche Identität in dieser Region aufgegeben und zum Teil sogar gelöscht. Gewiss wird hier sogleich der Vorwurf laut werden, dass die Auswanderung aufgrund von Repressalien erfolgte. So richtig dies ist, so wenig darf man gleichzeitig außer Acht lassen, dass auch die Mehrheitsbevölkerung leidet - Intellektuelle und Oppositionelle an erster Stelle. Aktive Unterstützung aus Europa zur Auswanderung hat es für diese große Gruppe aber meines Wissens nie gegeben.

Erfahrungen der Vergangenheit zeigen: Überall wo eine Bevorzugung der christlichen Migration und Auswanderung stattfand, zum Beispiel aus Syrien, Ägypten oder Palästina, wurde damit ein Stück christliche Identität in dieser Region aufgegeben und zum Teil sogar gelöscht. Gewiss wird hier sogleich der Vorwurf laut werden, dass die Auswanderung aufgrund von Repressalien erfolgte. So richtig dies ist, so wenig darf man gleichzeitig außer Acht lassen, dass auch die Mehrheitsbevölkerung leidet - Intellektuelle und Oppositionelle an erster Stelle. Aktive Unterstützung aus Europa zur Auswanderung hat es für diese große Gruppe aber meines Wissens nie gegeben.

Natürlich sei jedem Flüchtling gegönnt, sich ein besseres Leben aufbauen zu können. Gesellschaftspolitisch und demografisch aber sind Massenauswanderungen auch im Hinblick auf andere Aspekte langfristig kein Allheilmittel. Hilfe für die christlichen Iraker sollte in erster Linie humanitär und zwar direkt vor Ort erfolgen. In den Nachbarländern, aber auch im Irak selbst halten sich hunderttausende Flüchtlinge auf. Allein in Syrien sind ca. zwei Millionen Iraker gestrandet. Dass es nicht um einen religiösen Konflikt geht, zeigt nicht zuletzt, wie hier christliche und muslimische Flüchtlinge friedlich, wie einst in der Heimat, Tür an Tür wohnen.

Neben der humanitären wäre aber auch politische Unterstützung nötig, die dafür sorgen sollte, dass die Flüchtlinge umgehend in ihre Städte und Häuser zurückkehren und die zerstörten Kirchen wieder aufgebaut werden können. Nicht nur um deren Funktionstüchtigkeit zu garantieren, sondern auch um ein Zeichen des Selbstbewusstseins und der Selbstverständlichkeit christlicher Präsenz im Irak zu setzen. Die örtlichen christlichen Schulen müssen wieder eröffnet und geschützt werden. Nichts und niemand darf die öffentliche Ausübung von Religion beeinträchtigen.

Neben der humanitären wäre aber auch politische Unterstützung nötig, die dafür sorgen sollte, dass die Flüchtlinge umgehend in ihre Städte und Häuser zurückkehren und die zerstörten Kirchen wieder aufgebaut werden können. Nicht nur um deren Funktionstüchtigkeit zu garantieren, sondern auch um ein Zeichen des Selbstbewusstseins und der Selbstverständlichkeit christlicher Präsenz im Irak zu setzen. Die örtlichen christlichen Schulen müssen wieder eröffnet und geschützt werden. Nichts und niemand darf die öffentliche Ausübung von Religion beeinträchtigen.

Schlussendlich sollte man aber auch mehr Augenmerk auf das zweifelhafte Treiben evangelikaler, vor allem aus den USA stammender Kräfte legen und deren Versuche der Missionierung in Zusammenarbeit mit den "Neocons" nicht auch noch aktiv fördern. Prediger aus dieser Ecke haben es weniger - da kaum aussichtsreich - darauf abgesehen, Muslime zu missionieren, als vielmehr christlichen Orientalen die "Wahrheit" zu verkünden. Und diese Aktivitäten bereiten den eingesessenen Kirchen mehr Kopfzerbrechen als viele andere Schwierigkeiten. Denn die US-Missionare werden von der Bevölkerung als Teil der Besatzung gesehen, aufgrund ihrer aggressiven Selbstpräsentation als die einzig "wahren Christen" im herrschenden Chaos von extremistischen Gruppen mit dem Christentum an sich gleichgesetzt und der Kollaboration bezichtigt. Diese pauschale Simplifizierung wiederum soll Angriffe auf die Christen "rechtfertigen".

