IGGiÖ - Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich

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Tarafa Baghajati

Tarafa Baghajati: „Der IGGÖ-Präsident muss unabhängig sein“

Tarafa Baghajati

Die Vertretung der österreichischen Muslime steht vor einem umfassenden Reformprozess.

In der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) stehen die Zeichen auf Neuanfang. Nachdem der Schurarat Neuwahlen beschloss und nach 2,5 Jahren Amtszeit das vorzeitige Ende der Ära von Präsident Ibrahim Olgun einläutete, soll nun ein Reformprozess stattfinden. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt Tarafa Baghajati, Imam und Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher (IMÖ), vor welchen Herausforderungen der künftige Präsident steht.

Wer auch immer am 8. Dezember zu Olguns Nachfolger gewählt wird, müsse die Bedeutung der Glaubensgemeinschaft erhöhen – bzw. wieder herstellen. „Die IGGÖ muss wieder ein Faktor im Diskurs um Islam und Muslime werden“, meint Baghajati. „Zurzeit sind wir nur mehr Zuschauer.“ So sei die offizielle Vertretung der Muslime in Österreich etwa vor der 15a-Vereinbarung zum Kopftuchverbot im Kindergarten von der Bundesregierung nicht einmal zu Gesprächen eingeladen worden. Olgun sei in der aktuellen politischen Situation „zum Teil überfordert“ gewesen.

Wer immer ihm nachfolgt, habe drei Voraussetzungen zu erfüllen, sagt Baghajati: „Es muss indiskutable Bedingung sein, dass der Präsident und alle Funktionäre an Schlüsselstellen nicht nur kompetent, sondern auch unabhängig sind. Und dass sie strikt die Politik des Verbandes, aus dem sie kommen, von jener der IGGÖ trennen.“ Unabhängigkeit bedeute, dass Entscheidungsträger „ausschließlich im Dienst der österreichischen Muslime stehen und keinen Einfluss aus dem Ausland zulassen“. Die ethnische Zugehörigkeit sei den allgemeinen Bedürfnissen unterzuordnen.

Emanzipation

Dieses Amtsverständnis war bisher nicht klar festgelegt, im Zuge des Reformprozesses gebe es aber Bestrebungen in diese Richtung. „In unserem eigenen Interesse“, wie Baghajati betont. Um für alle Muslime gleichermaßen glaubwürdig zu sein, empfiehlt er dem künftigen Präsidenten, aus dessen Verband austreten.

Es ist durchaus möglich, dass das die der Milli-Görüs-Bewegung nahestehende Islamische Föderation betreffen wird. Denn obwohl bis dato niemand für Olguns Nachfolge kandidiert hat, werden dem Vorsitzenden des Schurarats, Ümit Vural, gute Chancen nachgesagt. Er selbst will das nicht kommentieren.

Vurals Zugehörigkeit zur Islamischen Föderation könnte zwar eine Steilvorlage für externe Kritiker sein. Dass die IGGÖ Schaden nehmen könnte, glaubt Baghajati aber nicht. Mit seiner Emanzipation vom Heimat-Verein würde der künftige Präsident beweisen, dass er kein Befehlsempfänger sei.

Davon abgesehen stellt der IGGÖ-Experte aber klar: „Wir wählen unsere Vertreter nicht auf Bestellung der österreichischen Politik oder der Medien. Das ist unsere interne Angelegenheit.“ Vural, der Reformbereitschaft mitbringe und sich punkto Krisenmanagement ausgezeichnet habe, habe seine volle Unterstützung. Andere ernst zu nehmende Namen hätten sich nicht herauskristallisiert.

Teamarbeit

Geht es nach den Reformwilligen in der IGGÖ könnte sich auch die Arbeitsweise des Präsidenten ändern. „Die Zeiten, in denen einer als alleiniger ‚Führer‘ handelt, müssen vorbei sein“, meint Baghajati. Der nächste Präsident sei gut beraten, sich ein unabhängiges Team der besten Köpfe zusammenzustellen, dass die Themenbereiche Bildung, Integration, Frauen, humanitäre Einsätze und Medien abdeckt.

Und noch mehr sei nicht in Stein gemeißelt, erklärt der IMÖ-Obmann. Etwa könne die IGGÖ „nicht ewig einen Mufti (einen islamischen Rechtsgelehrten; Anm.) beschäftigen, der nicht Deutsch kann“.

Baghajati plädiert weiters für ein freiwilliges Bekenntnis dazu, dass keine Ethnie mehr als 50 Prozent in einem IGGÖ-Gremium hat (Zurzeit sind zirka 60 Prozent des Schurarats türkischstämmig.) und für eine Mindestfrauenquote von 20 und später 30 Prozent. Zudem sollten Muslime, die keinem Verband angehören, die Möglichkeit zur Mitarbeit in der IGGÖ bekommen.

(kurier.at) | Stand: ‎15‎.‎11‎.‎2018, 6:00 | Autor: Bernhard Ichner

https://kurier.at/chronik/wien/neuwahlen-der-iggoe-praesident-muss-unabhaengig-sein/400324362

IGGÖ zu Kopftuch in Schulen: „Haben bewährte Praxis“

Kindern das Kopftuchtragen zu untersagen ist für die Schulamtsleiterin der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Carla Amina Baghajati, keine Lösung. Muslime hätten eine „bewährte Praxis“, mit solchen Fällen umzugehen, sagte sie gegenüber religion.ORF.at.

Die Regierung will ein Verbot durchsetzen. Am Mittwoch soll der Gesetzesvorschlag der Regierungsparteien für ein Kopftuchverbot in Volksschulen im Unterrichtsausschuss behandelt werden. Der Text besagt, dass "das Tragen weltanschaulich oder religiös geprägter Bekleidung, mit der eine Verhüllung des Hauptes verbunden ist“, Kindern bis zum Alter von zehn Jahren untersagt werden soll.

Begründet wird das geplante Verbot im Initiativantrag von ÖVP und FPÖ mit „der sozialen Integration von Kindern gemäß den lokalen Gebräuchen und Sitten, der Wahrung der verfassungsrechtlichen Grundwerte und Bildungsziele der Bundesverfassung sowie der Gleichstellung von Mann und Frau“. Auch wird darin argumentiert, dass die „Rechte des Kindes im Vordergrund stehen“ müssen.

