Baghajati Carla Amina

Diese Homepage wurde mit einem neuem CMS aufgesetzt und befindet sich daher in Arbeit ...

Carla Amina Baghajati

Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubengemeinschaft und Mitgründerin der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen.

CV Carla Amina BAGHAJATI

Name:

Baghajati

Mädchenname:

Siebrasse

Vorname:

Carla (Amina)

Geburtstag:

29.06.1966

Geburtsort:

Mainz-Mombach/Deutschland

Familienstand:

verheiratet seit 1990 mit DI Tarafa Baghajati

Sprachen:

Deutsch, Englisch, Arabisch, Latein, wenig Französisch

Ausbildung:

Matura in Mainz, Schauspieldiplom am Konservatorium der Stadt Wien, Studium der Komparatistik, Arabistik und Geschichte (nicht abgeschlossen)

 

1987:

Übersiedlung nach Wien zwecks Studium

1989:

Übertritt als Protestantin zum Islam

1991 – 1994:

Theater- und Freizeitprojekte mit muslimischen Kindern und Jugendlichen

1995 -1998:

Mitaufbau und Leitung des ersten zweisprachig arabisch – deutschen Kindergartens in Wien

1999:

Beginn gezielter Arbeit an Integrationsprojekten  – Organisation von Frauentreffen (in Zusammenarbeit mit dem WIF), Entwicklung und Leitung des Workshops „Wie begegne ich Fremdenfeindlichkeit im Alltag?“, Vermittlung von Sprachpartnerschaften, Gestaltung von Freizeitprogrammen für Migrantinnen

Seit Nov. 1999:

Mitbegründung der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen zur aktiven Förderung eines gesellschaftlichen Klimas von mehr gegenseitigem Verständnis und Toleranz
Aufgabenbereiche: Medienarbeit, interreligiöser Dialog, Vernetzung, Gestaltung von „Tagen der offenen Moscheen“, Referentin und Organisatorin des Begegnungs- und Diskussionsprojekts an Schulen „Islam – was ist das?“, Planung und Durchführung von berufsspezifischen Workshops rund um das Thema „Islam in Österreich“ (z.B. Polizei, PädagogInnen)

Juni 2000:

Wahl in den Ausschuss der Islamischen Religionsgemeinde Wien, ehrenamtlich betraut mit dem durch Präsident Anas Schakfeh neu geschaffenen Referat für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit:

Juni 2002:

Berufung in den Schurarat und Obersten Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft
Vortragstätigkeit, Podiumsdiskussionen, Beteiligung an internationalen Konferenzen und Arbeitskreisen wie für „Kulturhauptstadt Europas -Graz 2003“, oder als österreichische Vertreterin für ASEF Konferenzen 2006 u. 2008  (nominiert durch das österreichische Außenministerium), Artikel und Gastkommentare in verschiedenen Medien und Buchpublikationen, Gestaltung der Homepage der IGGiÖ www.derislam.at, Mitwirkung und Mitorganisation der Grazer Konferenz Leiter islamischer Zentren in Europa 2003, der 1. Österreichischen Imame-Konferenz 2005 und der Europäischen Imamekonferenz 2006, sowie anderer größerer Veranstaltungen

Seit September 2004:

Lehrtätigkeit an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie und der
Islamischen Fachschule für Soziale Bildung in Wien, 7.,Neustiftgasse 117

Jänner 2006 bis August 2008:

Monatliche Kolumnenbeiträge in der Wochenzeitung „Die Furche“

März 2006:

Gründungsmitglied der „Plattform Christen und Muslime“

Juli 2008:

Annahme der österreichischen Staatsbürgerschaft

7.11.2008

Verleihung des Bundesehrenzeichens für ehrenamtliches Engagement im interkulturellen Dialog durch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur

13.11.2008

Verleihung des Demokratiepreises der Margarethe Lupac Stiftung für Parlamentarismus und Demokratie an die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

 

Annahme der österreichischen StaatsbürgerschaftVerleihung des Bundesehrenzeichens für ehrenamtliches Engagement im interkulturellen Dialog durch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und KulturVerleihung des Demokratiepreises der Margarethe Lupac Stiftung für Parlamentarismus und Demokratie an die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

 

Wien,  im Dezember 2008 Carla Amina BAGHAJATI

Weitere Informationen

"Musliminnen am Wort" - Deklaration muslimischer Frauen

Musliminnen am Wort:

Gegen jede Verbotspolitik auf unseren Köpfen!

Für unser Selbstbestimmungsrecht!

Und die volle Teilhabe an einer pluralen Gesellschaft!

Österreich war über viele Jahrzehnte auf der Basis des Islamgesetzes von 1912 bzw. der IGGÖ seit 1979 ein Vorbild für eine erfolgreiche Politik im Umgang mit der muslimischen Bevölkerung. Dieser bewährte Stil droht dem gegen­wärtigen politischen Diskurs zum Opfer zu fallen. Diese Abkehr vom bewährten Kurs ist ein demokratiepolitisch falsches Signal.

Mit dieser Deklaration von Musliminnen aus allen Teilen der Bevölkerung melden wir uns zu Wort, um vor den negativen gesamtgesell­schaft­li­chen Folgen für das Zusammenleben in Österreich und dem Verlust von Ansehen in Europa und international zu warnen.