Europa ist aufgerufen, sich der Thematik in ihrer ganzen Komplexität anzunehmen. In arabischen Staaten, die gemeinhin als "Entwicklungsländer" gelten, laufen für die dorthin geflüchteten Iraker offizielle Unterstützungsprogramme, während die lokale Bevölkerung zusätzlich, trotz eigener Bedürftigkeit, auf zivilgesellschaftlicher Basis Hilfe leistet. Wer redet in Europa darüber, welche Integrationsleistung das für finanzschwache und vergleichsweise arme Länder bedeutet?

Fazit: Europa wäre gut beraten, sich für die Christen im Irak und für die Iraker überhaupt politisch einzusetzen, es darf sich nicht mit der Aufnahme von ein paar tausend Flüchtlingen aus der Verantwortung stehlen.
 
Weitere Informationen www.islaminitiative.at
Der Autor ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

GAZA: Erklärung der unterzeichnenden Organisationen

Die unterzeichnenden Organisationen und Vereine verurteilen auf das schärfste das mörderische Vorgehen der israelischen Armee gegen die wehrlose Bevölkerung von Gaza. Vor den Augen der Welt werden Zivilisten kaltblütig bombardiert – Zivilisten, die seit über 18 Monaten durch die Abriegelung von Gaza förmlich ausgehungert worden waren und deren katastrophale humanitäre Situation eigentlich eines Aufschreis der Weltöffentlichkeit bedurft hätte. Bereits nach den ersten Stunden der Angriffe ist eine Opferbilanz von mehr als 195 Toten zu beklagen. Hinter jedem dieser Toten steht ein menschliches Schicksal und trauernde verzweifelte Hinterbliebene. Zahlreiche Frauen und Kinder sind unter den Getöteten.

Ungezählt sind die Verletzten, die in den besonders von der israelischen Blockade betroffenen Spitälern kaum die erforderliche medizinische Hilfe finden können. Auch das Töten von Beamten und Polizisten ist ein Kriegsverbrechen, auch wenn sie Uniformierte sind. Diese sind keine bewaffneten Kämpfer, sondern Angehörige des Verwaltungsapparats.

Wir fordern die Weltgemeinschaft auf, allen voran die arabischen Staaten, die EU, die UNO sowie den neuen US Präsidenten Barak Obama, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um dieses Blutbad umgehend zu beenden. Das Gedenkjahr 2008 ist noch nicht zu Ende, und solche Kriegsverbrechen dürfen nicht schweigend zur Kenntnis genommen werden. Der sich ankündigende israelische Wahlkampf darf nicht über die Leichen der Palästinenser geführt werden. Der Krieg gegen den Libanon 2006 hat gezeigt, dass militärische Großoffensiven in keiner Weise einem Friedensprozess förderlich sind. Österreich als Mitglied des Weltsicherheitsrates kommt hier eine besondere Rolle zu. Wir fordern die österreichische Regierung auf diese Verantwortung zu übernehmen. Die bisherige „nicht bindende Erklärung“ ist in keiner Weise ausreichend. Das Töten von hunderten Menschen ist ein Massaker gegen die Bevölkerung in Gaza und muss daher eindeutig verurteilt werden.

Wir rufen gleichfalls die europäische und die österreichische Zivilgesellschaft und die Politik auf, ihre Solidarität mit der leidenden palästinensischen Bevölkerung deutlich auszudrücken. Wir appellieren an die Medien eine sachliche Berichterstattung zu führen. Die schrecklichen Bilder, die in diversen internationalen Sendern ausgestrahlt werden, sind aus journalistischer Informationspflicht zu zeigen. Die vorbildliche Initiative „Licht ins Dunkel“ bitten wir mit einem Teil der gesamelten Spenden den Spitälern in Gaza zu helfen.

Schließlich appellieren wir an die palästinensischen Organisationen, den Versöhnungsprozess voranzutreiben und zu vertiefen, um die Einheit des palästinensischen Volkes zu bestärken.

Wien, 27.12.2008, aktualisiert am 29.12.2008

Unterzeichnerliste:

Wien, Stand 08.01.2009, 15:00 Uhr

1. Islamische Religionsgemeinde Wien für Wien, Niederösterreich und Burgenland
2. Islamischer Koordinationsrat der muslimischen Vereine in Österreich (ISKORAT, ca. 45 Organisationen)
3. Islamische Föderation Wien IFW
4. ATIB Türkisch islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich
5. Palästinensische Vereinigung Österreich P.V.Ö.
6. Dachverband der Bosniaken in Österreich
7. Islamische Vereinigung Ahlul-Bayt – Österreich, Verband für die schiitischen Vereine
8. UETD Union of European Turkish Democrats
9. Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost (EJJP-Österreich) 
10. Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen“ (GÖAB)
11. Frauen in Schwarz (Wien)
12. Muslimische Jugend Österreich MJÖ
13. Österreichisch-Arabische Union
14. Islamische Religionsgemeinde Bregenz für Vorarlberg und Tirol
15. Islamische Religionsgemeinde Graz für Steiermark und Kärnten
16. Islamische Religionsgemeinde Linz f. OÖ, RPR und Salzburg
17. Islamisches Bildungs- und Kulturzentrum - Österreich
18. Liga Kultur
19. Gesellschaft für Zusammenkunft der Kulturen (Schura Moschee)
20. ABIZ (Anatolisches Bildungszentrum)
21. Ägyptische Gemeinde in Österreich
22. Ägyptischer Klub
23. Ahwazische Kommunikation
24. Al’Ahli Fanklub
25. Arabische Organisation für Menschenrechte
26. Arabischer Kulturverein
27. Balkanclub
28. Bangladesch islamischer kulturverein Baitul Mukarram
29. Bildungs- Beratungs- und Kulturzentrum für Migranten
30. Bildungs Förderung (MEKTEB)
31. Bündnis Mosaik
32. CARIMA Caritative Arbeitsgemeinschaft
33. Center for Social and Political Studies
34. CIRDE-AUSTRIA - Zentrum der islamischen Forschung Dokumentation und Bildung
35. EL-MUHLASUN" - Islamischer Sufiten Verein in Österreich
36. Eurostudent
37. Forum Muslimischer Frauen Österreich
38. Gesellschaft der palästinensischen Frauen in Europa / Austria
39. Hania Verein für Frauen und Kinder
40. Im Glashaus - Kunst&Kulturpräsentation
41. Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen IMÖ
42. Irakhilfswerk
43. Irakische Gemeinde in Österreich
44. Islamic Supreme Council of Iraq, Vienna Office
45. Islamische Institut Österreich
46. Islamische Vereinigung Österreich „Al-Hidaya Moschee“
47. Islamischer Kulturverein der Türkischen Arbeiter in Österreich
48. Islamisches Zentrum Imam Ali Wien
49. ISV Interkulturelle Studenten Vereinigung
50. JUWA Jugend Föderation Österreich
51. JUWEL - Jugendwerk zum Licht
52. KUGEL Kultur-Geschichte-Literaturverein  
53. Kulturverein Al-Andalus
54. Kuturverein Kanafani
55. Liga Kulturverein für Multi-Kulturellen Brückenbau – Graz
56. Linkswende
57. Menschenfreunde International
58. Moschee Ahl ul beit Salzburg
59. Moschee Ahl ul beit Wien (Irakische Schiiten)
60. Moschee Al Asr Wien (pakistanische Moschee)
61. Moschee Al-Mahdi (Türkische Schiiten)
62. Muslimischer Akademikerbund
63.    Muslimischer Lehrerverein
64. ÖAIKD Verein für Kulturdialog - Alfath Moschee
65. Österreichische Gesellschaft für medizinische Öffentlichkeitsarbeit
66. Österreichische Islamische Föderation
67. Österreichisch-Türkischer Kulturverein für Freundschaft und Solidarität von Sizir u. Umgebung
68. Österreich-Syrisches Ärztekomitee
69. Österreisch-Arabische Ärzte Und Apothekervereinigung
70. Palästina Forum
71. Palästinensische Gemeinde in Österreich
72. Plattform Islam
73. RAMADAN Internetmedium, Wien
74. SIGN KULTUR und JUGEND Verein
75. SOLMIT Solidarisches Miteinender
76. Sudanesischer Kulturverein
77. The colourful world of children
78. TULPE Verein für interkulturelle Orientierung
79. Union albanischer Muslime in Österreich
80. Verband der Ägypter in Österreich
81. Verband der Österreicher Arabischer Abstammung
82. Verein für antirassistische und friedenspolitische Initiative/Dar Al Janub
83. Verein für Arabische Frauen
84. Verein für Executives Training von WirtschaftsstudentInnen Aktivitäten-FETA
85. Verein Palästinensische Frauen in Europa
86. Verein von Immigranten Tunesiens in Österreich (VIT)
87. Vereinigung der syrischen Gemeinden in Österreich
88. Voneinander Lernen
89. WAKT Wien Ausbildung, Kultur, Toleranz
90. Wiener Friedensbewegung

Die Presse - Gesichtsschleier vor Gericht - Kommentar von Tarafa Baghjati

Der Prozess gegen Mona S. könnte dazu führen, dass unsere Gerichte mit jenen in der Türkei oder Russland in einem Atemzug genannt werden

Österreich ist kein Gottesstaat“, stellte der damalige Richter im Prozess gegen Mona S. fest. Ja, aber was hat das mit der auch im Gesicht verschleierten Frau zu tun? Aufgabe des Richters ist es primär, die Tatsachen zu eruieren und danach ein gerechtes Urteil zu verkünden. Auch die Frage nach den fünf Säulen des Islams im ersten Prozess war eines Gerichts nicht ganz würdig. Es geht den Schwursenat schlichtweg nichts an, ob die Angeklagte die Glaubenssäulen des Islam auswendig kennt oder nicht.