„Bewährte Praxis“

Für Baghajati ist dies eine für Musliminnen und Muslime verletzende Argumentation: „Es tut einfach weh, wenn ein Gesetz vermittelt, es müssen die eigenen Kinder vor den Eltern geschützt werden“, sagte sie am Dienstag im Gespräch mit religion.ORF.at. Ein Verbot hält sie für den falschen Weg auf Kinder zu reagieren, die mit einem Kopftuch in die Schule kommen.

Es gebe in der muslimischen Gemeinde eine „bewährte Praxis“, wie bei Fällen von freiwilligem wie auch erzwungenem Kopftuchtragen umgegangen wird. Die IGGÖ argumentierte bereits bei dem Kopftuchverbot für Kindergartenkinder damit, dass es sich um einen Eingriff des „zur religiös-weltanschaulichen Neutralität“ verpflichteten Staates in innere Angelenheiten einer Religionsgemeinschaft handle.

Kopfttuchtragende „nicht zur Heldin machen“

Innermuslimisch würde jedenfalls schon lange ein bisher wenig beachteter Diskurs zwischen Müttern stattfinden, erklärte Baghajati gegenüber religion.ORF.at. Muslimische Frauen setzen sich intensiv damit auseinander und tauschen sich darüber aus, wie Eltern damit umgehen sollen, wenn das Kind etwa schon mit acht Jahren ein Kopftuch tragen will, sagte Baghajati. Empfohlen werde mittlerweile, dem Mädchen zu sagen: „Wir haben dich lieb, ob du ein Kopftuch trägst oder nicht. Wenn du es ausprobieren möchtest, dann ja. Wenn du dich nicht wohl fühlst, dann nimm es wieder runter.“

Früher habe man von Müttern noch öfter gehört: „Je früher desto besser“, damit sich das Kind an das Kopftuch gewöhne, erklärte Baghajati. „Das hat man reflektiert“. Entscheidend sei es, das Kind beim „Mündigwerden“ zu unterstützen und „wenn ein Mädchen ein Kopftuch trägt, sie nicht zu einer Heldin zu machen.“ In den vergangenen 20 Jahren habe sich diesbezüglich sehr viel weiterentwickelt. Bestätigt sieht sich Baghajati dadurch, dass es sich bei kopftuchtragenden Volksschulmädchen um „ein absolutes Randphänomen“ handelt. „Die Regierung spricht hier nie von Zahlen“.

Sendungshinweis

Mehr zum Thmea Kopftuchverbot hören Sie in der Sendung „Praxis - Religion und Gesellschaft“, 16.1.2019; 16.05 Uhr, Ö1.

Einem Mädchen, das für das Kopftuch aus islamischer Sicht eigentlich noch nicht reif ist, einfach Nein zu sagen, hält Baghajati allerdings nicht für sinnvoll. Sie verweist auf das Recht des Kindes auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, das es zu achten gelte.

Dialog bei Druck durch Eltern

Musliminnen, die selbst ein Kopftuch tragen, berichten mitunter, ihre jungen Töchter würden es den Müttern gleichtun und freiwillig ihr Haar bedecken wollen. An der Skepsis vieler Nicht-Muslime ändert das nichts. Auch Expertinnen und Experten, die der Ansicht sind ein Kopftuchverbot sei der falsche Zugang, um diesem Phänomen zu begegnen, gehen oftmals automatisch davon aus, dass auf die Kinder zumindest Druck, wenn nicht sogar Zwang, ausgeübt wird.

Dass es Eltern gibt, die Mädchen das Kopftuch verordnen, bestreitet die IGGÖ-Schulamtsleiterin nicht. So sei es aber bisher üblich, den wahren Beweggrund der Mädchen herauszufinden - gemeinsam mit den Verantwortlichen in der Schule sowie den islamischen Religionslehrern und schließlich auch im Gespräch mit den Eltern. In Kooperation mit dem Schulamt der IGGÖ habe man Eltern bereits überzeugen können, „dass es nicht in Ordnung ist, das Mädchen zu zwingen“.

„Egal, was du ausdrücken willst“

Auf die Vermittlungstätigkeit der IGGÖ dürfte die Regierung allerdings nicht setzen wollen. Nachdem sie im vergangenen Jahr ein Kopftuchverbot in Kindergärten eingeführt hat, ist nun die Volksschule an der Reihe. Ein Kopftuchverbot befreie die Kinder vor potenziellem Zwang, sagen Befürworter des Gesetzes. Ein Verbot verletzte das Selbstbestimmungsrecht junger Mädchen, sagen Kritikerinnen und Kritiker.

Für Baghajati ist das Verbot jedenfalls auch frauenpolitisch bedenklich. Denn in der Begründung im Gesetzesantrag heißt es: „Der Begriff weltanschaulich und religiös geprägter Bekleidung stellt darauf ab, wie eine Bekleidung von einem objektiven Betrachter gesehen wird. Es kommt dabei nicht auf die persönliche Absicht des Trägers an. Entscheidend ist, wie diese von Dritten rezipiert wird.“ Den Trägerinnen, also muslimischen Frauen richte man damit aus, „was du selbst ausdrücken willst, ist völlig egal. Es zählt, was der andere sehen möchte.“ Der Betrachter der Frau entscheidet. Ein Blick auf Frauen, so Baghajati, den man eigentlich überwunden glaubte.

Clara Akinyosoye, religion.ORF.at

https://religion.orf.at/stories/2958832/

Kathbild/Franz Josef Rupprecht: Carla Amina Baghajati

"Ein Verbot bedient die Propaganda der Extremisten"

"Ein Verbot bedient die Propaganda der Extremisten

Carla Amina Baghajati, 50, trat 1989 vom Christentum zum Islam über. Die gebürtige Deutsche, Buchautorin und vierfache Mutter ist die Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Mit dem KURIER sprach sie über die Sinnhaftigkeit eines Burka-Verbots.

KURIER: Was halten Sie von einem "Burka-Verbot", also einem Verbot der Vollverschleierung, wie es in Deutschland und Österreich diskutiert wird?