Den Beginn der Menschenrechtserklärung von 1948 stellen wir unserer Deklaration voran:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Geschwisterlichkeit begegnen.“

Aufgrund der Analyse des derzeitigen Diskurses halten wir fest:

  • Unsere Köpfe sind keine Werbefläche! Schluss mit Projektio­nen islamfeindlicher Tendenzen auf das Kopftuch!
  • Was das Kopftuch für eine Frau ausdrückt, bestimmt die Trägerin selbst!
  • Muslimische Identität soll für Frauen nicht auf das Kopftuch­tragen zugespitzt bzw. beschränkt werden!

Wir wenden uns gegen in Umlauf befindliche Narrative und definieren uns selbst:

  • Wir muslimische Schülerinnen und Studentinnen sind Zukunfts­trägerinnen!
  • Wir muslimische Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen fördern den sozialen Zusammenhalt!
  • Wir muslimische Mütter rücken das Kindeswohl in den Mittel­punkt!
  • Wir Lehrerinnen und Moscheepädagoginnen stärken Mädchen in ihrer Persönlichkeit!

Wir fordern von der Politik:

  • Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen:
    • Keine Verbotspolitik auf unseren Köpfen!
    • Kein Eingriff in die Religionsfreiheit!
    • Keine Diskriminierung durch eine Lex Islamica mit expliziten Verboten für Musliminnen!
    • „Schutzverständnis“ darf weder zu Bevormundung, noch zu Entmündigung führen!
       
  • Respekt vor dem Kindeswohl:
    • Anerkennung der Erziehungsarbeit muslimischer Eltern und Kooperation mit ihnen statt pauschaler Verunglimpfung!
    • Fokus auf den gesamtgesellschaftlichen Handlungsbedarf im Sinne des Kindeswohls (Herausforderungen wie etwa Gewalt in der Familie, Verwahrlosung, Sucht oder Scheidungswaisen) und die daraus folgende politische Verantwortung in der Bereitstel­lung dringend notwendiger Ressourcen für Hilfsangebote!
    • Chancengleichheit für Kinder und Schutz vor abwertendem oder gar übergriffigem Verhalten ihnen gegenüber; Beachtung der Kinderrechte (Kinderrechtskonvention von 1992, bes. Art. 14)!
       
  • Übernahme von politischer Verantwortung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt:
    • Entgegenwirken bei Feindbilddenken und Polarisierung!
    • Schutz vor jeglicher Diskriminierung!
    • Ausschöpfung der bestehenden Rechtslage im Sinne des Gleichheitsgrundsatzes!
       
  • Frauenpolitik, die Musliminnen auf gleicher Augenhöhe einbezieht:
    • Mit uns reden, statt über uns!
    • Anerkennung der persönlichen Entscheidung, das Kopftuch zu tragen oder nicht zu tragen!
    • Schluss mit negativen Zuschreibungen und Unterstellungen, um letztlich Diskriminierung zu rechtfertigen!
       
  • Integration von Musliminnen in den Arbeitsmarkt:
    • Fokus auf die Qualifikation von Frauen und nicht auf das Kopf­tuch oder den fremdländisch klingenden Namen!
    • Vorbildwirkung des Staates als Arbeitgeber in der Umsetzung der EU-Antidiskriminierungsrichtlinie (in Österreich ab 1. Juli 2004 implementiert)!
    • Empowerment im Bildungsbereich muss den vollen Zugang zum Arbeitsmarkt – gerade bei höheren Bildungsabschlüssen –  mit­einschließen!

Wir fordern innerhalb der muslimischen Community:

  • Verwirklichung der Beschlüsse der Imamekonferenzen  von 2003, 2006 und 2010:
    • Mehr Teilhabe und Mitsprache von Frauen in der Organisation und Führung muslimischer Vereine und Institutionen!
    • Die Rolle der Frauen als Bildungsträgerinnen stärken und diese in den innermuslimischen Diskurs vermehrt einbeziehen!
    • Die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie!
    • Aktives Eintreten gegen Benachteiligung von Frauen und bei Gewalt gegen Frauen!
       
  • Stärkung von Männern, die sich für Frauenrechte einsetzen!
     
  • Keine Ablenkung von den aktuellen vielfältigen politischen Herausforderungen und dem entsprechenden Handlungsbe­darf durch das Kopftuchthema!
     
  • Frauen allein kommunizieren über das Tragen des Kopf­tuchs!

Erläuternde Bemerkungen
 

  1. Analyse

    Die oben genannten Forderungen entspringen einer Analyse des derzeitigen Diskurses:

  • Es wird mehr über uns muslimische Frauen als mit uns geredet.
     
  • Wir haben es satt, als Opfer hingestellt und bemitleidet zu werden. Egal ob wir Kopftuch tragen oder nicht erleben wir im derzeitigen gesellschaftlichen Klima Druck. Wir sehen uns als selbstständige Akteurinnen und verwahren uns gegen selbsternannte „Befreier“ und „Beschützer“. Besonders zynisch empfinden wir es, wenn man uns, sobald wir Diskriminierungserfahrungen öffentlich machen, auch noch unterstellt, uns in der „Opferrolle verstecken zu wollen“.
     
  • Die immer wiederkehrenden Kopftuchdebatten lenken von den eigentlichen gesell­schaft­li­chen Problemen ab und werden somit politisch instrumentalisiert. Polarisierung droht.
     
  • Aus frauenpolitischer Sicht warnen wir eindringlich davor, dass durch die Fokussie­rung auf das Kopftuch unterstellt wird, nur bei „den anderen, den Muslimen“ würden patriarchale Zustände vorherrschen. Jedoch sind gesamtgesellschaftlich Verbesserun­gen auf dem Weg zu allgemeiner Chancengleichheit und Geschlechter­gerechtigkeit immer noch notwendig, wie auch das Frauenvolksbegehren zeigt.
     