Nun macht die neue Richterin Michaela Sanda ihre Sache behutsamer und jedenfalls besser. Für die Gerechtigkeit hat sich aber nichts geändert. Die Aussage der Angeklagten Mona S., wonach Gesichtsschleier „die einzige wahre Auslegung des Korans“ sei und dass gläubige Musliminnen mit Kopftuch „ungebildete Leute, die keine Ahnung haben“ seien, ist zwar eindeutig theologischer Unfug, Mona S. befand sich aber nicht in einer Prüfung der islamischen Wissenschaften, sondern musste sich gegen Terrorismus verteidigen.

Frau Mona S. wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, dass sie sich mit Übersetzungsdiensten nicht nur schuldig gemacht, sondern sich indirekt auch an kriminellen und terroristischen Aktivitäten beteiligt habe. Dieser schwerwiegende Vorwurf wird gerade gerichtlich behandelt. Das ist normal und auch richtig so.

Welche Kleidung Frau Mona S. trägt, kann das Gericht zwar interessieren, nur die offenbar vorprogrammierten Urteile des Schwursenats und dessen Vorsitzenden, dass die Gesichtsbedeckung eine „Missachtung des Gerichts“ oder gar Provokation sei, ist falsch und in dem sensiblen Fall alles andere als angebracht.

Kleidung verrät kein Gedankengut

Die Bedeckung des Gesichtes wird von einer Gruppe im Islam, einer Minderheit, theologisch als Pflicht angesehen. Über dieses Kleidungsstück kann und soll in jeder Hinsicht diskutiert werden. In Österreich ist es unter anderem wegen der offenen Haltung der Musliminnen hier im Lande fast nirgends zu finden. Musliminnen wollen ihren Gesichtsausdruck nicht verstecken und das ist wunderbar so. Das Selbstbestimmungsrecht der Frau sollte oberstes Gebot sein.

Frau Mona hat sich bekanntlich vor der Verhaftung zu dieser Kleidung entschieden, somit ist es äußerst unfair, ihr eine „Missachtung des Gerichts“ vorzuwerfen. Auch ein bestimmtes Gedankengut kann aus dieser Kleidung nicht herausgelesen werden. Meine Großmutter hat den Gesichtsschleier sogar ohne Augenschlitz getragen und sie hatte von Islamismus keine Ahnung, eine Extremistin war sie auch nicht. Nicht einmal der Grad der Religiosität ist von dieser Kleidung abzulesen. Für Mona S., wie für meine Großmutter, ist es eine Frage der persönlichen Entscheidung.

Das Gericht verlangt von Mona S. auch beim Beginn des zweiten Prozesses, die von ihr gewählte Kleidungsart zu ändern. Das ist bedenklich, da ihr gleichzeitig vorgeworfen wird, sie sei islamistisch gesinnt. Steht sie nun vor Gericht, weil sie Islamistin ist oder weil sie Terroristin ist? Wie wenig klar die Begriffe definiert sind und hier Grenzen verschwimmen, darüber ist man sich längst einig. Hier nicht zu differenzieren, käme in diesem speziellen Fall leicht einer Vorverurteilung gleich.

Es bleibt dem Gericht nur ein nachvollziehbares Argument, und zwar, dass die Geschworenen anhand des Gesichts die Glaubwürdigkeit der Angeklagten prüfen können sollen. Aber auch hier hapert die Argumentation. Solange in Österreich Menschen verurteilt werden können, deren Belastungszeugen vermummt auftreten dürfen, solange muss auch die Entscheidung von Mona S., vor Gericht weiter ihr Niqab (so heißt es richtig und nicht Burka) zu tragen, respektiert werden.Unsinnig ist es, hier darüber zu diskutieren, welche Körperbedeckung im Koran vorgeschrieben ist, vielmehr ist hier die Frage, wie die Angeklagte zu ihrem fundamentalen Recht kommt, sich verteidigen zu dürfen.