Carla Amina Baghajati: Ich persönlich habe keine Sympathien für den Gesichtsschleier und auch innermuslimisch wird der Gesichtsschleier von Frauen sehr emotional gesehen. Der Tenor dabei ist eher ablehnend. Es heißt, das bringt uns allen noch mehr Probleme, das löst starke Aversionen aus.

Ein Verbot des Gesichtsschleiers finde ich kontraproduktiv in mehrfacher Hinsicht. Wir haben in Österreich eigentlich keine Burka-Trägerinnen. Bei dem Wort Burka läuft bei jedem der selbe Film ab, auch bei Muslimen: Taliban, Unterdrückung, Benachteiligung. Frauen mit Gesichtsschleier sind eine verschwindende Minderheit, am ehesten sieht man sie bei uns als Touristinnen in der Kärntnerstraße oder in Zell am See und ich frage mich, ob eine Wirtschaftspartei (ÖVP, Anm.) die wirklich vergraulen will.

Was spricht noch gegen ein Verbot?

In der Bevölkerung gibt es Verunsicherung nach jedem Terroranschlag, auch in der muslimischen, und es gibt auch eine gewisse Ratlosigkeit. Bei einem Burka-Verbot geht es darum, gewisse Teile der Bevölkerung zu bedienen, indem man Stärke zeigt, aber es ist eher ein zweifelhafter Katalysator für diffuse Ängste gegen "die Muslime".

Bei einem Verbot gibt es auch immer Solidarisierungseffekte und da erreicht man dann das Gegenteil von dem, was man wollte. Ein Verbot ist zudem gedacht als Ansage gegen islamistisches Gedankengut, bedient aber gerade die Propaganda extremistischer Gruppen: "Seht, wir sind ausgegrenzt, der Westen misst bei der Religionsfreiheit mit zweierlei Maß."In Österreich gibt es durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofes außerdem eine Handhabe. (Der OGH hatte Anfang Juli die Klage einer Muslima abgewiesen, die gekündigt worden war, weil sie bei ihrer Arbeit in einer Notariatskanzlei Gesichtsschleier tragen wollte, Anm.) Der OGH stellte fest, dass die Angestellte zwar nicht wegen eines Kopftuches schikaniert werden durfte, hat dem Arbeitgeber aber recht gegeben, dass ihr Gesichtsschleier einen Kündigungsgrund bilden dürfe. Ein generelles Verbot riecht nach Populismus.

Wie sehen Muslime derartige Debatten?

Die Debatte um ein Verbot des Gesichtsschleiers ist innermuslimisch eine Chance, einen Diskurs zu führen. Das funktioniert besser als Verbote. Es ist dabei aber wichtig, manche Argumente der Befürworter des Gesichtsschleiers entschieden in die Schranken zu weisen, wenn es etwa heißt: "Das Gesicht einer Frau bringt Unruhe in die Gesellschaft, weil sie so schön ist."

In Frankreich, wo es bereits ein Burka-Verbot gibt, gibt es Schätzungen zufolge 2000 voll verschleierte Frauen.

In Österreich gibt es Trägerinnen von Gesichtsschleiern in größeren Städten, es gab eine Zeit, da gab es etwa in Graz mehr als in Wien. Ich kenne persönlich aber mehr Frauen, die den Gesichtsschleier abgelegt haben, als solche, die sich entschieden, ihn aufzusetzen.

Welche Gründe hatten die?

Das waren oft Frauen, die konvertiert waren und aus einem spirituellen Bedürfnis heraus Regeln sehr streng ausgelegt haben. Sie haben dann an den Reaktionen gemerkt, ich tue dem Image des Islam und dem Islam an sich nichts Gutes. Und eine Vollverschleierung ist auch nichts, was unbedingt vorgeschrieben ist. Ich kenne eine Konvertitin, die wurde nach dem Verlassen eines Geschäftes von der Polizei empfangen, weil eine Verkäuferin gedacht hatte, die Frau habe etwas gestohlen. Die Frau verzichtete von da an auf den Gesichtsschleier.

(kurier) Erstellt am 20.08.2016, 07:50

Was es mit islamischen Begräbnissen auf sich hat

Was es mit islamischen Begräbnissen auf sich hat

Nach den Attentaten in Deutschland und Frankreich wurden unter Muslimen Stimmen laut, den Mördern ein islamisches Begräbnis zu verweigern. Diese Entscheidung erntete auch Kritik.

Der Osnabrücker Religionssoziologe und Islamexperte Rauf Ceylan wendet sich in der jüngsten ZEIT-Beilage „Christ & Welt“ gegen das Vorhaben von Moscheegemeinden, den Attentätern von Würzburg und Ansbach in Deutschland sowie im französischen Rouen eine islamische Bestattung zu verweigern. Mohamed Abu El Qomsan, Bayern-Beauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) hatte sich dafür ausgesprochen, dass Attentätern sowohl ein Begräbnis auf einem islamischen Friedhof als auch eine islamische Zeremonie verweigert werden sollte. Laut Ceylan entspricht das auch der Mehrheitsmeinung unter Muslimen.

„Schwerste Sanktion des Islams“

Allerdings trifft diese „schwerste Sanktion des Islams“ laut Ceylan vor allem die Hinterbliebenen. „Familien sollten nicht mitbestraft werden. Sie sind schon bestraft genug“, sagt er. Die Moscheen hätten nur diese Möglichkeit, um die geforderte Distanzierung vom Terror zum Ausdruck zu bringen. Islamische Theologen und Seelsorger sollten aber ihre Position überdenken, so der Wissenschaftler, der als Sohn kurdischer Migranten in Duisburg geboren wurde.

Grabstein am islamischen Friedhof im Zentralfriedhof

APA/Herbert Pfarrhofer

Grabstein auf dem islamischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs

Wendet sich jemand vom Islam ab, ist die nichtislamische Bestattung logische Folge. Islamistische Attentäter hingegen würden sich dezidiert als Muslime verstehen. Ihre Schuld vergrößere sich zwar dadurch, dass sie sich für ihre Verbrechen auf Gott berufen, aber „auch schlechte Muslime bleiben Muslime“, so Ceylan.