  • Verbotspolitik steht im Widerspruch zum Prinzip der Mündigkeit und der Emanzipa­tion von Frauen. Es ist auffällig, dass die Forderung eines Kopftuchverbotes in der Politik am lautesten von Männern erhoben wird. Die angebliche „Befreiung“ der Frauen mündet im Falle von Kleidervorschriften wieder in der Bevormundung. Somit unterscheidet sich jemand, der zum Kopftuch zwingen will, nicht von jemandem, der es verbieten will. Bei der Entscheidung steht Selbstbestimmung im Vordergrund und diese ist zu respektieren.
     
  • Musliminnen werden einerseits als „Integrationsmotor“ beschrieben (z.B. Studie von Zulehner, 2013) mit der Betonung, dass sie als role models traditionelle patriarchale Rollenbilder aufbrechen. Genau das leben wir auch. Andererseits schafft die Verbots­politik Sanktionen, die sich pauschal gegen alle muslimischen Frauen richten.
     
  • In Zeiten brüchiger eigener Identitäten haben manche politischen Gruppen leichtes Spiel, ihr Selbstbild über die Abgrenzung von anderen scheinbar zu festigen und zunehmende Risse in der Gesamtgesellschaft zu überdecken. Das Kopftuch scheint sich dazu in seiner öffentlichen Sichtbarkeit als Projektionsfläche gut anzubieten.
     
  • Eine angeblich bedrohliche Andersartigkeit der Kopftuchträgerinnnen wird konstru­iert. Das verstellt den Blick darauf, dass sich eine Kopftuchträgerin in ihren Anliegen nicht von anderen Frauen unterscheiden muss: Etwa in ihrem Streben nach einer geschlechtergerechten Gesellschaft, in der die volle Chancengleichheit von Männern und Frauen gewahrt ist.
     
  1. Forderungen

Diese konstruierte „bedrohliche Andersartigkeit“ bedarf der Dekonstruktion!

Ob wir nun Kopftuch tragen oder nicht, lehnen wir grundsätzlich islamfeindliche Projektionen auf dieses Kleidungsstück ab. Die Sichtbarkeit des Kopftuchs ist gegeben. Aber wir wehren uns entschieden dagegen, dass auf unseren Köpfen Politik betrieben und gesellschaftlicher Zwiespalt geschürt wird. Wir lassen uns nicht zur Litfaßsäule von Botschaften machen, die wir ablehnen. Wir fordern:

Unsere Köpfe sind keine Werbefläche – Schluss mit Projektionen auf das Kopftuch!

  • Die muslimische Identität soll sich für Frauen nicht auf das Kopftuch­tragen zuspitzen!
    Viele muslimische Frauen tragen kein Kopftuch. Wir Musliminnen lassen uns nicht gegenei­nander ausspielen oder gar spalten, sondern sind solidarisch miteinander.  Ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht, sagt nicht automatisch etwas darüber aus, ob sie eine „gute Musli­min“ ist. Genauso wenig erlaubt es eine Schlussfolgerung, ob sie „konservativ“ oder „liberal“ ist. Eine Deutungshoheit über die Religiosität einer Frau kommt keinem Menschen zu. Auch hier sind die Gründe sehr individuell. Eine Rechtfertigung für das Nicht-Kopftuchtragen entfällt!
     
  • Was das Kopftuch für sie ausdrückt, bestimmt die Trägerin selbst!
    Die Definitionshoheit über das Kopftuch liegt bei der Trägerin selbst. So vielfältig die Arten des Kopftuchtragens sind, so unterschiedlich können auch die Motivationsgründe und die individuellen Sinnzuschreibungen sein.

    Gemeinsam ist Frauen, die sich für diese Kopfbedeckung entschieden haben, der religiös-spirituelle Zugang in ihrer Lebensgestaltung. Darüber hinaus haben sie viele individuelle Gründe. Eine Rechtfertigung für das Kopftuchtragen entfällt!
     

  • Schluss mit der Zuschreibung, das Kopftuch sei „fremd“!
    Der Islam ist seit 1912 eine in Österreich anerkannte Religion. Österreich ist Heimat - für Musliminnen mit Staatsbürgerschaft, viele von ihnen bereits hier geboren und aufgewachsen, wie für jene, die hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben.
     
  • Schluss mit der Verdächtigung, das Kopftuch sei ein „Zeichen der Abgrenzung“!
    Wir sehen uns als Teil der Gesellschaft und treten – sei es im Berufsleben oder im Alltag – für das Allgemeinwohl ein. Wie sich eine Frau kleidet, ist allein ihre Entscheidung. Unabhängig von ihrem Kleidungsstil verdient sie die gleiche Achtung und den gleichen Zugang zu Ressourcen. Wir stehen für den sozialen Zusammenhalt. Frauensolidarität mit dem gemein­samen Ziel der Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen und alle benachteiligten Gruppen ist uns ein entschiedenes Anliegen.
     