Dieser Prozess ist für Österreich in fast all seinen Facetten völlig neu, wieso soll er nicht um einen Punkt merkwürdiger sein? Ein Argument spricht allerdings für Frau Monas Entscheidung, jenseits von theologischen und politischen Diskussionen. Die Frau ist jung und hat ein Leben vor sich. Die Gesichtsbedeckung ist bei vielen Frauen, die sich dafür entscheiden, nur eine Phase im Leben. Vielleicht will die Frau einfach nicht erkannt werden. Irgendwann wird sie frei sein, und sie hat wohl das Recht, nicht an jeder Straßenecke in Wien erkannt werden zu wollen.

Wichtiger als Sehen: Hören, Diskutieren

Das Gericht wäre bestens beraten, sich auf den Prozess zu konzentrieren, und dafür ist es sicherlich viel sinnvoller, mit der Angeklagten zu sprechen, sie zu hören und mit ihr zu diskutieren. Dies ist der angestrebten Gerechtigkeit dienlicher als das Beharren, das Gesicht der Angeklagten während des Prozesses beobachten zu dürfen. Es ist im Prozess vor allem wichtig, auch der Motivation der Angeklagten nachzugehen (für sie gilt aber weiterhin die Unschuldsvermutung): Handelte sie aus politischen oder gar terroristischen Motiven oder wollte sie ihrem Mann z.B. aus Liebe einen Gefallen tun? Mit der Verbannung aus dem Gerichtssaal werden diese Feinheiten nicht ans Licht kommen.

Es wird trotzdem kein Prozess wie in Libyen, China oder Saudi Arabien werden.Angesichts dieses misslungenen Anfangs besteht jedoch die Gefahr, dass unsere österreichischen Gerichte mit jenen in der Türkei oder Russland in einem Atemzug verglichen werden.

Tarafa Baghajati ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, ehrenamtlicher islamischer Gefängnisseelsorger und Mitglied des Ehrenbeirats des European Network against Racism, ENAR.

© DiePresse.com

IMÖ erhält Demokratiepreis für Parlamentarismus und Demokratie

Demokratiepreis der Margaretha Lupac-Stiftung für Parlamentarismus und Demokratie geht an die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen freut sich mitteilen zu dürfen, dass ihr der heurige Demokratiepreis der Margaretha Lupac-Stiftung für Parlamentarismus und Demokratie zugesprochen wurde. Dazu auch die unten angeführte Mitteilung des Parlaments.

Der Festakt und die Preisverleihung finden im Parlament im Beisein von Nationalratspräsidentin Prammer am 13.11.2008 ab 16:00 Uhr statt.

Unsere Initiative teilt sich den Preis mit der Ganztagsvolksschule Europaschule im 20. Bezirk. Da unsere Arbeit über die Jahre von engem Kontakt zu Bildungsinstitutionen und Schulen geprägt war, lag es nahe, hier Kontakt zu knüpfen. Ein gemeinsames Projekt im Sinne der Interkulturalität und der Bekämpfung von Vorurteilen auf allen Seiten ist in Vorbereitung und wird demnächst stattfinden.

Medienvertreter sind willkommen. Eine kurze Anmeldung bei der Pressestelle des Parlaments wäre angeraten. Kamerateams müssen sich gesondert anmelden.

Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Tarafa Baghajati,  baghajati [at] aon.at


Demokratiepreis 2008

Der heuer zum dritten Mal vergebene Demokratiepreis der Margaretha Lupac-Stiftung für Parlamentarismus und Demokratie ergeht an die Ganztagsvolksschule Europaschule im 20. Bezirk und an die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen. Die Preisträger wurden von einer Jury aus 70 Bewerbungen ausgewählt.

Bei der Volksschule Europaschule handelt es sich um eine außergewöhnlich gut strukturierte Schule mit 16 Klassen (sieben auf Grundstufe I und neun auf Grundstufe II), wobei nicht nur soziales Lernen thematisiert wird, sondern auch interreligiöser Dialog gepflegt und der für das Migrationsthema zentrale Bereich des zweisprachigen Unterrichts umgesetzt wird. Projekte, wie die Einrichtung eines Schulrates, soziales Lernen und Friedenserziehung, Kulturcafe und Sprachkurse für Mütter mit Migrationshintergrund sind darauf gerichtet, in besonderer Weise demokratisches Bewusstsein zu fördern. Durch Partnerschulen in Bratislava, Istanbul und Paris werden diese lokalen, nachhaltigen Projekte noch vertieft.