Imam: Nicht in IS-Duktus fallen

Tarafa Baghajati, Imam und Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen gibt im Gespräch mit religion.ORF.at Ceylan insofern Recht, als auch er sagt, dass niemand jemand anderem absprechen könne, Muslim zu sein. Zudem müsse die islamische Community darauf achten, nicht in den Duktus der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zu geraten, die stets in „gläubig“ und „ungläubig“ unterteile. Der IS rechtfertigt seine Taten scheinbar theologisch durch den Kampf gegen Ungläubige.

Die Position des ZMD sei aber vollkommen richtig, so Baghajati. Denn als offizielle Vertretung der Muslime könne man islamistische Attentäter nicht durch ein muslimisches Begräbnis würdigen. Er wendet sich aber gegen ein generelles Verbot und würde es der Familie überlassen, eine islamische Zeremonie abzuhalten. Denn dazu braucht es im Islam keinen Geistlichen, auch nahe Verwandte können die Gebete leiten.

Tarafa Baghajati

ORF/Marcus Marschalek: Tarafa Baghajati

Eine neue Dimension nach dem Tod

Grundsätzlich beginne mit dem Eintritt des Todes eine neue Dimension, in der die Beziehung zu den Menschen abbreche und nur die zu Gott übrigbleibe. „War jemand ein guter Mensch, ist er vor Gott gut, wenn er schlecht war, schlecht. Punkt“, sagt Baghajati. Wie jemand zu Tode kommt oder begraben wird, sei letztlich irrelevant, so Baghajati. Für die Gemeinschaft allerdings sei es von großer Bedeutung, wie und ob jemand begraben werde. Denn wie die Seele die Zeit zwischen dem Tod und dem Tag des jüngsten Gerichts verbringe, wisse niemand, daher werde für sie gebetet, so der Imam.

Im Islam wird die ordnungsgemäße Beerdigung Verstorbener als wichtig erachtet, da die Toten nach muslimischer Auffassung zu Allah zurückkehren. Bereits die sterbende Person wird mit Gebeten auf ihrem Weg begleitet. Nach dem Eintritt des Todes wird der Leichnam von Glaubensangehörigen rituell gewaschen. Männer werden von einem Mann, Frauen von einer Frau dreimal mit heißem Wasser und Seife gewaschen.

Danach wird die Person eingekleidet beziehungsweise in Tücher gehüllt. Darauf erfolgt die rasche Bestattung. Der Tote liegt dabei auf der rechten Seite und blickt Richtung Mekka. Muslimische Friedhöfe sind so angelegt, dass die Gebetsrichtung eingehalten werden kann. Die einzig gültige Art der Bestattung im Islam ist die Erdbestattung - möglichst ohne Sarg.

Islamische Gräber am islamischen Friedhof in Wien 23.

IGGiÖ: Der islamische Friedhof im 23. Bezirk in Wien

Rasche Beisetzung am Ort des Todes

Der Islam empfiehlt die Beisetzung innerhalb von 24 Stunden am Ort des Todes. Seit einigen Jahren gibt es in Österreich eigene islamische Friedhöfe und muslimische Abteilungen innerhalb anderer Friedhöfe. Hierzulande sind mindestens 48 Stunden Wartezeit vor der Beerdigung, sowie ein Sarg vorgeschrieben. Hier wird häufig auf naturbelassene Weichholzsärge zurückgegriffen.

Ließen sich lange Zeit Muslime in ihre Heimatländer oder die ihrer Eltern überführen und dort begraben, steigen die Bestattungen an den Orten, wo ein Großteil der Lebenszeit verbracht wurde. Für die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) sind die islamischen Friedhöfe deshalb auch ein Zeichen der Integration.

Die Ächtung Verstorbener hat übrigens eine lange Tradition. In der Antike wurden Namen und Bildnisse verhasster Personen aus Schriften und Darstellungen entfernt, um deren Andenken zu zerstören. Auch im Römischen Reich wurde die „Damnatio memoriae“ (lateinisch für „Verdammung des Andenkens“) praktiziert.

Nina Goldmann, religion.ORF.at

Islamische Glaubensgemeinschaft: Stopp dem Blutvergießen in Gaza!

Nachdem wiederholte Appelle zu einer sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen gegen die Bevölkerung in Gaza kein Gehör fanden, ist es umso wichtiger, dass die Weltöffentlichkeit das Leid der Zivilbevölkerung weiterhin als anklagende Mahnung versteht, alles zu tun, um das Blutvergießen zu stoppen. Von einer Verhältnismäßigkeit der militärischen Operation gegen die Palästinenser kann keine Rede sein. Das Vorgehen Israels ist klar und deutlich zu verurteilen.

Palästinenser leben im Gazastreifen wie in einem riesigen Freiluft-Gefängnis, aus dem es keinen Ausweg gibt. Handel und damit wirtschaftliche Entwicklung ist unter der Militärbesetzung und Blockadepolitik nicht möglich. Dabei geht es hier um eine gesetzlich freie Nation, die von der UNO anerkannt wurde.

In diesem Fastenmonat Ramadan, in dem Menschen muslimischen Glaubens Werte wie Solidarität und Eintreten für Bedürftige noch unmittelbarer als sonst erleben, machen die Ereignisse in Gaza, aber auch die humanitären Katastrophen, die wir in der gesamten Region sehen, besonders betroffen. Die Emotionen sind groß. Dabei sei an ein bekanntes Prophetenwort erinnert: „Stark ist nicht der körperlich starke, sondern der seinen Zorn beherrscht.“ In diesem Monat der Mäßigung sollen wir unsere Anstrengungen darauf richten, mit „Weisheit und schöner Rede“, wie es im Koran heißt, für die gerechte Sache der Unterdrückten einzutreten. Dazu gehört Spendenbereitschaft, um die humanitäre Not zu lindern. Dazu gehört auch argumentativ das Unrecht anzuprangern und für die friedliche Konfliktlösung einzutreten.