  • Schluss mit der Unterstellung, das Kopftuch sei ein „politisches Symbol“ oder gar ein Zeichen des „politischen Islam“
    Wir haben untereinander vielfältige politische Anschauungen. Von einem Kopftuch kann man noch lange nicht auf die politische Orientierung der Trägerin schließen. Unsere politische Teilhabe – etwa in Ausübung des Wahlrechtes – bezieht sich vor allem auf die Zukunft unse­res Lebensmittelpunktes Österreich. Wir stehen auf dem Boden des demokratischen säkularen Rechtsstaates. In der österreichischen Ausprägung eines Kooperationsmodells zwischen dem Staat und den Religionsgemeinschaf­ten sehen wir die Religionsfreiheit und die persönliche Freiheit jeder einzelnen Person gewahrt. Wir sehen uns als Verteidigerinnen dieses Modells und sind uns darin mit vielen Frauen anderer Religionsgemeinschaften einig.
     
  • Schluss mit der Behauptung, das Kopftuch sei das „Symbol der Unterdrückung“!
    Als Musliminnen treten wir selbstbewusst für unsere Rechte ein. In unserem Islamverständnis sind Frauen und Männer mit der gleichen Verantwortlichkeit ausgestattet. Patriarchale Bevormundung egal welcher Couleur lehnen wir ab.
     
  • Schluss mit der Sexualisierung des Kopftuchs!
    Wir sind überzeugt, dass Männer sich allen Frauen gegenüber respektvoll zu verhalten haben, unabhängig von ihrem Kleidungsstil. Es ist eine unzulässige Umkehr des Verhältnisses Täter - Opfer will man Frauen, gegen die Männer übergriffig werden, aufgrund ihres Kleidungsstils die Schuld für den männlichen Übergriff zuschieben. Frauen sind Subjekte und keine Objekte!
     
  • Schluss mit der pauschalen Abwertung der religiösen Kopfbedeckung!
    Durch das Bündel an ideologischen Zuschreibungen wird das Kopftuch als Kleidungsstück „verdächtig“ gemacht und damit zugleich die Trägerin selbst. Sie wird dann beschuldigt, die mit dem Kopftuch verbundenen negativen Assoziationen bewusst mitzutragen oder sich dafür missbrauchen zu lassen. Dies wiederum führt dazu, Diskriminierung gegen Kopftuchträgerin­nen zu rechtfertigen, angeblich um die „eigenen Werte“ zu verteidigen. Dadurch entstehen Gräben, wo keine sein müssten. Es geht auch nicht, von außen das muslimische Kopftuch an sich als „diskriminierend“ hinstellen zu wollen, um damit Verbotsforderungen einen liberalen Anstrich zu geben.
     
  1. Das eigene Rollenverständnis

    Selbstverständnis und Außensicht klaffen in der Wahrnehmung muslimischer Frauen dras­tisch auseinander. Daher ist es uns ein Anliegen, zentrale Aspekte unseres sozialen Rollenver­ständnisses selbst zu erklären:

  • Wir muslimische Schülerinnen und Studentinnen sind Zukunftsträgerinnen!
    Entsprechend unseren Interessen besuchen wir verschiedenste Schulen und Universitäten, um in der Gesellschaft und im Berufsleben unseren gleichberechtigten Platz einzunehmen:
     
    • Mit allen unseren Potenzialen gestalten wir Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft mit.
    • Wir sind vollständig integriert, partizipieren auf allen Ebenen der Gesellschaft und erwarten uns Chancengleichheit. Als vollwertiger Teil der Gesellschaft wollen wir als solcher wahrgenommen werden.
    • Wir erleben uns selbst als Brückenbauerinnen in vielfältiger Hinsicht, denn wir bringen entsprechende Kompetenzen mit. Als eine davon ist unsere Mehrsprachigkeit ein Gewinn für die Gesellschaft.
       
  • Wir muslimische Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen fördern den sozialen Zusammenhalt!
    Wir sehen uns als wichtige Akteurinnen nicht nur für die Prosperität Österreichs, sondern auch für den sozialen Zusammenhalt:
     
    • Denn wir leben am Arbeitsplatz jene Diversität, die Österreich immer geprägt hat und zunehmend prägt. Dabei
      wird deutlich, dass in dieser Diversität eine Stärke für den Betrieb liegt, und dass in einem guten Team alle auf gleicher Augenhöhe kooperieren.
    • Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es oft sehr schwierig ist, einen Arbeitsplatz zu finden. Dabei haben es Trägerinnen eines muslimisch klingenden Namens nicht leicht, für Kopftuchträgerinnen ist es noch weitaus schwieriger.
    • Haben wir erst einmal die Gelegenheit erhalten zu arbeiten, wird schnell klar, wo unsere Stärken liegen, u.a.: in unserer vielfältigen Kulturerfahrung, die es uns leicht macht, auf andere Menschen zuzugehen; wir sehen keinen Widerspruch zwischen Glauben und Karriere, keinen Widerspruch zwischen Leistung und Weiblichkeit, keine Grenzen zwischen Spiritua­lität und z.B. einer Managementfunktion.
    • Wir erleben die gleichen Herausforderungen wie andere berufstätige Frauen, vor allem wenn sie Familie haben: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Frage der Kinderbetreuung. Gleichzeitig wollen wir als Vorbilder innerhalb der eigenen Com­munity wirken und dies nutzen, um einen positiven gesellschaftlichen Wandel in Richtung voller Geschlechtergerechtigkeit mitzutragen.
       