"Nicht über Muslime reden, sondern mit ihnen", ist Ziel der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, die seit bald zehn Jahren besteht. Die Identität als Muslim/in mit dem Bewusstsein der Zugehörigkeit zu Österreich zu verbinden, ist ein wichtiges Anliegen der Initiative. Besonders hervorzuheben sind die Vernetzung innerhalb der Zivilgesellschaft, frauenspezifische Projekte, Projekte unter dem Motto Integration durch Partizipation sowie das Interesse, sich am politischen und öffentlichen Leben zu beteiligen.

http://www.parlament.gv.at/AK/INFOTHEK/LUPAC/DPREIS/2008/show.psp

Islamische Verbände und Vereine besorgt über Gewalt an Christen im Norden des Irak

Islamische Verbände und Vereine besorgt über Gewalt an Christen im Norden des Irak

Mit großer Sorge und Betroffenheit verfolgen wir die jüngsten Nachrichten über Angriffe auf die christliche Bevölkerung im Norden des Irak und die steigende Gewalt. Die christliche Minderheit war immer schon ein Zeichen der ethnischen und religiösen Vielfalt des Irak. Eine lange Tradition gegenseitiger Toleranz und Respekts und des friedlichen Miteinanders war ein positives Kennzeichen des Irak.

Die Christen genossen hier umfassende Religionsfreiheit. Ihre Kirchen, Schulen und Institutionen waren nicht zuletzt durch ihre deutliche Sichtbarkeit ein äußerer Beweis dafür. Christliche Feiertage waren arbeitsrechtlich garantiert und christliche Kultur wurde so gepflegt, dass bis heute diese Minderheit die aramäische Sprache, die Sprache Jesu’, beherrscht und verwendet. Christen und Muslime lebten seit Jahrhunderten friedlich miteinander, sind und waren nicht nur Nachbarn, sondern auch Freunde. Die hunderttausenden irakischen Flüchtlinge, die vor allem in Syrien Aufnahme gefunden haben, leben nun wieder konfessionell gemischt Tür an Tür nebeneinander, ohne dass es hier Probleme gäbe.

Es war und ist die Pflicht der Muslime nicht nur in Friedenszeiten Toleranz und Respekt  mit den religiösen Minderheiten zu leben, sondern auch für deren Schutz zu sorgen und ihre Religions- und Gewissensfreiheit zu garantieren. Daher hoffen wir, dass die muslimische Mehrheitsbevölkerung in Mosul ihren Beitrag leistet und gegen die Gewalt ein klares Wort spricht, die Übergriffe aufs Schärfste verurteilt und ihre Solidarität mit den christlichen Mitbürgern zum Ausdruck bringt.

Wir sehen es als unsere religiöse Pflicht an, diese Angriffe auf das schärfste zu verurteilen und drücken unser tiefstes Bedauern und Mitgefühl allen Leidtragenden und Hinterbliebenen aus.

Diese Angriffe stellen leider einen vorläufigen traurigen Höhepunkt in der derzeitigen ohnedies durch ethnische und religiöse Konflikte gespannten Lage im Irak dar.

Wir fordern die irakische Regierung auf, endlich für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen.

Diese ethnischen und religiösen Spannungen sind auch eine direkte Folge der US Invasion im Irak. Daher fühlen wir uns bestärkt in unserer prinzipiellen Haltung, dass Konflikte nicht militärisch zu lösen sind. In diesem Sinne sind wir besorgt über den jüngst erfolgten Angriff auf Syrien, aber auch verunsichern uns Rufe nach einem militärischen Angriff auf den Iran.

Rückfragen:

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi
Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubengemeinschaft in Österreich
0664 383 19 42
omar.al-rawi [at] spw.at

Unterzeichner:

Islamische Religionsgemeinde Wien für Wien, Niederösterreich und Burgenland
Islamische Religionsgemeinde Linz f. OÖ, RPR und Salzburg
Islamische Religionsgemeinde Vorarlberg und Tirol
Islamische Religionsgemeinde Steiermark und Kärnten
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Jörg Haider - ein Freund der Moslems? Leserbrief Baghajati in der Wienerzeitung

Zum Artikel von Arian Faal, 14. Oktober 2008:

Es wäre für eine ausführliche Berichterstattung wichtig, die Meinung der österreichischen Muslime zu hören oder zumindest zu erwähnen. Leider kann die Feststellung "Ein Freund der Moslems" auch unter Anführungszeichen nicht bestätigt werden. Es ist natürlich jetzt der falsche Zeitpunkt, dies zu thematisieren, es bleibt aber trotz Anteilnahme und Mitgefühl am tragischen Tod Jörg Haiders ein Faktum, dass unter seiner Führung Islamfeindlichkeit salonfähig gemacht wurde.