Die palästinensische Führung soll darin unterstützt werden, den inneren Versöhnungsprozess voranzutreiben und zu vertiefen, um die Einheit des palästinensischen Volkes zu bestärken. Schließlich soll auch nicht vergessen werden, dass es keinesfalls um einen religiösen, sondern um einen politischen Konflikt geht. Es ist darauf Bedacht zu nehmen zwischen der Politik des Staates Israel und Menschen jüdischen Glaubens zu differenzieren. Eintreten für Gerechtigkeit und Rassismus oder Antisemitismus schließen sich aus.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft appelliert an alle Entscheidungsträger, sich für eine sofortige Beendigung des Militäreinsatzes gegen Gaza einzusetzen. In direkten Gesprächen wie etwa mit Bundesaußenminister Kurz zeigte sich, wie wichtig es ist, gerade bei Krisensituationen im Dialog zu sein. Der Konflikt soll nicht nach Österreich getragen werden. Das friedliche Zusammenleben und der lebendige Austausch der Religionsgemeinschaften darf nicht beeinträchtigt werden.

Wien, am 20. Juli 2014

Dr. Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft

Rückfragehinweis:

Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der IGGÖ

Islamische Glaubensgemeinschaft "tief verletzt"

NGOs, Politiker und Religionsvertreter äußern sich zur geplanten Abschiebung der am Wochenende festgenommenen Asylwerber.

Die Festnahme und geplante Abschiebung von mehreren Asyl-Suchenden (DiePresse.com berichtet) aus dem Wiener Servitenkloster sorgt für Reaktionen von NGOs, Religionsvertretern und Politik:

Caritas und Diakonie: "Tiefe Sorge"

Caritas und Diakonie haben am Dienstag gemeinsam ihre "tiefe Sorge" zum Ausdruck gebracht. Wiens Caritasdirektor Michael Landau bezweifelte in einer Aussendung, dass die österreichische Bundesregierung für die Sicherheit der Betroffenen in Pakistan garantieren könne und die Sicherheitslage dort richtig einschätze.

Die Flüchtlinge aus dem Servitenkloster hätten sich in den vergangenen Monaten exponiert, auf Schwächen des österreichischen Asylsystems und auf menschenrechtliche Verletzungen in ihrem Herkunftsland - auf Verfolgung, Folter und Tod - hingewiesen. Wenn diese Menschen nun abgeschoben würden, sei dies menschlich nicht nachvollziehbar, so Landau.

Gleichzeitig hielten Caritas und Diakonie fest, dass die Asylwerber aus dem Servitenkloster nicht bessergestellt werden können als tausende andere, die in Österreich Schutz suchten: "Deshalb fordern wir, dass es menschenrechtliche Anpassungen für alle Asylsuchenden in Österreich geben muss."

Amnesty "irritiert"

"Amnesty International" nimmt die Entscheidungen des Asylgerichtshofs, die Asylanträge abzuweisen "zur Kenntnis". Man sei aber sehr irritiert, dass es Reisewarnung für Österreicher nach Pakistan wegen der "besorgniserregenden" Sicherheitslage gebe, die rechtlichen Kriterien es aber offensichtlich erlaubten, die abgelehnten Asylwerber trotzdem problemlos in so ein Land abzuschieben. Hier sei Österreich dringend gefordert, die Zulässigkeitskriterien besser zu definieren, erklärte AmnestyGeneralsekretär Heinz Patzelt in einer Aussendung.

Islamische Glaubensgemeinschaft empört

Auch bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) haben die Festnahmen Empörung ausgelöst. Das Vorgehen habe "insbesondere in diesen langen und heißen Ramadan-Tagen tief verletzt", meinte Präsident Fuat Sanac via Facebook. Die geplanten Abschiebungen sollten laut ihm nicht stattfinden, da ein humanitäres Bleiberecht möglich sei.

 "Auch die Härte, die die Behörden gegenüber den Flüchtlingen an den Tag legen, erfüllt uns mit großer Sorge und großem Bedauern", so Sanac weiter. Die Menschlichkeit dürfe nicht fremdenfeindlichen Ressentiments geopfert werden, "die insbesondere zu Wahlkampfzeiten geschürt werden könnten". Die politische Situation in vielen Gegenden der Welt sei für alle eine Herausforderung, betonte der Muslime-Präsident. "Auch die sich daraus ergebenden Flüchtlingsströme."

Prammer: "Wahlkampf nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge"

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) beäugt die geplanten Abschiebungen kritisch. Sie appellierte am Rande einer Pressekonferenz in Salzburg an Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), diese solle bedenken, ob alle möglichen gesetzlichen Mittel für eine gelindere Vorgehensweise ausgeschöpft worden seien. Die Nationalratspräsidentin hatte zuvor erklärt, dass sie die Enttäuschung der vielen Menschen verstehe, die sich um die Flüchtlinge gekümmert haben. Sie kenne allerdings die Akten und die einzelnen Fälle nicht im Detail, räumte sie ein.

"Natürlich leben wir in einem Rechtsstaat", verwies Prammer auf Mikl-Leitners Argumentation, dass die Gesetze eingehalten werden müssten. Prammer stellte aber die Frage, ob die Ministerin "die vielen Möglichkeiten im Gesetz ausgenutzt hat. Ich kann nur appellieren, den Wahlkampf nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge zu machen - das ist ungeeignet und nicht menschenwürdig".

FPÖ und Grüne festigen Positionen

FPÖ und Grüne haben sich in der aktuellen Asyldebatte wie üblich positioniert. FP-Chef HeinzChristian Strache sprach angesichts der Abschiebung von "acht Scheinasylanten" von einer "völlig irrwitzigen Aufregung", während Grünen Menschenrechtssprecherin Alev Korun an Innenministerin Mikl-Leitner appellierte, die Außerlandbringung zu stoppen.

Auch ÖH und SJ "entsetzt"

Auch die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) zeigte sich "entsetzt" über die Festnahmen. "Ich bin schockiert darüber, wie unmenschlich die österreichischen Behörden gegen Menschen vorgehen, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind", meinte Julia Freidl vom Vorsitzteam in einer Aussendung.

Wolfgang Moitzi, Vorsitzender der Sozialistischen Jugend (SJ), sieht in der geplanten Abschiebung das "Todesurteil" für die Betroffenen.