  • Wir muslimische Mütter rücken das Kindeswohl in den Mittelpunkt!
    Als Mütter – ob mit oder ohne Kopftuch – ist uns bei unserer Erziehung folgendes wichtig:
    ​​​​​​​
    • Liebe und Zuneigung - gegenüber Buben oder Mädchen - sind Basis unserer Eltern­schaft.
    • Unsere Töchter und Söhne sollen sich zu selbstbestimmten Frauen und Männern entwickeln können, die mit Optimismus und Tatendrang durchs Leben gehen und dabei ihr Glück und ihre Erfül­lung finden.
    • Unsere Töchter und Söhne erziehen wir zu selbstbestimmten Persönlichkeiten, welche die Gleich­wer­tigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter leben.
    • Wir zeigen unseren Kindern, dass gute Charaktereigenschaften wie Fähigkeit zu Empathie, Mut, Geduld, Hilfsbereitschaft und Fleiß allgemeine menschliche Tugenden sind und nicht geschlechtsspezifisch zu definieren sind.
    • Wir geben unseren Kindern notwendige Freiräume für ihre spirituellen und individuel­len Erfahrungen auf dem Weg zur Selbstfindung.
    • Wir sind gegen jede Art von Zwang. Unser verfassungsmäßig garantiertes Erziehungs­recht legen wir so aus, unsere Kinder darin zu unterstützen, mit zunehmender Reife eigene mündige Entscheidungen treffen zu können und diese dann auch vor sich und anderen zu vertreten. Damit liegt die Entscheidung über das Kopftuchtragen bei den Mädchen selbst.
    • Wir sehen die UN-Kinderrechtskonvention (1992) mit ihren wesentlichen Prinzipien als für unser erzieherisches Handeln verbindlich an. Diese Prinzipien können wir auch aus unserem religiösen Verständnis ableiten: Das Recht auf Gleichbehandlung, der Vorrang des Kindeswohls, das Recht auf Leben und Entwicklung und nicht zuletzt die Achtung vor der Meinung des Kindes.
    • In unserer Werteerziehung zeigen wir die Vereinbarkeit einer Identität als muslimisch und zugleich österreichisch-europäisch auf.
       
  • Wir Lehrerinnen und Moscheepädagoginnen stärken Mädchen in ihrer Persönlichkeit!
    ​​​​​​​Als Lehrerinnen an österreichischen Schulen oder Theologinnen und Moscheepädagoginnen (Muallimat) vermitteln wir folgende Prinzipien:
     
    • Das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit ist aus den muslimischen Quellen abzulei­ten.
    • Wir laden ein, über bestehende Widersprüche zwischen Religion und Tradition zu reflektieren.
    • Wir zeigen auf, wie schädliche Traditionen (harmful traditions) auch aus einer islami­schen Argumentation heraus überwunden werden können.
    • Auch wir diskutieren männliche und weibliche Rollenbilder und wie sich diese gesellschaft­lich in Richtung Geschlechtergerechtigkeit verändern können. Gleichzeitig machen wir jungen Menschen Mut, ihre eigene Rolle und ihren eigenen Weg in der Gesell­schaft zu suchen und zu finden.
    • Wir geben jungen Menschen eine spirituelle Verankerung, indem wir Selbstvertrauen in eine Verbindung mit Gottvertrauen stellen.
    • Wir zeigen auf, dass die Werte von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Menschenrechten mit unserem Islam vereinbar sind, ja aufgrund kundiger Auslegung dessen Geist entsprechen.

Die Deklaration wurde mit der Initiative „Musliminnen am Wort“ im Mai 2018 unter der Projektleitung von Carla Amina Baghajati und Zeynep Elibol ins Leben gerufen. Zum Zeitpunkt der öffentlichen Präsentation am 12. März 2019 hatte sie bereits tausende Unterzeichnerinnen.

Rückfragehinweis:

baghajati [at] derislam.at

zeynep.elibol [at] derislam.at

Abendland: Von der emotionalen Aufladung zu einem politischen Schlagwort

„Abendland“ ist weniger inhaltlich definiert, als emotional zum identitätsstiftenden Kitt, mitunter Kampfbegriff aufgeladen worden. Somit verwundert die Wiederverwendung in einer Zeit, da man EU- weit um ein gemeinsames Selbstverständnis ringt, kaum. Der FPÖ mit Islamfeindlichkeit als politischem Programm passt „Abendland“ als Projektionsfläche ins Konzept. In Verbindung mit dem Wiener „Anti-Islamisierung“- Slogan baut sich eine aggressive Stimmung gegen alles Muslimische auf. Das Suggerieren eines Bedrohungsszenario soll die moralische Rechtfertigung für Diskriminierung liefern.

So sehr ist „Abendland“ als Chiffre etabliert, dass zunächst nicht auffiel, wie mit „in Christenhand“ dezidiert auch Juden und generell Andersgläubige abgelehnt werden. Während in diesen Tagen der Ruf „Nie wieder!“ an die Verbrechen der Nazizeit erinnert, treffen wir hier auf eine Rhetorik, die bewusst Menschen gegeneinander ausspielt.

Daher war die klare Zurückweisung solcher Hetze durch die christlichen Kirchen von größter Bedeutung. Daran müsste sich ein breiter Diskurs anschließen, inwieweit eine verkürzte Wahrnehmung rund um das Thema „Islam“ aggressiver Propaganda den Boden bereitet. Wenn zu diversen Anlässen an das „jüdisch –christliche Erbe Europas“ erinnert wird, blendet dies das muslimische Element zu Unrecht aus und vergibt einen Anknüpfungspunkt in der Integrationsdebatte. Der Begriff „Leitkultur“ weckt Reminiszenzen an koloniales Überlegenheitsgehabe. Panikmache vor „Islamismus“ kulminiert neuerdings in der Verdächtigung, jedes gesellschaftspolitische Engagement religiöser Muslime in Europa diene eigentlich der Unterwanderung. Doch Ängste müssen ernst genommen werden.