Unter seiner Führung wurden die ersten Gesetze gegen Moscheebauten erlassen. Die Aussage "Österreich den Österreichern" im letzten BZÖ-Wahlkampf impliziert nicht gerade eine Anerkennung der muslimischen Bürger Österreichs beziehungsweise anderer Minderheiten.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich in Österreich irgendwann eine Partei ähnlich wie die FDP in Deutschland etabliert und mit liberalen Ansätzen den rechten Ansätzen von FPÖ/BZÖ Konkurrenz macht, anders als Heide Schmidt, die FPÖ/BZÖ offenbar keinerlei Stimmen gekostet hat. Das BZÖ hätte meines Erachtens im Moment die besten Chancen, sich in dieser Richtung zu entwickeln, ob die jetzigen Protagonisten den Mut dazu aufbringen, bleibt aber zweifelhaft.

DI Tarafa Baghajati 1140 Wien

Aktuelle Wirtschaftskrise aus muslimischer Sicht

Muslime werden häufig  mit Terror, Frauenunterdrückung und Rückständigkeit in Verbindung gebracht. Das Wort von der "Bereicherung" durch Multikulturalität wird eher belächelt oder als Gutmenschelei abgetan. Dabei hätten Muslime zur derzeitigen Wirtschaftskrise sehr konstruktiv einiges zu vermelden.

Folgende sechs Prinzipien der islamischen Wirtschaftsethik stehen im Vordergrund:

  1. Wirtschaftliche Freiheit nur im Rahmen von ethischen Grundsätzen: Keine Intransparenz in den Eigentümerstrukturen, .keine Monopole, keine Spekulation. Dies soll auch für Banken und Großunternehmer gelten.
  2. Verkaufe nie das, was du nicht besitzt, denn Optionsgeschäfte (Put- und Call Options) werden fast immer zum Zwecke der Spekulation angewandt. 
  3. Zinsverbot; Geld soll kein Geld produziert. Sondern mit Gütern und Dienstleitungen soll Geld gemacht werden.
  4. Fairness bei Partnerschaften; Partnerschaft zwischen Geld und Inhabern von Know How bzw. materiellen Sachgütern ist auf dem Prinzip der fairen Risikoteilung zu gestalten.
  5. Selbstverantwortung: Kein Verkauf von Schulden an Dritte oder Umschuldung.
  6. Nachhaltigkeitsprinzip: Auch wenn der Mensch der rechtliche Besitzer sein kann, ist er damit angehalten keine Ressourcen zu verschwenden sondern maßvoll zu nutzen.

Weiters soll der Staat keine Privatisierungen in den Bereichen des Daseins vornehmen, also bei den natürlichen Ressourcen wie dem Wasser. Eine Regierung darf nicht wie ein Unternehmensmanagement mit der Maxime agieren: Maximierung des "sharholder value".

Homo homini lupus,  "Der Mensch ist des Menschen Wolf". Diese Aussage von Plautus bzw. Hobbes, gibt  die Verhaltensmuster der heutigen Finanzwirtschaft in einem Ausmaß wieder, wie man das bisher nicht geglaubt hatte, oder nicht wahrhaben wollte.

Im täglichen Takt hören wir von Bankpleiten. Die Aktienbörsen melden weltweit starke Verluste.  Auch die Aktien von Unternehmen, der produzierenden Industrie  und nicht nur von Banken bzw. der sonstigen Finanzwirtschaft sind in den Abwärtsstrudel geraten. Die verantwortlichen Manager geraten unter starken Druck und werden schnell und leise ausgewechselt.  Nach den USA  schnüren auch die führenden EU-Politiker Notfallpakete. Für ungeheure Geldsummen werden  Haftungen für Banken übernommen. Damit werden einige Kreditinstitute gerade noch vor der drohenden Pleite aufgefangen. In Europa werden Garantien für Spareinlagen vom Staat übernommen.

Zum Krisenhergang wissen wir, dass der amerikanische Leitzins, der seit 2004 in die Höhe getrieben wird, was die Belastung der Kredit- Rückzahlung und Services erhöht hat und dass der Gier einiger Kreditgeber, die Immobilien höher geschätzt haben als sie wert sind dazu geführt hat, dass Kredite die unglaubliche Summe von 1,3 Billionen USD in der ersten Hälfte 2007 erreicht haben, Viele Kreditnehmer wollten ihre Kredite nicht mehr zahlen, sie hatten ja wenig zu verlieren, denn sie bekamen Kredite ohne das selbstgeleistete, in Europa bei üblichen 20-30 %- tigen, Eigenkapital.