DiePresse.com

IGGiÖ Verurteilung der Gewalt an Christen in Bagdad

Schärfste Verurteilung des frevelhaften Anschlags auf eine Kirche im Irak

Schockiert zeigte sich Präsident Schakfeh, derzeit auf einer Konferenz in Genf, angesichts des Angriffs auf die christliche Bevölkerung in Bagdad. Für die Geiselnahme von betenden Menschen in einer Kirche, die mit dutzenden Toten endete, könne es keinerlei Rechtfertigung geben.

Für die Islamische Glaubensgemeinschaft hatte  Omar Al Rawi in einer ersten Stellungnahme unmittelbar nach Bekanntwerden der hohen Opferzahl wie folgt Stellung genommen: „Wir sehen es als unsere Pflicht an, diese Angriffe auf das Schärfste zu verurteilen, und drücken unser tiefstes Bedauern und unser Mitgefühl allen Leidtragenden und Hinterbliebenen aus. Gleichzeitig fordern wir die Regierung im Irak auf, endlich ihrer Aufgabe nachzukommen und für den Schutz der Bevölkerung,  insbesondere den Schutz der Minderheiten zu sorgen. Es ist zu hoffen, dass die politischen Parteien und Lager endlich ihre Differenzen überwinden  und  sieben Monate nach den Parlamentswahlen eine amtsfähige neue Regierung bilden.“

Die christliche Minderheit war immer schon ein Zeichen der ethnischen und religiösen Vielfalt des Iraks. Eine lange Tradition gegenseitiger Toleranz und Respekts und des friedlichen Miteinanders war ein positives Kennzeichen des Iraks.

Dieser feige Angriff stellt leider einen traurigen Höhepunkt in der derzeitigen ohnedies durch ethnische und religiöse Konflikte gespannten Lage im Irak dar.

Es war und ist die Pflicht der Muslime nicht nur in Friedenszeiten Toleranz und Respekt mit den religiösen Minderheiten zu leben, sondern auch für deren Schutz zu sorgen und ihre Religions- und Gewissensfreiheit zu garantieren. Dies begründet sich auf zahlreiche eindeutige Aussagen im Koran, wo es etwa heißt:

„… Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen des  Namen Allahs häufig gedacht wird, niedergerissen worden….“ (Koran, 22:40)

Auch das Beispiel des Propheten Muhammad legt beredtes Zeugnis dafür ab, dass Gotteshäuser der Religionen zu schützen sind. Er stellte zum Beispiel einen eigenen Schutzbrief für das bis heute bestehende Katharinenkloster in der Nähe des Berges Sinai aus.

Daher hoffen wir, dass die muslimische Mehrheitsbevölkerung in Bagdad ihren Beitrag leistet und gegen die Gewalt ein klares Wort spricht, die Übergriffe aufs Schärfste verurteilt und ihre Solidarität mit den christlichen Mitbürgern zum Ausdruck bringt.

Rückfragehinweis:

Omar Al Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Oder

Carla Amina Baghajati, Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft.


Gewalt an Christen in Bagdad - Stellungnahme

Mit großer Sorge und Betroffenheit verfolgen wir die jüngsten Nachrichten über den Angriff auf die christliche Bevölkerung in Bagdad und die Geiselnahme von betenden Menschen in eine Kirche.

Die christliche Minderheit war immer schon ein Zeichen der ethnischen und religiösen Vielfalt des Iraks. Eine lange Tradition gegenseitiger Toleranz und Respekt und des friedlichen Miteinanders war ein positives Kennzeichen des Iraks.

Dieser feige Angriff stellt leider einen vorläufigen traurigen Höhepunkt in der derzeitigen ohnedies durch ethnische und religiöse Konflikte gespannten Lage im Irak dar.

Wir sehen es als unsere Pflicht an, diese Angriffe auf das Schärfste zu verurteilen, und drücken unser tiefstes Bedauern und unser Mitgefühl allen Leidtragenden und Hinterbliebenen aus.

Gleichzeitig fordern wir die Regierung im Irak auf endlich ihrer Pflicht nachzukommen um für den Schutz der Bevölkerung insbesondere der der Minderheiten zu sorgen. Es ist zu hoffen, dass die politischen Parteien und Lager endlich ihre Differenzen überwinden, und  7 Monate nach den Parlamentswahlen endlich eine amstfähige neue Regierung bilden.

Es war und ist die Pflicht der Muslime nicht nur in Friedenszeiten Toleranz und Respekt mit den religiösen Minderheiten zu leben, sondern auch für deren Schutz zu sorgen und ihre Religions- und Gewissensfreiheit zu garantieren. Daher hoffen wir, dass die muslimische Mehrheitsbevölkerung in Bagdad ihren Beitrag leistet und gegen die Gewalt ein klares Wort spricht, die Übergriffe aufs Schärfste verurteilt und ihre Solidarität mit den christlichen Mitbürgern zum Ausdruck bringt.

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi,
Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

Al-Rawi: Muslime bei Wahl "Zünglein an der Waage"

In Wien sind laut Schätzungen mehr als 200.000 Menschen mit Migrationshintergrund wahlberechtigt. Omar Al-Rawi ist der Kontaktmann der Wiener SPÖ zur Islamischen Glaubensgemeinschaft - und zu deren Wählerschaft.

Ihr Chef in der Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, fordert im Wiener Wahlkampf ein Minarett pro Bundesland. Das gefällt Ihrem Chef in der Wiener SPÖ, Michael Häupl, weniger. Oder war das Wahlkampfhilfe für Omar Al-Rawi, der sich schützend vor die Moslems stellen kann?

Omar Al-Rawi: Das war keine gezielte Forderung, sondern eine Antwort auf eine Frage in einem Interview. Da hat er von Visionen in 50 Jahren gesprochen.

Sie sind Medienprofis. Sie fordern immer wieder von nicht muslimischer Seite Fingerspitzengefühl. Auf Fingerspitzengefühl wurde da völlig verzichtet.

Besten Profis kann etwas passieren.

Eine solche Entschuldigung würden Sie bei jedem anderen aber nicht gelten lassen.

Es passiert, dass eine Aussage zur Schlagzeile wird und nicht diejenige, die man selber gerne sehen würde.