Darum ist bedauerlich, dass der bisherige Verlauf der Wertedebatte kaum auf das Herausstreichen von Gemeinsamkeiten angelegt war. Es gilt der Versuchung zu widerstehen, aus menschlichem Fehlverhalten Einzelner mit ein paar aus dem Zusammenhang gerissenen religiösen Zitaten als pseudowissenschaftlicher Legitimation die Nichtexistenz zentraler Werte im Islam zu konstruieren. Anstatt angesichts sozialer Herausforderungen ein „Hand in Hand“ zu propagieren, würde man sich so wieder nur in Abgrenzungsfantasien verrennen

Je ne auch vorhandene geistige Tradition, die Abendland und Morgenland in ihrer Verflochtenheit aufzeigt und in anerkennendem Respekt auf Kulturleistungen eingeht, verdient Beachtung. Österreichische Namen wie Joseph von Hammer Purgstall stehen dafür ebenso wie Johann Wolfgang von Goethes viel zu wenig bekannte Beschäftigung mit dem Islam. Er sei abschließend zitiert: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Carla Amina Baghajati;

Schärfste Verurteilung des Terroranschlags in Orlando

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich verurteilt mit größter Entschiedenheit den grausamen Anschlag auf ein Homosexuellenlokal in Orlando, dem mehr als fünfzig Menschen zum Opfer fielen.

Einmal mehr müssen wir mit Trauer und Entsetzen erleben, welche schrecklichen Folgen blindwütiger Hass zeigen kann, wenn er gepaart ist mit fanatischen Fantasien sich zum Herrn über Leben und Tod aufzuwerfen. Nichts kann diese verheerende Gewaltorgie rechtfertigen – erst recht keine religiöse Argumentation. So ist sehr zu begrüßen, dass die größte muslimische Vertretung in den USA sich rasch mit einer deutlichen Verurteilung zu Wort meldete.

Demokratische und offene Gesellschaften müssen sich in ihrer Vielfalt solidarisch zeigen und ihren inneren Zusammenhalt stärken. Nur so kann einer bedrohlichen Spirale von gegenseitigem Misstrauen, Hass und  dem Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegen gewirkt werden. Das volle Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen.

Rückfragehinweis:

Beschreibung: Logo Mail Deutsch

Carla Amina Baghajati
Medienreferentin der IGGiÖ 

„Verbot des Islam“ – Nicht hinnehmbare ungeheuerliche Entgleisung

Über ein Verbot des Islam als solchem in Europa denkt Wolfgang Fellner in der Gratiszeitung „Österreich“ nach. Damit greift er das zentrale Menschenrecht der Religionsfreiheit offen an. Daher stellt seine Aussage eine Ungeheuerlichkeit dar und darf nicht stillschweigend übergangen werden.

Der Islam ist eine in Österreich staatlich anerkannte Religion. Ca. 600.000 Musliminnen und Muslime leben im Land, gut die Hälfte als österreichische Staatsbürger/innen. Sie werden in den zumindest geistigen Dunstkreis der Terroristen gerückt, wenn Fellner schreibt, dass sich die Grenzen zwischen dem friedlichen Islam und dem Terror im Namen des Islam immer mehr verwischten.

Diese Wahrnehmung ist auch eine Folge der Art, wie der Boulevard die Deutungshoheit über den Islam den Terroristen überlässt. Der friedliche Islam ist die Normalität, die im Blatt aber nicht oder viel zu wenig abgebildet wird. Dagegen kommt ein Wort wie „Dschihad“ nur in der missbräuchlichen Verwendung der Terroristen vor.

Die Terroristen werden sich über Fellners Wortmeldung jedenfalls freuen. Islamfeindlichkeit ist Wasser auf die Mühlen ihrer perfiden Rekrutierungspropaganda, bei der sie vor allem auf Ausgrenzungserfahrungen setzen. Fellner tut ihnen den Gefallen, über den ansonsten in der Gesellschaft ohnehin für Musliminnen und Muslime schmerzlich spürbaren Generalverdacht hinauszugehen. Indem er die Verbotsforderung in den Raum stellt, bestätigt er den Islam nur noch im Zerrbild, das die Terroristen liefern. Ist ihm klar, dass er ihren Religionsmissbrauch damit zum „Islam“ erhebt? Musliminnen und Muslime wehren sich in Geiselhaft dieser Verbrecher genommen zu werden. Dazu liefern sie u. a. über theologische Argumente auch wichtige Hilfe in der Präventionsarbeit. Diesen Stimmen Öffentlichkeit zu verschaffen, wäre ein wichtiges Mittel im Kampf gegen den Terror.

Vor allem braucht es ein Zusammenrücken in der Gesellschaft, um den Spaltungsversuchen der Extremisten gemeinsame Werte entgegenzuhalten. Religionsfreiheit gehört ebenso wie ihre Schwester Meinungs- und Redefreiheit zu diesen gemeinsamen Werten, ob wir uns nun christlich, muslimisch, jüdisch, buddhistisch oder agnostisch verstehen. Wollten demokratische Rechtssaaten ihre eigenen Prinzipien panisch über Bord werfen, dann würden sie sich zum willfährigen Instrument der Terroristen machen, denen die offene europäische Gesellschaft als Feindbild gilt.