Auf der anderen Seite hat man Aktien, die durch Immobilien- Schuldenverkauf bzw. Umschuldung, geschaffen, die auf dem Weltmarkt gebracht worden. Diese waren nicht viel Wert, Weiters sind mehr Kreditrückzahlungen ausgesetzt worden, was zum 70%-tigen Verlust von US-amerikanischen Immobilienaktien geführt hat.

Viele haben in der Vergangenheit von der Überlegenheit der freien Marktwirtschaft gesprochen und noch mehr Wirtschaftsexperten haben die Selbstregulierungskraft des freien Marktes gepredigt. Wir erleben jedoch, dass die gleichen Experten heute auf Instrumente der Planwirtschaft zurückgreifen und Geldspritzen von Regierungen fordern. Diese können zwar zur temporären Beruhigung der Aktienkurse beitragen, aber das Vertrauen in dieses Wirtschafs-- und Finanzsystem schwindet massiv.

In letzter Zeit setzen einige Banken auf Scharia konforme Anlagen und Bankwesen, wie z.B. Die BNP Paribas mit dem islamischen Fonds. Eine solche Anlage wäre vielleicht auch für Menschen nichtmuslimischen Glaubens sinnvoll, denn neben dem Verbot von Glückspiel, Alkohol, Tabak, Waffen, Pornographie, Biotechnologieunternehmen bezogen auf menschliche und tierische Gentechnik werden auch Bankaktien und Unternehmen mit mehr als 33% Verschulden nicht gehandelt.

Menschen aller Religionen sollen gemeinsam für mehr Gerechtigkeit eintreten. Dazu bietet die islamische Wirtschaftsethik einen sehr interessanten Denkansatz zum friedlichen und sozial wärmeren Miteinander, verantwortungsvoll für heutige und künftige Generationen.

DI. Mouddar Khouja

Geschäftführer Baraka GmbH / islamischer Fondsvertrieb
Mitbegründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Rechtsruck & Weckruf

Wie auch immer die Verhandlungen zur Regierungsbildung ausgehen mögen: EU-Konsequenzen werden trotz des Rucks in Richtung rechts-rechts kaum ins Haus stehen. Schließlich betätigen sich auch andernorts mit offenem Rassismus spielende Rechtspopulisten.

 
FPÖ und BZÖ hatten strategisch kalkuliert: Politikfrust würde Lust aufs Erteilen von Denkzetteln geben. In einer Gesellschaft, die ob drohender Einschnitte durch Teuerung und wackelnde Sozialsysteme immer mehr zur Ellbogengesellschaft wird, werden all jene Themen, die auch Minderheiten betreffen, zur Nebensache degradiert. Keine Konjunktur für Menschenrechtspolitik. „Heimatpolitik“ zieht da mehr, die ihre Härte mit einem scheinheiligen „Wir-Gefühl“ auf dem Rücken der „Fremden, der anderen“ kaschiert.

 

Angesichts rosiger Aussichten am Wahlabend als Gewinner auftrumpfen zu können, versuchten sich die Rechtsparteien in bewusst staatsmännischer Haltung. Dass zu aggressive Töne Stimmen kosten, hatte der Grazer Wahlkampf gezeigt. Da andererseits beim einschlägigen Publikum die Botschaft von Islamfeindlichkeit und Verweigerung einer aktiven Integrationspolitik längst angekommen war, konnte man sich vor den Fernsehkameras gemäßigt geben.

 

Dass die ÖVP inhaltlich mit Reizwörtern wie „Kulturdelikte“ (BM Fekter) oder „Kopftuchverbote im öffentlichen Dienst“ (BM Hahn) wie nie zuvor im Teich der Blauen und Orangen fischte, musste sich als kontraproduktiv erweisen, wurde doch die Stammwählerschicht dadurch eher verwirrt, während Sympathisanten solcher Statements die noch weiter rechte Partei wählen.

 

Eine harte Lektion für die dramatisch geschrumpften Großparteien. Hoffentlich keine harte Lektion für Österreich, was da an Politik in den kommenden Jahren ansteht. Wenn jene rechten Recken, die sich gern als „Retter des Abendlandes“ aufspielen, gerade Werte wie Toleranz, Chancengleichheit, Frauen- und Menschenrechte Lügen strafen.

 

Carla Amina Baghajati ist Sprecherin der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

 

© SN/SW

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