Das könnte Ihnen jetzt auch passieren, das ist Journalismus. Ariel Muzicant hat gemeint, man solle Moscheen bauen, aber möge auf das Minarett verzichten. Kann es für Sie Moscheen ohne Minarette geben?

Es muss nicht unbedingt ein Minarett sein. Aber ich bin dagegen, es zu verbieten. Es gibt in Österreich über 200 Moscheen, vier haben Minarette.

Braucht Wien mehr Moscheen?

Ich glaube nicht, dass Wien mehr Moscheen braucht, aber es ist an der Zeit, diese alten, ungesunden Räume in Hinterhöfen und Kellern, in denen es keinen würdigen Rahmen für das Gebet gibt, zu modernisieren. In manchen Fällen wird man an einen anderen Standort übersiedeln müssen. Das ist Sache des Bedarfs und nicht des Justaments. Deswegen zu sagen, in allen Landeshauptstädten brauchen wir eine Moschee, ist nicht meine Aussage.

Klagenfurt oder Eisenstadt benötigt wohl tatsächlich keine Moschee mit einem Minarett. Aber Favoriten oder Ottakring vielleicht?

Gerade in Favoriten sind zwei Moscheen vor drei Jahren entstanden. In Ottakring ist vor fünf Jahren eine neue Moschee eröffnet worden, in einem Raum, den man von außen nicht als Moschee erkennt.

Dann gibt es also kein Problem?

Es gibt in Wirklichkeit kein Problem. Das Problem entsteht dort, wo ein neues Zentrum entsteht und Anrainer Sorgen wegen der Parkplatzproblematik und Lärmbelästigung haben. Problematisch wird es für mich, wenn in einer Bürgerinitiative, die berechtigte Sorgen hat, Leute von außerhalb auftauchen und dubiose Menschen aus dem rechtsextremen Bereich mitmarschieren.

Apropos Extremismus: Nach der Aufbringung von Schiffen der Gaza-Flotte hat es auf Ihr Betreiben die berühmte Resolution im Gemeinderat gegeben, in der Israel verurteilt wird. Am selben Tag hat es eine unangemeldete Demonstration gegen Israel mit Nazi-Sprüchen und Randale gegeben. Wo ist da Ihr mäßigendes Auftreten geblieben?

Diese Demonstration war illegal, und ich habe sie verurteilt und mich davon distanziert. Es stimmt, dass der Gemeinderat keine außenpolitische Kompetenz hat, aber wir haben sehr wohl schon vorher zu solchen Themen Stellung genommen – etwa gegen den iranischen Präsidenten. Ich stehe zu dieser Resolution.

Auch wenn Sie heute mehr Informationen haben und wissen, dass nicht alle Teilnehmer dieser Blockadebrecher-Aktion ausschließlich Friedensstifter waren.

Ich kenne nicht alle 700 Leute, die auf den Schiffen waren. Aber natürlich war es eine politische Mission, um eine Blockade des Gaza-Streifens zu beenden und für die Beendigung dieser Blockade bin nicht nur ich, sondern das haben auch der Obama, der Sarkozy und Ban-Ki-moon genauso gesagt.

Diese verwenden andere Mittel. Es gibt eine Lesart in dieser Stadt: Diese scharfe Resolution gegen Israel war von Ihnen auch eine Aktion, für Michael Häupl, israelkritische Wähler mit moslemischem Hintergrund zu binden.

Sie verwenden genau dieselben Mittel: Resolutionen und politische Aufrufe. In dem Moment war ich sicher nicht an Wählerstimmen interessiert. Wir alle gehen d'accord, dass der Umgang der israelischen Marine mit dieser Flotte nicht gescheit war.

Völlig d'accord, aber ich rede von den österreichischen Implikationen – Sie würden sich doch als israelkritisch bezeichnen, oder?

Ich bin ein Kritiker der Politik, nicht Israels, sondern der Politik der israelischen Regierung. Die Untersuchungsergebnisse der UNO über den Vorfall geben mir recht.

Was sagt Ihnen diese österreichische Organisation IHH, die hinter der Gaza-Flottenaktion stand, und deren deutscher Ableger verboten wurde?

Bis zu dieser Flottengeschichte war das für mich kein Begriff.

Auch nicht die in Österreich? In Österreich hat sie keinen Konnex zur islamischen Glaubensgemeinschaft?

Nicht, dass ich wüsste. Das ist eine humanitäre Organisation, die als Verein in Wien organisiert ist.

Aber in Deutschland sammeln die offenbar Geld für der Hamas nahestehende Organisationen. Sind das humanitäre Aufgaben?

In Wien ist das offenbar nicht so.

Glauben Sie, dass Wähler muslimischen Glaubens wahlentscheidend sein werden?

Sie werden das Zünglein an der Waage sein. Sie können vor allem die Wahlbeteiligung erhöhen. Sie sind sicher keine freiheitlichen Wähler. Es hat sich oft gezeigt, dass viele nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Heinz-Christian Strache wird mit seinem aggressiven Wahlkampf sehr wohl eine Mobilisierung schaffen.

Zynisch gesagt: Strache hilft auch der SPÖ?

Das weiß ich nicht. Auf so eine Hilfe kann ich verzichten. Meine Sorge über den Wahlkampf ist, dass Strache Zwietracht sät und die Gesellschaft spaltet.

Was sagen Sie zu den Aussagen von Thilo Sarrazin, stimmt Sie die Unterstützung nicht nachdenklich? Glauben Sie nicht, dass einige seiner Befunde für Deutschland, aber auch Österreich nicht einen wahren Kern haben?

Es stimmt mich nachdenklich, dass so viele Menschen bereit sind, dem offensichtlichen Rassismus eines Herren Sarrazin Beifall zu klatschen. Die Muslime in Österreich haben noch einen langen Weg im Kampf um die Herzen der Menschen vor sich. Wir müssen uns noch viel Akzeptanz erarbeiten. Der Schlüssel liegt in der Bildung. Eines unserer Probleme ist, dass ein großer Teil es nicht geschafft hat, in die Mittelschicht zu kommen.

Ein Versagen der SPÖ eigentlich.

Würde ich nicht sagen. Das ist einerseits eigenes Versagen, andererseits liegt es an den gesellschaftlichen Strukturen und an der Wirtschaft des Landes.