Carla Amina Baghajati
Medienreferentin der IGGÖ

Stellungnahme

Die Islamische Glaubensgemeinschaft bekundet ihre Trauer, Betroffenheit und ihr Mitgefühl mit den Opfern der Anschlagsserie von Brüssel. Aber auch Wut macht sich unter Musliminnen und Muslimen breit angesichts der menschenverachtenden Bestialität der Terroristen, denen nichts heilig ist. In ihrem Todeskult und zerstörerischen Rausch, Angst und Schrecken zu verbreiten huldigen sie vor allem ihren irren Allmachtsphantasien. Jeder „Allahu akbar“ (Gott ist größer!) – Ruf, mit dem sie ihre Verbrechen begleiten ist eine Gotteslästerung.

Neben die schärfste Verurteilung der Terroristen und ihrer Verbrechen richtet die Islamische Glaubensgemeinschaft den Appell an Politik und Meinungsmacher/innen, in gebotener Ernsthaftigkeit für eine Lösung des Syrienkriegs einzutreten, der die gesamte Region destabilisiert. Auch die Türkei wird zunehmend zum Ziel terroristischer Attacken.

In dem Moment, wo endlich eine möglichst friedliche politische Stabilisierung in Syrien gelingt und die Menschen in einem unabhängigen demokratischen Rechtsstaat unter sozial gerechten Bedingungen leben können, wird der so genannte IS verschwinden.

Unsere Solidarität gilt allen Opfern terroristischer Anschläge sowie den unzähligen Leidtragenden, die sich in ihrer Heimat ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen, vor allem den Kriegsflüchtlingen.

Für die IGGiÖ Carla Amina Baghajati, Medienreferentin

Gastkommentar: "Das ist nicht der Islam!" weiterdenken

Als Muslime sind wir gefordert, in diesen Tagen von uns aus auf andere zuzugehen.

Inzwischen sind muslimische Verurteilungen von Terroranschlägen eine traurige und makabre Routine geworden: "Das ist nicht der Islam!" Auch Experten geben zu bedenken, dass die Terrorsekten zwar Versatzstücke der Religion missbrauchen, aber letztlich nicht aus der Religion heraus erklärbar sind. Radikalisierung müsse unter anderem mehr aus soziologischer, politischer und psychologischer Perspektive beleuchtet werden.

Die "Schuld" an den Gewaltexzessen einer ganzen Religion und zugleich der weit überwiegenden Mehrheit der friedlich lebenden Muslime anzulasten ist mehrfach problematisch. Religionen an sich gerieten damit unter Verdacht, wobei sie das Potenzial tragen, Frieden und Versöhnung zu fördern. Zudem wäre ein Anstieg von Islamfeindlichkeit Dünger für die Propaganda der Extremisten, die bei der Rekrutierung nur zu gerne auf eine Opferrolle setzen.

Trotzdem sollen sich Muslime nicht davor drücken, auch über die Religion Widerstand gegen die Terroristen aufzubauen. Und dies nicht nur im Sinne der Prävention und aus dem Kalkül, dass in der Mehrheitsbevölkerung das Unbehagen und die Angst steigen und umfassendere Aufklärung als der Stehsatz "Das ist nicht der Islam!" vonnöten ist.

Für die weitere Entwicklung eines islamischen Lebensgefühls, bei dem es selbstverständlich zusammengeht, sich gleichzeitig muslimisch und europäisch zu begreifen, kann ein solcher innermuslimischer Diskurs nur fruchtbar sein. Der Welt des Hasses müssen positive Botschaften entgegengesetzt werden, die nicht nur verbal formulieren, für welche Werte Muslime stehen, sondern diese auch vorleben. Lebensfreude und aktive Teilhabe in der europäischen Gesellschaft im Rahmen ihrer pluralistischen, demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung gehören dazu. Wenn wir argumentieren, dass das menschliche Leben unbedingten Schutz verlangt, so greifen wir auf die Lehre der maqasid asch-scharia zurück, der übergeordneten Ziele des Islams. Fünf Prinzipien gelten als absolut notwendig: das Leben, die Vernunft, das Eigentum, die Familie und die Religionsfreiheit. Für eine zeitgemäße Auslegung ist diese Perspektive höchst bedeutsam. Sie wirkt gegen Tendenzen eines wortwörtlichen Verständnisses der islamischen Quellen. Darüber hinaus führt das detailliert ausgearbeitete und entwicklungsfähige Gedankengebäude der maqasid in die Menschenrechtsdebatte, die von muslimischer Seite noch viel aktiver angegangen werden soll.

Über das methodische Vorgehen hinaus gilt es auch inhaltlich den Missbrauch islamischer Terminologie zu dekonstruieren. Die extremistische Einteilung der Welt in Muslime und kuffar im Verständnis von "Ungläubige" ist fatal. Und dies nicht nur, weil auch alle Muslime, die sich nicht zu ihnen bekennen, zu kuffar und damit in ihren Augen zu Rechtlosen degradiert werden. Der Koran betont Vielfalt als gottgewollt, besonders wenn es um die Religion geht (Koran 10:99; 14:13). Menschenwürde ist allen gleichermaßen zu eigen (Koran 17:70). Eine Kultur gegenseitigen Respekts kann noch vertieft werden, wenn Muslime erkennen, wie sorgsam sie selbst mit derartigen Begriffen umgehen müssen. Das fängt im Kopf an. Anerkennung entsteht in einem gemeinsamen Prozess. Als Muslime sind wir gefordert, in diesen Tagen von uns aus auf andere zuzugehen. Wenn wir alle ernst nehmen, gegen die Terroristen in unserer Vielfalt zusammenzustehen, kann das unsere Gesellschaft stärker machen. Denn betroffen sind wir alle!