Studien sagen, dass junge türkischstämmige Männer eher gewalttätig sind.

Ich kann das nicht nachvollziehen.

Aber solche Studien gibt es.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass türkische Männer oder Muslime gewaltbereiter sind als andere.

In der SPÖ gibt es eine Kandidatin, die Kopftuch trägt: Das ginge in der Türkei nicht.

Das ist ein Zeichen der Normalität. Auch die ÖVP hat eine.

Aber offenbar nicht für Türken.

Aber wir sind nicht in der Türkei.

Für sehr gläubige Moslems ist es angenehmer, in Österreich als in der Türkei zu leben.

Ich habe mich als Moslem hier nie schlecht gefühlt.

In Wien sind laut Schätzungen mehr als 200.000 Menschen wahlberechtigt, die Migrationshintergrund haben. Alle Parteien versuchen, bei den Zuwanderern zu punkten. Die Meinungsforschungsinstitute Ifes und TrendCom erhoben im Juni 2010, wen Migranten wählen. Türken sind laut dieser Studie besonders SPÖ-fixiert. 78Prozent der türkischstämmigen Community würden die Sozialdemokraten wählen, nur 16 Prozent die Grünen, fünf Prozent die ÖVP und lediglich ein Prozent die FPÖ. Bei Wählern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen (Serben, Bosnier, Kroaten), hat ebenfalls die SPÖ die Nase vorn. 56 Prozent tendieren zu ihr, zehn Prozent zu den Grünen, sechs Prozent zur ÖVP. Dass sich FP-Chef Heinz-Christian Strache seit vielen Jahren vor allem um serbischstämmige Wähler bemüht, trägt Früchte: 27 Prozent der Wähler aus dem ehemaligen Jugoslawien würden die FPÖ wählen. Migranten aus der Slowakei, Tschechien und Ungarn sind ebenfalls SPÖ-affin.

Muslime sagen: "Nicht mit uns!" zur Hasspropaganda der FPÖ

Stellungnahme Islamischen Glaubensgemeinschaft, Wien 28. September 2010

"Wennst dem Mustafa ane aufbrennst, kriagst a Hasse spendiert." Daneben ein kleiner Bub, der nur allzu willig mit seiner Schleuder schießt.  - Das Entsetzen unter türkischstämmigen und muslimischen WienerInnen ist groß und macht sich bei uns in der Islamischen Glaubensgemeinschaft Luft. Tausende Kinder und Jugendliche, viele von ihnen selbst "Mustafas",  mussten oben zitierte Comicsprechblase als unfreiwillige Empfänger der FPÖ Hasspropaganda lesen. Eltern hören bange Fragen wie: "Werden wir jetzt auf der Straße verprügelt?" und vor allem. "WARUM? Wir gehören doch hier dazu!".  Aufgebracht melden sie sich, wie sie erstens dazu kommen, dass mit ihrem Steuergeld solches Aufstacheln zu Gewalt gegen sie finanziert wird und zweitens ungebeten an sie verschickt wird.

Diese besorgten Reaktionen haben die Islamische Glaubensgemeinschaft bewogen, eine Anzeige wegen Verhetzung zu erstatten. Es genügt nicht, das FPÖ Machwerk in den Mist zu befördern und so zu zeigen, dass es zu primitiv ist, überhaupt ernsthaft diskutiert zu werden. Denn werden dumpfe Scheinargumente  ständig widerspruchslos wiederholt, drohen sie in breiten Gesellschaftskreisen verinnerlicht zu werden.  Seit Jahren sind wir Zeugen der Feindbildpolitik der FPÖ, die vor allem Muslime, neuerdings vor allem Türken, so hinstellt, als seien sie eine "Bedrohung" gegen die es moralisch gerechtfertigt sei vorzugehen.

Diese Islamfeindlichkeit führte dazu, muslimische Sichtbarkeit in Frage stellen zu wollen, als dürfe für Muslime nicht die volle Religionsfreiheit gelten. Das ist bedenklich genug, denn bereits teilweise in das Mainstream-Denken gesickert.   Wenn zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen gar tätliche Gewalt gegen Muslime verherrlicht wird (siehe das inzwischen gerichtlich verbotene Anti-Minarett "Spiel"), dann muss dies ernste Konsequenzen nach sich ziehen. An erster Stelle ist der Rechtsstaat gefordert, die Menschen in Österreich vor solcher Hetze zu schützen. Danach die Politik, die sich gegen die populistische und demagogische Abwärtsspirale durch die Pflege einer inhaltlich fundierten demokratischen Streitkultur stellen sollte.

Längerfristig ist das Bildungssystem gefragt. Interreligiöse Projekte der christlichen und muslimischen ReligionslehrerInnen wirken schon jetzt, oft noch im Stillen. Von den Schulen muss auch eine differenzierte Sicht auf die Geschichte der türkisch (osmanisch)-österreichischen Beziehungen ausgehen. Dies würde helfen, Hasspropaganda von vornherein in ihrer Absicht zu durchschauen.

Herauszuarbeiten ist etwa, dass es sich bei den "Türkenkriegen" um zeittypische machtorientierte Expansionskriege handelte und keinesfalls um Religionskriege - die tobten zum Teil fast zeitgleich zwischen den christlichen Konfessionen in Europa. Protestanten, auch aus Österreich, fanden auf ihrer Flucht Aufnahme und Schutz im Osmanischen Reich. Seit Beginn der Neuzeit wurde allerdings verstärkt alles Islamische zum Feindbild stilisiert, um so eine Folie der Abgrenzung gegenüber dem "eigenen" und damit möglichen Einigungsfaktor zu gewinnen. Folgte man der krausen Logik der FPÖ und ihrer Konstruktion eines "Erbfeindes", so hätte das europäische Einigungsprojekt nie stattfinden können. Denn innereuropäisch waren  viele zwischenstaatliche Beziehungen historisch belastet. Dass dieser Ballast abgeschüttelt werden konnte, sollte auch bei der Gestaltung heutiger Herausforderungen motivierendes Vorbild sein.

Rückfragehinweis:

Carla Amina Baghajati,
Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft

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