Carla Amina Baghajati ist Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).

Reaktion der IGGiÖ zu den Anschlägen in Paris

Schockiert und entsetzt verurteilt die Islamische Glaubensgemeinschaft die Anschlagsserie in Paris, der bereits weit über hundert Menschen zum Opfer gefallen sind.

Die volle Solidarität und das Mitgefühl gelten allen Betroffenen und deren Angehörigen.

Wir alle sind gefordert, dem menschenverachtenden Terrorismus durch ein festes gesamtgesellschaftliches Zusammenstehen und Zusammenwirken zu begegnen.

Wien, am 14.11.2015

Rückfragehinweis:

Carla Amina Baghajati

Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich 

Flüchtlingstragödie auf der A4

Stellungnahme

Mit Schmerz und großer Trauer verfolgt die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich die Nachrichten rund um den auf der A4 gefundenen Lastwagen mit 71 toten Flüchtlingen. Präsident Sanac erneuert seinen Appell einer solidarischen Haltung mit Flüchtlingen. Spontan fand in vielen Moscheen beim heutigen Freitagsgebet ein Gedenken an die Toten statt, wurden Bittgebete gelesen und Koran rezitiert.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft weiß sich in mehrfacher Hinsicht diesen Toten und auch ihren Angehörigen und Freunden verpflichtet. Wir möchten zumindest jenen Anteil an Unterstützung leisten, der in unseren unmittelbaren Möglichkeiten steht, sei es in Zugängen bei der nun notwendigen Kommunikation zur Identifizierung der Toten, sei es in der religiösen Begleitung und Seelsorge. Also haben wir Kontakt mit den entsprechenden Stellen aufgenommen, um hier zusammen zu arbeiten.

Eine würdige Bestattung nach islamischem Ritus ist eine Notwendigkeit, für die wir uns gleichfalls einsetzen.

Diese Toten wie auch die unzähligen Opfer, die bereits auf der Flucht gestorben sind, sind eine Mahnung endlich zu einer Flüchtlingspolitik zu finden, die solche Tragödien verhindert.

Rückfragehinweis:
Carla Amina Baghajati
Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft

PEGIDA – Ein Weckruf sich der eigenen Stärken zu besinnen

Hass und Ausgrenzung sind nie ein Rezept, um eine Gesellschaft in ihrem „Wir-Gefühl“ zu stärken. Das zeigt auch PEGIDA. Die aggressive und menschenfeindliche Rhetorik heizt diffuse Ängste in der Bevölkerung an, um sich dann in islamfeindlichen radikalen Parolen zu ergehen. Die Negativbotschaften sind dabei leicht zu durchschauen. Sie richten sich gegen zentrale Werte Europas wie sozialen Zusammenhalt, Pluralismus und Religionsfreiheit und führen damit ihr eigenes Programm ad absurdum.

PEGIDA beginnt sich in Deutschland bereits selbst zu zersetzen. In Österreich steht zu hoffen, dass sich kein ernst zu nehmendes Phänomen entwickeln wird. Die starken Antworten der Zivilgesellschaft auf jede Form der Hetze bieten viel bessere Konzepte, um den Redebedarf in der Gesellschaft aufzugreifen. Wir danken allen, die sich hier entschieden zu Wort gemeldet haben, insbesondere den vielen Stimmen aus den Religionsgemeinschaften, die anders als PEGIDA echte Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit geben. In Österreich können wir auf einem nachhaltigen Dialog aufbauen, der sich gerade jetzt bewährt, indem gemeinsame Projekte intensiviert werden.

Aufklärung bedeutet dabei auch gegen religiösen Analphabetismus anzugehen. Wissen über Religionen nimmt Ängsten den Nährboden. Dialog kann auf viele Gemeinsamkeiten setzen, die den Dialog der Worte längst in einen Dialog der Taten münden lassen. Populistische Sager, das Verbreiten von Halbwahrheiten und selektive Wahrnehmung nur der Verbrechen der Terroristen, die man zur Bedienung des eigenen Feindbilds als repräsentativ für den Islam sehen möchte, hat hier nichts verloren.

Hier ist auch die Politik gefordert. Die ständige Vermischung der Themen Integration und Deradikalisierung droht uns gerade um Jahre zurückzuwerfen. Muslime sind längst ein Teil Österreichs. Europa hat nicht nur christlich-jüdische, sondern auch muslimische Wurzeln. Es gibt viele Erfolge, auf denen sich aufbauen lässt – man betrachte etwa die steigende Zahl von Elternvertretern mit Migrationshintergrund, darunter viele Muslime. Längst geht es um Partizipation, Inklusion und sozialen Zusammenhalt. Integration dagegen wird mehr zu einem gemeinsamen Thema soziale Randgruppen und bildungsferne Schichten auch der Mehrheitsbevölkerung in Zeiten wirtschaftlicher und globaler Krisen in der Mitte der Gesellschaft zu halten.

Rückfragehinweis:

Carla Amina Baghajati
Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft
Tel.:  06991 2381075

e-mail: baghajati [at] aon.at oder baghajati [at] derislam.at

Seiten

Share
RSS - Baghajati Carla Amina abonnieren